Richard Britteridge ein wortkarger Mann im besten Alter, der knapp erwähnt hat, alleinstehend zu sein.
Eine Familie die wir noch nicht kennen, weckt besonders mein Interesse. Die Frau ist nicht mehr ganz jung und guter Hoffnung. Ihr Bauch wölbt sich deutlich, die Schwangerschaft ist weit fortgeschritten. Sie ist groß, dunkelhaarig und attraktiv. Ein Mädchen im Alter meines Bruders Joseph und ein Junge, der etwas jünger zu sein scheint, drängen sich an ihrer Seite. Auf dem Arm trägt sie ein kleines Kind von 1-2 Jahren.
Ihr Mann ist gut aussehend auf eine etwas herbe Art und wirkt verwegen und energisch. Er lächelt viel und schüttelt eifrig Hände. Offenbar ist er mit einigen der Mitreisenden bekannt.
Plötzlich taucht meine Mutter neben mir auf. »Was stehst du hier so untätig herum und gaffst? Findest du dir keine Beschäftigung?«, fährt sie mich an. Sie wirkt gereizter als sonst und ich sehe hinter ihr den Grund der üblen Laune. Mrs. Martin. Ich schaue in ihre blasierte Miene und meine Mutter tut mir leid.
Mein Vater kommt mit Mr. Martin zu uns. Mr. Martins Blick fällt auf die Familie mit der schwangeren Frau. »Mrs. Hopkins, Elizabeth!« ruft er überschwänglich und winkt ihr mit ausgestrecktem Arm zu. Sie schaut in unsere Richtung und für einen kurzen Moment sehe ich, wie sich ihre Mundwinkel nach unten senken. Dann hat sie sich in der Gewalt und nickt Mr. Martin lächelnd zu.
Aufgeräumt wendet er sich an meinen Vater. »Kommt, mein Freund, ich mache euch mit den Hopkins bekannt. Stephen Hopkins braut das beste Bier in ganz England und hatte bis vor Kurzem eine gut besuchte Taverne hier im Hafen«. Mr. Martin zieht meinen Vater am Ärmel zu der Familie hin und wir Frauen folgen ihnen.
Mr. Hopkins begrüßt uns und Mrs. Hopkins lächelt uns freundlich zu. Sie schüttelt kühl Mrs. Martin die Hand und wendet sich dann an meine Mutter. »Was für eine Hitze heute«, beginnt sie zu plaudern, »aber an die werden wir uns wohl gewöhnen müssen. Ich habe gehört, dass es an dem Ort, an den wir gehen, viel heißer ist, als in London.«
Meine Mutter ist erleichtert, Mrs. Martin zu entkommen, und ergreift die Gelegenheit zu einer belanglosen Unterhaltung wie einen rettenden Strohhalm.
»Ach, das wusste ich noch gar nicht. Ist es wirklich so heiß dort?«
»Ja, und es gibt diese wilden Indianer. Teilweise geben sie sich sehr kriegerisch, aber mit manchen kann man auch handeln.«
»Ihr seid wirklich gut informiert, Mrs. Hopkins.«
»Das kommt daher, dass mein Mann bereits einige Zeit in der Neuen Welt gelebt hat. Es gibt dort seit mehr als 10 Jahren eine Kolonie, namens Jamestown. Er gelangte nach einer schrecklichen Seereise dorthin, bei der er Schiffbruch erlitt und das Leben in Jamestown war auch nicht einfach. Immer wieder wurde die Siedlung von Indianern angegriffen und die Leute litten unter Hunger und Krankheiten. Dennoch blieb Stephen einige Jahre in Jamestown und hat den Leuten dort geholfen die Siedlung aufzubauen.«
Der Stolz in Elizabeth Hopkins Stimme ist nicht zu überhören und wir lauschen gebannt ihren Worten. Es ist das erste Mal, dass wir etwas über die Neue Welt erfahren. Bisher haben wir keine Ahnung, was uns dort erwartet und die Unsicherheit, macht vor allem uns Frauen zu schaffen.
Wir kennen auch niemanden, der schon unter den Indianern gelebt hat. Obwohl wir bereits Indianer gesehen haben, die als Sklaven nach London gebracht wurden, wissen wir wenig über sie. Die meisten von ihnen sterben rasch hier. Ihnen bekommt weder das englische Wetter noch das raue Leben als Sklaven. Sie erzählen nichts von ihrer Heimat, so sie überhaupt unsere Sprache sprechen.
Mr. Hopkins kommt in Begleitung seiner beiden Diener, Edward Doty und Edward Leister zu uns. Es sind derbe Männer mit harten Gesichtern, die nicht sehr vertrauenserweckend aussehen. »Wir müssen los, Elizabeth«, drängt Stephen Hopkins seine Frau, an Bord zu gehen.
Auch für uns wird es Zeit. Die Matrosen treffen bereits Anstalten auszulaufen. Meine Mutter nutzt die Gelegenheit, von den Martins fortzukommen, und begleitet Mrs. Hopkins ins Zwischendeck. Sie hilft ihr, sich dort einzurichten.
Das Mädchen an Elizabeth Hopkins Seite, das im Alter meines Bruders ist, schließt sich mir an und wir gehen nach draußen auf das Vordeck. Sie heißt Constance und ist Mr. Hopkins Tochter aus erster Ehe.
»Kennst du die Familie Tilley?«, fragt sie mich und deutet auf ein älteres Ehepaar, bei denen ein dunkelhaariges Mädchen steht, das etwas jünger ist als ich, ungefähr in Constances Alter. Ich schüttle lächelnd den Kopf.
»Das Mädchen bei den alten Leuten ist nicht ihre Enkelin, sondern ihre Tochter Elizabeth. Stell dir vor ihre Mutter ist schon über ein halbes Jahrhundert alt«, erzählt mir Constance fassungslos.
Ich muss lachen. »Nun dann war es ein Wunder, dass sie so spät noch ein Kind gekriegt hat«, erwidere ich amüsiert.
Constance wirft mir einen verschwörerischen Blick zu und beugt sich flüsternd zu mir. »Die Leute meinen, Mrs. Tilley ist eine Hexe und hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, damit sie Elizabeth empfangen konnte.«
Ich halte nicht viel von solchen Geschichten und schaue Constance ungläubig an. »Aber das sind doch wüste Schauermärchen, die man kleinen Kindern erzählt.«
»Ja und wenn es doch wahr ist?«, fragt mich Constance mit ernster Miene.
»Dann wird sie uns alle verhexen und wir werden als Frösche in der Neuen Welt leben«, flachse ich.
Wir lachen beide über diese Vorstellung.
Ich finde Constance abgesehen von ihrem Aberglauben, sehr sympathisch. Sie hat ein freundliches offenes Wesen, und viel Geduld mit ihrer kleinen Schwester Damaris, die erst ein Jahr alt ist, und ihr ständig am Rockzipfel hängt.
Wir sehen zu, wie die letzten Passagiere an Bord gehen, und bleiben auch dort, als die Mayflower schließlich ablegt. Die erste Etappe unserer großen Reise führt uns nach Southampton, wo wir uns mit den Leuten aus Leiden treffen werden. Ich habe ein flaues Gefühl im Magen, als wir uns vom Ufer entfernen und ergreife spontan Constances Hand. Sie scheint sich darüber zu freuen und umfasst meine Finger mit leichtem Druck.
So stehen wir Hand in Hand und sehen auf die Leute, die am Kai zurückbleiben und winken.
Seevögel kreisen über unseren Köpfen und ihr Kreischen klingt, wie ein Abschiedslied. Es ist Mitte Juli, als unser Abenteuer beginnt.
Die Fahrt nach Southampton dauert nicht lange.
Wir segeln die Themse hinunter an der Südküste Englands entlang und ich genieße das sanfte Schaukeln der Mayflower und den frischen Wind an Deck. Wir kommen früher als die Gruppe aus Leiden an, die erst am 22. Juli in Delftshaven in Holland an Bord ihres Schiffes gehen wird. Sie segeln mit der Speedwell, einem Schiff, das wir alle gemeinsam finanziert haben und das bei uns in den Kolonien bleiben soll.
Читать дальше