Wir nutzen die Zeit, während wir auf sie warten, um uns mit frischem Proviant für die Reise einzudecken. Die Kaufleute Southamptons sind erfreut und jeder versucht, mit uns ein gutes Geschäft zu machen. Mr. Martin, der unsere Finanzen verwaltet, kauft wahllos ein und zahlt die überteuerten Preise der Händler, ohne zu feilschen.
Das erweckt den Unmut einiger Mitreisenden. »Er gibt unser Geld zu leichtfertig aus«, meldet auch mein Vater Bedenken an. Keiner wagt jedoch, ihm Einhalt zu gebieten. Alle wollen warten, bis Mr. Carver und Mr. Cushman da sind, die mit der Gruppe aus Leiden kommen.
Wir kennen sie mittlerweile als kluge, gewissenhafte Gentlemen auf die wir vertrauen können. Gemeinsam haben sie in London und Canterbury umsichtig Schiffszwieback, gesalzenes Schweine-und Rindfleisch, getrocknete Erbsen und Bohnen und Brandy besorgt und auf die Mayflower bringen lassen. Mit der Speedwell kommen noch Werkzeuge und Handelswaren, wie Glasperlen, für die Indianer, sowie noch mehr Proviant. In Southampton kauft jetzt Mr. Martin frische Lebensmittel wie Bier und Butter, Käse und Früchte, die generell teuer sind.
Es ist ein warmer Sommertag, als die Speedwell ankommt und ich mache mit Constance eben einen Spaziergang an Land.
Wir pflücken Blumen, als Constance mich ruft und auf das Schiff deutet, das langsam in den Hafen einfährt. Ich bin erstaunt, dass die Speedwell viel kleiner ist, als die Mayflower. »Wie viele Leute passen wohl auf dieses Schiff? Sie sieht im Gegensatz zur Mayflower geradezu winzig aus«, frage ich Constance. Sie zuckt mit den Achseln.
Langsam schlendern wir zum Kai, um die Neuankömmlinge zu begrüßen. Einige unserer Reisegefährten von der Mayflower erwarten bereits voller Aufregung ihre Ankunft. Sie sind teilweise bekannt mit den Leuten aus Leiden und die Tilleys haben sogar Verwandte auf der Speedwell. Freudig begrüßt John Tilley seinen Bruder Edward mit seiner Frau Agnes. Sie trägt ein kleines Mädchen auf dem Arm und ein junger Mann in meinem Alter folgt ihnen.
»Die Tilleys aus Leiden haben keine eigenen Kinder. Der große Bursche und das kleine Kind sind Neffe und Nichte von ihnen«, klärt mich Constance auf.
»Wahrscheinlich haben sie zuwenig gehext«, ziehe ich Constance in Anspielung auf ihre Aussage vom Vortag auf und sie grinst mir zu.
Robert Cushman sieht mich am Pier stehen, als er von Bord geht. Er erkennt mich und nickt mir freundlich zu. Hinter ihm geht Mr. Carver mit seiner Frau Katherine an Land. Ich habe ihn bei seinen Besuchen, als er Robert Cushman bei den Reisevorbereitungen unterstützt hat, nur ein paar Mal gesehen, aber ich kenne keinen Menschen, dem das Gute so ins Gesicht geschrieben steht, wie John Carver. Immer wenn ich ihn anschaue, geht mir das Herz über, vor Zuneigung, denn nie zuvor habe ich einen mitleidigeren Menschen gekannt als ihn.
Jedem Bettelkind hat er ein Geldstück gegeben, für jeden den er traf, hatte er ein gutes Wort. Er kaufte Proviant, nur um ihn gleich wieder einer armen Familie zu schenken. Natürlich hat er aus eigener Tasche, die fehlenden Lebensmittel ersetzt. Er ist ein Ehrenmann und sehr wohlhabend. Einen Großteil seines Vermögens hat er in das Reiseprojekt gesteckt. Ich fürchte, er ist zu gut für diese Welt. Ich habe immer das Bedürfnis ihn zu beschützen, obwohl er mehr als doppelt so alt ist, wie ich.
Spontan trete ich zu ihm und überreiche ihm die Blumen, die ich gepflückt habe. Er lächelt mich aus seinen gütigen Augen an. »Vielen Dank mein liebes Kind«, sagt er warmherzig.
Wie ich da so stehe und bewundernd Mr. Carver anstarre, fühle ich mich plötzlich beobachtet. Ich schaue mich suchend um und mein Blick fällt auf einen Mann, der bei einer kleinen Gruppe von Leuten steht und mich ansieht. Als sich unsere Blicke treffen, durchfährt mich ein Blitz. Ich kann, meine Augen nicht von ihm abwenden. Dabei schaut er nicht einmal besonders gut aus. Er ist nicht sehr groß, muskulös, hat dunkles lockiges Haar und einen dichten kurzen Bart.
Aber diese Augen! Sie scheinen mich zu durchdringen und bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele zu schauen.
Ich habe das Gefühl, er kennt alle meine Gedanken, sogar die Geheimsten und will gleichzeitig weglaufen und zu ihm hingehen. Constance fällt mein starrer Blick auf und sie stupst mich an. »Priscilla, was hast du denn?«
Ich schüttle den Kopf und endlich gelingt es mir den Blick von ihm loszureißen. Ich frage mich ernsthaft, ob ich närrisch geworden bin, aber ich wage nicht, noch einmal in die Richtung des Mannes zu sehen. »Komm, wir gehen und sehen, ob unsere Mütter Hilfe brauchen«, fordere ich Constance barsch auf und sie folgt mir mit verdutzter Miene zurück auf die Mayflower.
Meine Mutter und Elizabeth Hopkins sind beim Kochen an einem kleinen Kohlebecken, das auf Sand gebettet ist. »Nutze die Gelegenheit die Wäsche zu waschen, wer weiß wann wir wieder dazu kommen«, trägt mir meine Mutter auf. Ich sammle unsere schmutzigen Kleidungsstücke und werfe sie in einen Korb. Constance nimmt ihrer Mutter, die kleine Schwester Damaris ab, die quengelig ist. Zu dritt gehen wir wieder an Land. Es gibt einen Fluss ganz in der Nähe, in dem ich die Wäsche waschen kann. Ich schrubbe und reibe energisch an den Kleidungsstücken und versuche meine Gedanken zu klären. Der Mann mit dem verwegenen Blick will mir nicht aus dem Sinn gehen.
Ärgerlich denke ich, dass meine Mutter recht hat, wenn sie meint, ich träume zuviel. Es war nur ein Mann, der mich angestarrt hat. Kein Grund, mir weiter den Kopf darüber zu zerbrechen! Die Arbeit hilft mir. Als die Wäsche endlich sauber ist, fühle ich mich wieder wie ich selbst. Wir gehen zurück und ich schleppe gemeinsam mit Constance den schweren Korb mit den nassen Kleidern. Die kleine Damaris stolpert neben uns her. Als sie hinfällt und kreischt, nimmt Constance sie auf den Arm. Ich muss den Korb nun alleine tragen.
Das geht ganz gut, bis ich zu dem Fallreep gelange das auf die Mayflower führt. Ich habe an diesem Tag meine neuen Schuhe, mit den hübschen Schnallen an, die mir mein Vater gemacht hat. Sie haben einen kleinen Absatz und sehen sehr elegant aus. Meine Mutter hat nicht gesehen, wie ich sie angezogen habe, sonst hätte sie sicher mit mir geschimpft wegen meiner Eitelkeit.
Auf der rutschigen Planke werden mir die Absätze zum Verhängnis. Ich verhake mich in eine der groben Holzstreben und es fehlt nicht viel, dass ich mitsamt der Wäsche ins Wasser falle. Im letzten Moment, als ich schon die dunkle Nässe des Hafenbeckens auf mich zurasen sehe, fangen mich starke Arme auf und halten mich fest. Ich umklammere noch immer den Wäschekorb und mir schlägt das Herz bis zum Hals vor Schreck.
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