Mein Vater beeilt sich, den erbosten Mr. Martin zu beschwichtigen: »Jeder weiß, dass ihr ein Ehrenmann seid, Mr. Martin.«
Ich habe da so meine Zweifel, halte aber natürlich meinen Mund.
Meine Mutter und Mary Martin wechseln kein Wort miteinander und vermeiden es, sich anzusehen. Ich denke, sie werden keine besonders guten Freundinnen. Ich hoffe, dass unsere Schlafplätze auf der Mayflower, weit voneinander entfernt liegen. Doch ich bezweifle, dass es in der Enge möglich sein wird, den Martins aus dem Weg zu gehen.
Mr. Weston ist gekommen, um sich von uns zu verabschieden und uns eine gute Reise zu wünschen. Ich weiß, dass er verstimmt ist, weil wir den geänderten Vertrag mit den Kaufleuten nicht unterschrieben haben. Mr. Weston macht sogleich deutlich, dass er hauptsächlich am wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmung interessiert ist. »Nehmt das Land und arbeitet fleißig, dass wir bald unser Geld zurückhaben und nicht bereuen müssen, in euch investiert zu haben.« Mein Vater sieht ihn befremdet an, aber Mr. Martin stimmt meckernd in sein überhebliches Lachen ein.
Peter freundet sich mit einen jungen stillen Passagier, namens John Goodman an, der seinen Spaniel Buck mit an Bord bringt. Buck nähert sich schweifwedelnd Birdie, die ihm das Gesicht leckt. John hat bisher in Leiden gelebt und ist gut bekannt mit den Separatisten. Er schifft sich mit uns von London aus ein, da er mit Gilbert Winslow, einem Mitglied der Leidener Gruppe, in einer Angelegenheit hierher kam, über die er nichts verraten will. Gilbert Winslow ist bereits zu seinem Bruder Edward nach Leiden zurückgekehrt, während John beschlossen hat hierzubleiben um auf der Mayflower nach Southampton zu segeln. Dort werden wir uns der Gruppe aus Leiden anschließen.
Peter und ich sind sofort begierig darauf, mehr zu erfahren über die Separatisten aus Holland und vor allem über die geheime Mission, über die John Goodman nicht reden will.
»Jetzt komm schon, wir verraten es auch keinem«, drängt Peter ihn, sein Geheimnis preiszugeben, als wir einen Spaziergang mit den Hunden machen.
Goodmans Lächeln verschwindet und er setzt eine verschlossene Miene auf. »Ich werde bestimmt nichts sagen. Diese Angelegenheit ist gefährlich für jeden, der davon weiß.«
Damit macht er es nur noch spannender, aber er sieht nicht so aus, als würde er uns einweihen wollen.
»Gut, dann erzähle uns doch wenigstens etwas über die Leute aus Leiden, die mit uns zu den Kolonien fahren. Schließlich müssen wir mit ihnen leben, da wäre es gut, wenn wir wissen, was auf uns zukommt.« Meine Worte klingen wunderbar vernünftig.
John Goodman überlegt. Schließlich nickt er. »Warum nicht? Ein paar Dinge kann ich euch ruhig erzählen.
Peter wirft mir einen anerkennenden Blick zu und ich lächle selbstzufrieden.
»Die Gemeinde in Leiden wird angeführt von Pastor John Robinson. Ihre Mitglieder stammen ursprünglich aus England, wo sie wegen ihres Glaubens hart verfolgt wurden. Als sie erfuhren, dass zahlreiche Inhaftierte in London in den Gefängnissen verhungern, erschien ihnen Holland als passende Zuflucht, da es bekannt ist für seine liberale Regierung. So verließen sie England und siedelten sich in Leiden an. Viele von ihnen mussten bei ihrer Flucht aus England ihr Vermögen zurücklassen und verdingen sich jetzt in der Wollproduktion, in schlecht bezahlten Anstellungen«, erfahren wir von John.
»Trotz der harten Arbeit gefiel es ihnen bisher in Leiden gut, denn sie konnten ihren Glauben ungestört ausleben«, fährt John fort. »Aber jetzt läuft der Friedens-Vertrag zwischen Holland und dem katholischen Spanien aus und sie fürchten, dass die Holländer religiöse Zugeständnisse machen müssen an die Spanier. Dann wird es vorbei sein mit der Religionsfreiheit in Holland. Sie sind zudem nicht einverstanden, dass ihre Kinder sich an die freizügige Lebensweise der Holländer anpassen und ihren Eltern und deren Überzeugungen immer kritischer gegenüber stehen. So sind sie zu dem Entschluss gelangt, die gefährliche Reise in die Neue Welt zu wagen, um dort eine Kolonie nach ihren Grundsätzen und ihren religiösen Überzeugungen zu errichten.«
Für mich klingt das nach sehr vernünftigen Leuten, die umsichtig ihre Zukunft planen.
»Im Grunde sind sie nicht sehr verschieden von uns. Auch wir wollen in Frieden und Freiheit nach unseren Vorstellungen leben«, meint Peter und ich nicke zustimmend.
Am Tag unserer Abreise sind wir auf den Beinen, noch bevor die Sonne aufgeht. Wir bringen unsere restlichen Habseligkeiten, wie Kleidung, Kochgeschirr, Kamm, Schwämme und Bettzeug, an Bord. Es dauert einige Zeit, weil wir nicht die Einzigen sind, die ihren Kram verstauen und sich einen guten Platz auf dem Schiff suchen, um sich darin häuslich einzurichten.
Es herrscht geschäftiges Treiben rund um mich. Staunend sehe ich zu, wie die Seeleute ein in seine Einzelteile zerlegtes, riesiges Boot, mit dem man Segeln und Rudern kann auf das Schiff bringen. Es bleibt nicht die einzige wuchtige Fracht. Ächzend ziehen die Matrosen eine tonnenschwere metallene Schraube, über die Schiffsplanken. Es ist ein Jackscrew, eine Art Winde, mit der man schwere Lasten heben kann. Ich frage mich, wo sie das alles bloß verstauen wollen.
In den letzten beiden Tagen sind die Mitglieder unserer Gruppe aus England eingetroffen. Es sind Familien und alleinstehende Männer, die von den Kaufleuten angeworben wurden. Sie kommen aus London, Essex, Surrey, und einem guten Dutzend weiterer Grafschaften, und haben Kinder, Diener und jede Menge Gepäck bei sich. Die meisten von ihnen haben wie wir, all ihr Geld in das Unternehmen gesteckt.
Es scheinen rechtschaffene Leute zu sein. Da ist ein altes Ehepaar, die Rigsdales. Sie haben keine Kinder, aber ein junger Mann, Edmund Margesson scheint mit ihnen gut bekannt zu sein. Sie plaudern angeregt miteinander.
Ein weiterer junger Mann geht mit seiner hübschen brünetten Frau und einem Baby an Bord. Sie nicken mir zu und lächeln. Es sind Francis und Sarah Eaton, die in demselben Gasthof wie wir abgestiegen sind. Sie haben ihren kleinen Sohn Samuel dabei, der gerade mal ein halbes Jahr alt ist. Wir haben uns beim Abendessen in der Wirtsstube kennengelernt und Mr. Eaton hat uns erzählt, dass er Zimmermann von Beruf ist. Ich grüße freundlich zurück.
Ihnen folgen weitere Passagiere, die wir aus unserem Gasthof kennen. Richard Clarke, ein junger mittelloser Hafenarbeiter, der sich ein besseres Leben in der Neuen Welt erhofft.
Mr. Warren, ein Familienvater, der Frau und Kinder vorerst hier lässt, bis es in der neuen Heimat sicher für sie ist.
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