Emma spürte, wie sich ihre Nackenhaare langsam aufrichteten. Sie hörte Ben und Esther unten ankommen und fühlte sich völlig allein gelassen. Eisige Kälte kroch langsam an ihren Körper hoch, ergriff dabei von ihr Besitz. Es war als flösse Eiswasser durch ihre Adern.
Die Ratte starrte das Mädchen weiterhin bösartig an. Das Empfinden, gelähmt zu sein, machte sich in Emma breit. Ihre Beine versagten den Dienst, während die Augen der Ratte sie weiter in ihren Bann zogen. Ein unheimliches Wispern erfüllte den Raum. Emma glaubte, die Ratte flüstern zu hören und hielt den Atem an. Sie versuchte zu verstehen, was die Ratte ihr sagen wollte, aber es war zu leise.
Plötzlich begann die Luft um die Ratte herum zu flirren. Das unheimliche Wesen schien seine Form aufzulösen. Die Umrisse zerfransten und die gesamte Gestalt veränderte die Konturen.
Dann geschah etwas Unerwartetes: Drei dicke Wassertropfen fielen vom Deckenbalken herunter, zerplatzten mitten auf Emmas Stirn. Wassertropfen? Wo kamen die denn jetzt her? Als das Wasser kühl an ihrem Gesicht hinabrann, stieß Emma den Atem aus und sog frische Luft in die Lungen.
In derselben Sekunde rief Ben von unten: »Emma! Komm endlich, wir müssen los!« Er spürte eine ungewohnte Nervosität im Körper. Die Flamme der Kerze flackerte und bäumte sich auf. Sie schien zu zischen und zu raunen. Gleichzeitig vibrierte das Zauberbuch leicht in seiner Hand. Wo blieb Emma nur? Irgendetwas stimmte hier nicht! Erneut rief er: »Emma!«
Wie aus einer Trance erwachte seine Freundin. Sie schüttelte sich und hastete Richtung Tür, schaute dort noch einmal zurück, aber die Ratte war verschwunden.
Gehetzt rannte sie die Treppe hinunter. »Da war etwas Gruseliges! Auf dem Speicher war die Ratte aus dem Garten! Sie hat sich verändert, ich … ich hatte Schiss! Dann war sie plötzlich – weg.«
Emma war ganz aufgeregt und durcheinander. Was war das für eine Ratte? Woher kamen plötzlich diese Wassertropfen? Es sprudelte aus ihr heraus: »Ich war wie hypnotisiert. Ich glaube, die Ratte wollte mich angreifen!«
»In der Dunkelheit des Speichers ist alles unheimlich. Außerdem seid ihr gerade sowieso überreizt. Die Dinge wirken deshalb anders, meint ihr nicht?«, versuchte Esther sie zu beruhigen.
»Nein, das war echt so! Oder nicht? Doch, da war was. Ach, ich weiß auch nicht!«
Tröstend drückte Ben seine Freundin an sich. »Ist ja nichts passiert.«
»Hm!«, grummelte Emma.
Kurz überlegte Esther, ob ihnen die männlichen Rattenzwillinge Jidell und Quidell, einen bösen Streich gespielt hatten, aber das passte nicht zu den beiden. Die Brüder waren ein Mitbringsel aus Fanrea, die seit damals bei ihr wohnten. Sie nahm sich vor, die Rattenbrüder später darauf anzusprechen. Besorgt seufzte sie. »Möglich ist alles! Wenn dort oben wirklich jemand war, dann sollten wir das als Warnung verstehen. Die Dinge sind nicht immer so, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Leider leben nicht nur liebenswerte oder harmlose Wesen in Fanrea. Auch dort existieren Licht und Schatten, sie liegen sogar ziemlich dicht beieinander. Passt gut auf euch auf und beschützt das Zauberbuch! Meine Liebe wie auch meine Gedanken begleiten euch!«
Mit zitternder Stimme fragte Emma: »Wie? Nicht nur harmlose Wesen? Welche Wesen gibt es denn sonst noch dort?«
Nun befand Esther sich in einem echten Gewissenskonflikt. Was sollte sie Emma und Ben noch erzählen, was lieber nicht? Sie hätte eben mehr von den gefährlichen Kreaturen Fanreas berichten sollen, aber dummerweise hatte sie sich in ihren schönen Erinnerungen verloren. Nun wurde die Zeit knapp. Fieberhaft überlegte sie, womit sie den beiden helfen konnte, da fiel ihr etwas ein: Die Kieselsteine des Wassermanns Asran! Vielleicht würden diese Steine in einer Notsituation zum Lebensretter werden. Die unheimliche Ratte dort oben auf dem Speicher bedeutete wahrscheinlich, dass die dunklen Mächte ihnen schon auf der Spur waren.
Nur äußerst ungern ließ Esther die zwei nach Fanrea gehen. Ob sie die beiden begleiten sollte? Ach nein, sie fühlte sich zu alt für Abenteuer, außerdem hatte sie geschworen, nie wieder einen Fuß nach Fanrea zu setzen.
»Tante Esther, sag mal!«, rief Emma ungeduldig auf Antwort wartend.
»Einen Moment noch!« Esther rannte hektisch in ihr Schlafzimmer, in dem sie erstaunlicherweise schnell die gesuchten Steine fand. Sie lief zurück zu Ben und Emma. »Ich habe hier noch etwas für euch. Der Wassermann Asran hatte mir bei unserer Begegnung damals eine Kette aus magischen Steinen geschenkt. Sie sehen zwar aus wie ganz normale Flusskiesel, aber es sind Zaubersteine. Wenn ihr sie in der Hand haltet, euch stark konzentriert und dabei in Gedanken um Hilfe ruft, dann wird euch durch Magie Rettung gesandt werden, wenn es möglich ist. Ich schenke jedem von euch einen Stein. Nehmt ihn und passt gut darauf auf!«
»Hä?« Ben schüttelte den Kopf. »Okaaaay!«
»Frag nicht, mach einfach!«, befahl Esther. »Du wirst im Moment sowieso nicht alles verstehen.«
Sie drückte ihrer Nichte und deren Freund jeweils einen magischen Flusskiesel in die Hand, für den die beiden sich ehrfurchtsvoll bedankten. Ben betrachtete den Stein. Er war kugelrund, grau gemasert und hatte in der Mitte ein kleines Loch. Eine angenehme Wärme ging von dem magischen Kiesel aus, sodass er lebendig wirkte. Vorsichtig steckte Ben ihn in die Jeans. Der Gedanke, einen Gegenstand aus einer anderen Welt in seiner Hosentasche zu tragen, befremdete ihn.
»Tantchen, ich hoffe, sie werden uns helfen«, flüsterte Emma, während sie ihren Stein fest in der Hand hielt. Sie mochte ihn gar nicht mehr loslassen, tat es dann aber Ben nach und ließ den Kiesel widerwillig in ihrer Jeans verschwinden.
Ben meldete sich zu Wort: »Na ja, lieber wäre mir, wir würden sie gar nicht benötigen.«
Die drei umarmten einander liebevoll zum Abschied. Esther teilte ihnen noch einen letzten Gedanken mit: »Die Zeit läuft in Fanrea anders als auf unserer Erde, deshalb wird wahrscheinlich niemand merken, dass ihr weg seid. Aber zur Sicherheit sagt euren Eltern, dass ihr eine Nacht bei mir bleibt.«
Zustimmend nickte Emma. Ein mulmiges Gefühl wollte sich im Bauch einnisten, als sie an ihre Mutter dachte.
Ben grinste. »Esther! Du und die Wahrheit verbiegen? Ich glaub es nicht! Baron Münchhausen lässt grüßen. Aber tröste dich: Eine Lüge, die ein Leben trägt, ist besser als eine Wahrheit, die ein Leben zerstört.* «
Nicht wirklich überzeugt zog Esther eine Augenbraue hoch.
Seufzend strich Emma eine Locke aus ihrer Stirn. Mit ernstem Blick sagte sie zu Esther: »Wenn mir in Fanrea etwas passieren sollte und ich nicht zurückkomme, dann musst du Mama alles erklären. Versprich mir das!«
Eiskalt wurde es Esther bei diesem fürchterlichen Gedanken und sie schüttelte sich. »Es wird schon gut gehen! Soll ich euch durch den Wald begleiten?«
Ben stöhnte: »Auf keinen Fall! Ohne dich sind wir viel schneller!«
»Na, so lahm und alt bin ich nun auch wieder nicht, du Frechdachs! Kinder, wir sehen uns morgen!«
Wieder grummelte der Himmel. Esther runzelte die Stirn und sah den beiden zweifelnd hinterher. Hätte sie die zwei nicht doch warnen sollen, wie gefährlich Fanrea wirklich sein konnte? Aber damit schürte sie nur Ängste und Panik, was überhaupt nicht hilfreich wäre, um in diesem rauen Land zu überleben. Ben würde trotzdem gehen!
Esther hoffte und vertraute darauf, dass die Blumenelfe Amapola fähige und zuverlässige Begleiter besorgt hatte. Das war doch selbstverständlich! Oder etwa nicht? Aus tiefstem Herzen seufzend schloss Esther gedankenverloren die Tür. Sie verdrängte die unliebsamen Gedanken und machte sich auf die Suche nach Jidell und Quidell.
*
Ein bestimmtes Thema ließ Emma nicht los: »Welche gefährlichen Wesen leben in Fanrea? Warum wollte meine Tante nicht darüber reden?«
Читать дальше