Der Wind fuhr leicht durch die Bäume, ließ die Blätter rascheln und sie sahen zu, wie die Gäste ankamen, wurden begrüßt, hießen willkommen, nickten hier und dort. Auch wenn es im Park der Eltern stattfand, war Chris der Gastgeber. Allerdings hatte er ihnen diesmal gerne das Organisatorische überlassen. Rund um den Pool und im Schatten der Bäume waren Tische und Stühle hingestellt, wo es nötig war, standen Sonnenschirme dabei. Es gab im Park Bänke, Sessel, Gelegenheiten sich auszuruhen oder zu reden. Vor dem Pavillon mit den Musikern war eine Bühne aufgebaut und eine Tanzfläche eingerichtet. Rund um diese standen Stühle für das Konzert.
Langsam füllte sich der Bereich mit den Gästen. Der Vater war neben ihn getreten. "Christoph, wer ist das?" "Wer?"
"Der junge Mann. Ist das einer deiner Bekannten? Ich kenne ihn nicht. War er nicht auch bei der Neuvorstellung? Ein außergewöhnlich gut aussehender Junge."
Chris sah seinen Vater erstaunt an und dann in die angegebene Richtung und erblickte Flo. Was für ein Outfit. Donnerwetter. Kein Wunder. Der musste auffallen. Der Vater hatte Recht. "Ich habe ihn eingeladen. Er heißt Florent."
"Letzthin sah er anders aus. Der Mann weiß, was ihm steht. Der hat eine Ausstrahlung. Stellst du ihn mir vor? Ich bin neugierig geworden." „Dir fällt so etwas auf?“ „Nun sei nicht albern Christoph.“
Da war etwas. Es war wie ein Erkennen und doch nicht. Nein, außer an der Buchvorstellung war er diesem Mann bestimmt noch nicht begegnet. Wo hätte das sein sollen? So einer wäre ihm in Erinnerung geblieben. Da war er sicher. Vermutlich war es ein Irrtum. Woher es kam, wusste er nicht. Es verwirrte ihn. Und er war nicht gerne verwirrt. Er hatte es lieber klar.
Chris staunte noch mehr. Sein Vater war nicht unbedingt einfühlsam und dann kam so etwas von ihm? Flo schien auf alle zu wirken, selbst auf den Alten. Na gut. Er ging ihn herholen, damit er diese Pflicht abhaken konnte, ließ die beiden allein und sah noch, wie angeregt sie sich unterhielten, mischte sich unter die Gäste, beobachtete aber immer wieder, was geschah. Er entdeckte dabei bei seinem Vater immer wieder einen nachdenklich suchenden Blick, so als käme ihm Flo bekannt vor, so als suche er in seinen Erinnerungen, wo er ihm schon begegnet war. Es schien jedoch so, als käme er nicht darauf.
"Herzlich willkommen Monsieur …?"
"Bonvoisin."
"Weigert. Ich hoffe, es gefällt Ihnen bei uns. Sehen Sie sich ruhig um. Bedienen Sie sich. Dafür ist alles da. Ich will nicht aufdringlich erscheinen. Entschuldigen Sie also die Frage. Sind wir uns schon einmal begegnet?"
"Ja, an der Buchvorstellung." Weigert lächelte. "Nein zuvor."
"Nicht dass ich wüsste." Er hatte seine neutral höfliche Seite hervor geholt und wandte sie an.
Der Mann war freundlich. Sie unterhielten sich über das Wetter, über Weine, über Aktualitäten. Aber Flo war froh, als er sich einem anderen Gast zuwandte. Er mochte Weigert nicht. An dem Mann war etwas, das ihn abstieß. Was es war, ging ihm nicht auf. Es war unterschwellig vorhanden. Sonst konnte er nicht klagen. Er wurde von ihm anständig behandelt. Das konnte es nicht sein. Es war nirgends Herablassung oder sonst etwas, das ihn geärgert hätte. Aber wie der ihn ansah … Es brachte etwas in ihm zum Klingen, das er nicht deuten konnte oder es nicht deuten wollte. Er sah ihn lächeln, lächelte zurück und fühlte sich dabei wie ein Heuchler. Ihm war eher ums Kotzen als ums Lächeln. Höflichkeit. Schön und gut. Manchmal notwendig. Er mochte sich heute selbst nicht. Vielleicht lag alles, was er empfand daran und nicht an dem Mann selbst.
Flo wirkte erstaunlich unbekümmert, gelöst und gut gelaunt. Chris ahnte nicht, wie sehr dieser Eindruck täuschte. Etwas später jedoch wurde ihm dies klar.
Wenn Chris gehofft hatte, sich auf Flo's Kosten zu amüsieren, einen kleinen oder größeren Skandal zu erleben – ja, und er hatte sich genau das erhofft – wurde er einmal mehr überrascht und in diesem Fall enttäuscht. Es gelang ihm nicht, Flo zu fassen, ihn einzuordnen, er schlüpfte aus allen Mustern und Vorstellungen. Er war einer von denen, die sich weigerten, irgendwo hinein zu passen. Bewusst oder unbewusst. Aber jeder gehörte in eine Art Muster hinein. Wer und was war Florent? Normalerweise gelang ihm die Einordnung. Er wusste wie Menschen waren. Da konnte ihm kaum einer etwas vormachen --- hatte er bisher gedacht. Für ihn waren Menschen berechenbar. Auf jeden Fall alle die, mit denen er umgeben war. Er kannte sich aus. Das hatte er gedacht. Es konnte nicht anders sein. Und doch war auf einmal alles anders.
Das war es, was ihn immer neugieriger werden ließ und ihn anstachelte, solche Tests wie heute durchzuführen. Flo trug schwarze Seidenhosen, perfekt geschnitten, matt glänzend, dazu ein durchschimmerndes Hemdgespinst, halb offen. Eine Kette war zu sehen und ein dazu passender Ohrring blitzte ab und zu auf. Das war es nicht allein. Er bewegte sich in dieser Party-Gesellschaft, als hätte er nie etwas anderes getan. Chris erkannte ihn kaum wieder, sah wie er hier und da lächelnd Konversation machte, zu diesem und jenem nickte. So wie es üblich war. Er sah wie er wie die anderen herum schlenderte, die Köstlichkeiten genoss, sich in keiner Weise daneben benahm, die Darbietungen über sich ergehen ließ. Nirgends ein Ausfall. Das war ... ernüchternd. Chris ärgerte sich. Er hatte anderes erwartet und kam nicht auf seine Kosten. Verhielt es sich mit den Menschen anders, als er bisher gedacht hatte oder war dieser eine solch eine Ausnahme, dass er damit alle Regeln brach?
Doch einmal, als sich Chris in seiner Nähe aufhielt, traf ihn ein Blick aus den hellgrauen Augen, der ihn vermuten ließ, dass ihn Flo durchschaut hatte und ihm eine gekonnte Vorstellung bot, während es in ihm brodelte. Er sah ihm an, dass der Mann ihm am liebsten eine gescheuert oder ihn mit einem Tritt in den Pool befördert hätte. Es lag Wut in diesem einen Blick und Chris beeilte sich, Distanz zwischen ihnen zu schaffen. Da hörte er ihn lachen und sah sich nach ihm um. Dieser unmögliche Kerl. Er wusste es und vermieste ihm seinen Spaß ganz bewusst, schien seinerseits seinen Spaß daran zu haben. Gemeinheit. Das war gründlich danebengegangen. Er durfte ihn nicht unterschätzen. Das war sein Fehler gewesen. Er ordnete diesen eindeutig falsch ein.
Nach einer Weile verabschiedete sich Flo formvollendet von seinen Eltern und bahnte sich einen Weg zu ihm, mit einem spöttischen Lächeln im Gesicht, aber mit kalten wütend glitzernden Augen. "Enttäuscht Chris? Habe ich mich nicht blamiert? War es nicht so amüsant, wie du es dir erhofft hast? Ich habe mich gut amüsiert, vor allem, weil ich gesehen habe, wie du denkst, was in dir vor sich geht und was du wolltest. Nein, spiel mir nicht kopfschüttelnd den ahnungslosen Unschuldsengel vor! Das zieht nicht." Er sprach nicht laut, aber was er sagte, war umso deutlicher. Chris fühlte sich wie ein ertappter Junge. "Du siehst aus, als könntest du keiner Fliege etwas zuleide tun, glatt und höflich, aber ich durchschaue dich. Heute habe ich genug Selbstbeherrschung. Das war nicht immer so und ist nicht immer so. Es kann ins Auge gehen. Ich weiß mich in Gesellschaft zu bewegen. Den Gefallen, hier den Pausenclown zu mimen, wollte ich dir nicht tun. Ich bin kein Dummkopf und kein Vorführ-Kandidat. Klar?"
Er marschierte davon, zu seinem Motorrad, holte dort seine Lederjacke aus einer der Taschen, machte in seine Richtung ein unmissverständliches Handzeichen und brauste mit extra großem Krach davon. Puh! Das war eindeutig gewesen und er war knapp einer dramatischen Szene entgangen. Es sah ganz so aus, als wäre es besser, Flo nicht zu reizen.
"Flo? Wollen wir reden?" Ein paar Tage später. Er hatte bewusst einige davon verstreichen lassen und hoffte, er hätte sich beruhigt. Es kam auf die Frage nur ein knappes "Nein." "Na komm. Ich mag das nicht am Telefon klären. Ich finde aber, es muss geklärt werden. Ich will es nicht so stehen lassen zwischen uns.“
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