Wir hätten jetzt geschockt sein müssen, zumindest erstaunt, waren aber einfach nur fasziniert, dass es wirklich Elfen gab. Genauso wie wir es immer gehofft hatten.
Die Blumenelfe hieß Campanula. Wunderschön war sie und so winzig, dass sie in meine Hand hineinpasste. Sie erklärte uns, dass wir auserwählt seien, mit ihr nach Fanrea zu gehen, um zu lernen.«
»Das ist wie bei uns gewesen!«, unterbrach Emma ihre Tante. »Die Elfe war auf einmal da und hat von Fanrea gesprochen. Nur der Grund für ihr Erscheinen war ein anderer. Erzähl bitte weiter, das ist echt irre!«
Esther nippte an ihrem Tee, räusperte sich dann. »In mir war ein grenzenloses Glück. Für mich stand immer schon fest, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir Menschen uns vorstellen können. Die Elfe mir ihrer Einladung schien mir ein großartiges Geschenk zu sein. Agatha war mit mir einer Meinung, dass wir uns diese einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen durften. Wir fühlten, dass die Elfe es ehrlich mit uns meinte. Aus heutiger Erwachsenensicht sind weder unser Vertrauen, noch unsere Naivität nachvollziehbar. Wir stellten keine Fragen, sondern gingen einfach mit ihr. Aber wir waren eben Kinder, arglos, neugierig und offen für alles.
Die Elfe reichte uns eine blutrote Flüssigkeit, die wir trinken sollten, und kippten sie hinunter. Heutzutage hinterfragt ihr die Dinge viel mehr als wir damals. Das ist auch gut so!
Campanula öffnete mithilfe von Magie ein Weltentor in der alten Eiche. Durch dieses Tor gelangten wir nach Fanrea und waren überrascht, dass diese Welt sich nicht so sehr von unserer unterschied.
Wir wurden von einem schneeweißen Einhorn empfangen. Es strahlte Liebe und Frieden aus. Seine magische Kraft erfüllte mich mit Ruhe und Glück.« Esther verstummte, schien sich erneut in ihren Erinnerungen zu verlieren.
Mit großem Appetit nahm Ben ein weiteres Stück Blaubeerkuchen, dass er genüsslich mit einem Riesenklecks Sahne garnierte.
Emma beobachtete ihn mit gerunzelter Stirn. Sie wunderte sich mal wieder, wieviel er essen konnte. »Fresssack!«, flüsterte sie.
Gelassen zuckte er mit den Schultern, während er sie angrinste. »Wer weiß, was kommt oder was es in Fanrea zu essen gibt!«
Esther mischte sich ein: »In Fanrea gibt es leckeres Essen. Vor allem gesunde Nahrung, nicht so welche aus der Tüte mit viel Chemie.«
»Klingt nach Körnerfutter. Ich nehme besser eine Notration Kekse oder Schokolade mit.« Ben verzog das Gesicht.
Emma verdrehte die Augen und sagte ungeduldig: »Tantchen! Wie geht es weiter?«
Räuspernd setzte Esther sich in ihrem knarrenden Korbstuhl auf. »Ja, ich war gerade irgendwie … Hm, äh …«
Ben half ihr aus: »Abgedriftet?«
»So nennt man das wohl heute. Also weiter! Wo war ich gerade? Ach ja, beim Einhorn mit Namen Esperanza …«
»Esperanza? Hoffnung?«, warf Ben ein.
»Ben, sei doch still!«, beschwerte sich Emma.
»Ja, genau, Hoffnung. Esperanza kam näher heran. Währenddessen fühlte ich, wie sie auf den Grund meiner Seele schaute, um meine tiefsten Gedanken zu lesen. Nach der Begrüßung erklärte sie uns, weshalb wir in Fanrea waren. Für Esperanza waren wir die Hoffnung. Es bereitete ihr großes Leid, dass die Menschheit mit der Erde respektlos umging und nicht mehr im Einklang mit der Natur lebte. Ihr Vorwurf war, dass die Menschen die Meere und Flüsse vergifteten, Pestizide versprühten, Wälder abholzten, Tiere quälten …«
Ben unterbrach Esther erneut: »Das stimmt zwar alles, aber was solltet ihr Kinder denn daran ändern?«
»Lass Esther doch endlich mal ausreden! Sei still, iss lieber deinen Kuchen!«, ereiferte sich Emma.
Esther seufzte und musterte die Freunde. »Esperanza wollte uns mit einem umfassenden Wissen über die Pflanzenwelt sowie deren Heilkraft beschenken. Anschließend sollten wir diese Kenntnisse den Menschen näher bringen.«
»Deshalb hast du deine Bücher geschrieben! Du möchtest die Menschen wachrütteln!«, rief Emma aufgeregt.
»Ja, es ist meine Aufgabe und Bestimmung, mit alternativen Methoden zu heilen, und ich liebe meine Berufung. Das Einhorn bat uns, ihm zu folgen, deshalb tauchten wir gemeinsam in das dämmrige Licht des Waldes ein.«
Ein fernes Donnergrollen riss Esther aus ihrer Erzählung, besorgt musterte sie den sich verfinsternden Himmel. Die dunklen Wolken erschienen ihr nicht natürlich, intuitiv spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Verärgert stellte sie fest, dass sie sich dummerweise in Fanreas Schönheit verloren hatte, aber den Freunden keinerlei Hinweise auf die Gefahren gegeben hatte.
Als ein einzelner Donner ertönte, sprang Esther nervös auf. »Ich glaube, da zieht ein Gewitter auf. Kommt, wir gehen rein!«
Plötzlich knackte es im Unterholz. Das Geräusch wirkte ebenso laut wie bedrohlich, da ansonsten eine unnatürliche Stille eingetreten war. Es duftete intensiv nach Pfefferminze.
»Wieso ist es auf einmal so ruhig?«, fragte Ben leise.
Esther runzelte die Stirn. »Die Vögel zwitschern nicht mehr, das ist ein schlechtes Zeichen!« Voller Verunsicherung fragte sie sich, welche Bedeutung das Gewitter hatte.
Eine ungewöhnlich große Ratte huschte durch den Garten, blieb stehen und musterte die drei aus kalten, gelben Augen. Sie stand einfach nur da und starrte, bis sie sich abrupt umdrehte. Blitzschnell verschwand sie hinter dem Haus.
»Ihh! Ist die hässlich!«, rief Emma. »Bäh!«
»Ist doch nur eine Ratte. Die tut doch nichts«, beruhigte Ben seine Freundin.
»Die war riesig! Hast du ihren Blick gesehen?«
»Quatsch!«
Beunruhigt ging Esther Richtung Haus. »Kommt, Kinder, ihr müsst bald heimkehren, sonst werdet ihr pitschenass. Während eines Gewitters solltet ihr sowieso nicht draußen herumlaufen.«
In diesem Moment setzte das Gezwitscher der Vögel wieder ein. Esther stutzte, zog erstaunt die Augenbrauen hoch und sah sich um.
Emma hielt ihre Tante am Arm fest: »Du musst mir noch eine Frage beantworten: Was ist aus Agatha geworden? Du hast nie von ihr erzählt, gesehen habe ich sie auch noch nie.«
Esther seufzte. »Agatha! Hhmm, ja, Agatha. Was soll ich sagen? Ja, also …«
»Mensch, drucks nicht herum!«, bat Emma.
»Agatha ist dort geblieben.«
»In Fanrea?«, fragte Ben entgeistert.
»Ja, genau, sie ist in Fanrea geblieben. Agatha hat sich dort wohl gefühlt, zugleich das Leben in unserer Welt abgelehnt. Die Wesen der anderen Welt schenkten ihr Liebe, sie nahmen meine Freundin an, wie sie war, ohne Wenn und Aber. Hier jedoch, in unserer Welt, fühlte sie sich ungeliebt, ja, sogar überflüssig.
Ich konnte sie verstehen, deshalb habe ich ihr geholfen, die Dinge in unserer Welt zu regeln. Wir haben uns eine halbwegs glaubwürdige Geschichte ausgedacht, die sie in einem Brief an ihre Eltern niederschrieb. In diesem stand, dass Agatha weggelaufen war und nun glücklich in Amerika lebte.«
»Echt krass«, murmelte Ben, »einfach so abzuhauen!« Als er sich zur Tür umdrehte, stieß er dabei einen Bücherstapel um.
»Oh je, das Buch, das habe ich ganz vergessen, deswegen seid ihr doch hier! Los, Kinder, wir müssen hoch auf den Speicher.«
Emma beschwerte sich: »So ein Mist! Ich habe noch so viele Fragen zu dem Zauberbuch oder Fanrea.«
»Ich verstehe dich, Emma, aber ihr müsst gehen! Ich befürchte, dass das Gewitter bald hier ist. Kommt morgen noch einmal vorbei. Keine Zeit für Diskussionen, wir suchen nun das Zauberbuch!«
Emma lenkte ein: »Gut, dann erzählst du uns morgen den Rest. Was meinst du, Ben?«
»Joah!«
Da es auf dem Speicher keinen Strom gab, lief Esther in die Küche, um drei Kerzen samt Streichhölzern zu besorgen, die sie Ben reichte. Zunächst entzündete er Esthers ebenso Emmas Kerzen, dann erst die eigene, aber das Streichholz wurde schnell zu kurz, sodass das Feuer seine Finger berührte. Seltsamerweise empfand Ben keinen Schmerz! Irritiert starrte er die Hände an. Was hatte das zu bedeuten? Kopfschüttelnd und grübelnd folgte er den beiden.
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