»Weil keine Zeit mehr dazu war.«
»Nein, das glaub ich nicht! Sie wollte uns nichts davon erzählen.«
Die beiden nahmen die Abkürzung durch den Wald. Beide verspürten das starke Bedürfnis über Esthers Geschichte zu sprechen, die Gedanken kreisten wild durcheinander und ihre Gefühle waren aufgewühlt.
Emma blickte durch eine Lücke in den Baumwipfeln zum Himmel und erschrak. Die Gewitterwolken türmten sich inzwischen ebenso bedrohlich wie unheilvoll auf. Die Sonne verschwand fast vollständig hinter den Wolkenbergen, sodass der Wald finster und beängstigend wirkte. Schweigen breitete sich aus, kein Vogelgezwitscher war zu hören, kein Rascheln im Unterholz. Die Stille war fühlbar und die Luft bleischwer. Es war unheimlich.
»Ben …«, flüsterte Emma.
Die Freunde schauten einander vielsagend an und rannten los. Wie von einer Meute wilder Hunde gejagt, sprangen sie über umgestürzte Baumstämme und wichen geschickt im Weg stehenden Ästen aus. Ben hielt das Zauberbuch umklammert, er presste seine Finger so fest auf den Einband, dass sie schmerzten. Das Buch vibrierte ganz leicht.
Plötzlich war der Wald hell erleuchtet, es folgte ein ohrenbetäubender Donner. Sekunden später schüttete es wie aus Kübeln, dicke Regentropfen fielen prasselnd vom Himmel, gleichzeitig fegte ein orkanartiger Wind durch die Bäume.
Es blitzte und donnerte, der Wind zerrte und riss an ihrer Kleidung. Der fauchende Sturm schien zu einer lebenden Person geworden zu sein, die mit aller Macht verhindern wollte, dass sie heil mit dem Buch nach Hause kamen. Die entfesselten Elemente brüllten wie eine angriffslustige Raubkatze. Zuckende Blitze erleuchteten den Wald erneut taghell.
So etwas hatten Emma und Ben noch nie erlebt! Das pure Grauen kroch ihnen den Rücken hoch, breitete sich anschließend gleichmäßig in ihrem Körper aus. Ob dieses tosende Unwetter schon ein Vorgeschmack auf die Gefahren war, die in Fanrea auf sie warteten? Beide wussten instinktiv, dass kein normales, sondern ein magisches Gewitter sie bedrohte.
Plötzlich schlug ein Blitz nicht weit von ihnen in einen Baum ein. Es krachte, als der Baum gespalten wurde, zeitgleich roch es nach verbranntem Holz, Schwefel und Pfefferminze. Die Wucht des Einschlags warf die beiden Freunde um. Die Helligkeit des Blitzes war kaum zu ertragen, die Luft knisterte und ließ ihre Haare elektrisiert zu Berge stehen. Auf dem Boden sitzend, rangen sie nach Atem. Die Furcht umklammerte sie mit kalten Fingern, schien wie ein körperloses Wesen zu sein, das drohte, Macht über sie zu erlangen.
Ben stemmte sich hoch gegen den Sturm. »Neeeiiin!«, schrie er in den tobenden Wind. »Ihr bekommt das Buch nicht!«
In dem Moment stand eine hässliche, männliche Gestalt in dem von Blitzen erhellten Wald vor ihnen. Sein gewalttätiger Blick traf sie aus schaurigen, gelben Augen, in denen das Feuer des Bösen zu lodern schien. Fettige Haarsträhnen klebten am Gesicht, dessen gräulich wirkende Haut welk und runzlig aussah. Der Körperbau war muskulös, aber gedrungen. Das Wesen war ungefähr so groß wie Ben und Emma. Die Freunde rückten dicht aneinander, wagten vor Angst kaum zu atmen. Gänsehaut überzog ihre Körper, während die Herzen wild pochten.
Die schaurige Gestalt bewegte sich gebeugt auf sie zu, ganz langsam, Schritt für Schritt, die gelblich flackernden Augen lauernd auf die sichere Beute gerichtet. In der Hand blitzte ein langer Dolch. »Gebt mir das Buch!«, flüsterte das Wesen eindringlich mit rauchiger Stimme.
Ben erwachte aus seiner Erstarrung und hielt unauffällig Ausschau nach einem Knüppel. Da, direkt neben ihm lag ein dicker, armlanger Ast, der stabil aussah. Vorsichtig bewegte der Junge die Hand in diese Richtung und als er den Ast erreichte, umschlossen ihn seine Finger fest. Jetzt fühlte Ben ein wenig Sicherheit, da er dieser Kreatur etwas entgegenzusetzen hatte.
Dann spürte er wieder diese gewaltige Hitze in seinem Inneren aufsteigen. Sie schien ihn innerlich zu verbrennen, doch sammelte sie sich dieses Mal nicht im Bauch, sondern schien in einem mächtigen Strom in seine Hände zu fließen. Ben hieß die Hitze willkommen, sie verlieh ihm Stärke. Ruhig ging er in Gedanken die passenden Karatetritte durch.
Fieberhaft überlegte Emma, was sie tun konnte, da fiel ihr der magische Kieselstein ein. Hoffnungsvoll griff sie in die Hosentasche und umschloss ihn. »Hilf uns! Bitte tu etwas!«, flehte sie voller Panik. Der Stein wurde wärmer, begann sogar zu pulsieren.
*
Zur selben Zeit stand der Indianer John in Fanrea an einem schmalen Fluss und hielt einen Speer in der rechten Hand, mit dem er auf einen dicken, silbrig schimmernden Fisch zielte. Konzentriert visierte er ihn an, warf blitzschnell seinen Speer und traf. Genau in dem Moment, als der Fisch durchbohrt wurde, empfing John ein starkes Gefühl der Furcht. Irgendetwas stimmte nicht, aber er spürte genau, dass es nicht ihn betraf. Der Stein, der um seinen Hals hing, erwärmte sich.
Wachsam sah John sich um, konnte jedoch nichts Bedrohliches entdecken. Dennoch signalisierten seine Sinne ihm weiterhin eine Gefahr. Die nächste Angstwelle rollte auf ihn zu, durchströmte den gesamten Körper. Der Lakota hielt die Luft an, sein Herz pochte wild und er keuchte. Die Empfindung war stark, sehr stark. Von wem stammte diese Emotion? Was hatte das zu bedeuten? Johns Kieselstein wurde noch wärmer, er umfasste ihn. ›Hilf uns! Bitte tu etwas!‹, hörte er zeitgleich ferne Worte im Kopf.
Irritiert holte der Indianer den Speer samt Fisch aus dem Wasser und warf seine noch zappelnde Beute in einen Weidenkorb, in dem jede Menge der glänzenden Fische lagen. Nachdenklich schloss John die Augen und versuchte, diesen fremden Empfindungen nachzuspüren, aber es gelang ihm nicht. Enttäuscht öffnete er wieder die Augen. Die eben gehörten Worte hallten wie ein Echo in ihm nach und fraßen sich fest. Er wusste, dass jemand ihn rief und brauchte. Ausnahmsweise fühlte er eine bedrückende Hilflosigkeit, und dieses Gefühl war schrecklich. Irgendwo war jemand in großer Not und Verzweiflung, doch er konnte nichts tun.
Das Gefühl der Bedrohung ließ nach einer Weile schlagartig nach, die Angst verließ John im selben Moment ebenfalls. Grübelnd schulterte er den Korb mit Fischen und machte sich auf den Heimweg, ins Lager der gestrandeten Kinder.
*
Die furchterregende Gestalt war fast bei den Freunden angelangt und starrte sie lauernd an. Es schien, als würde sie diesen Moment kurz vor dem Schlagen der Beute genießen, deshalb die Zeit verzögern, um die Angst der Freunde auszukosten.
»Der Stein! Fass den Stein an!«, rief Emma in den tobenden Sturm hinein.
Ben reagierte sofort, klemmte das Buch unter den Arm und griff in die Hosentasche. Er nahm den magischen Kieselstein in die Hand und merkte, wie er sich erhitzte. Die Wärme des Steins schaffte eine Verbindung mit seinem inneren Feuer, indem ein Strom mächtiger Energie durch den Arm floss. Eine gewaltige Kraft stieg in Bens Körper auf. Mit dem Ast in der Hand richtete er sich zur vollen Größe auf und sah seinem Gegner trotzig in die Augen.
Dieser stutzte verunsichert für den Bruchteil einer Sekunde, fing sich aber direkt wieder.
Bens Angst wich ungewohntem Mut. Mit zwei großen Schritten trat er entschlossen auf den Gegner zu und schmetterte ihm den Ast kraftvoll auf den Schädel. Von der Wucht des Aufpralls brach der Ast mittendurch, die Gestalt taumelte schwankend zurück. Ben war nun ohne Waffe, dennoch stellte er sich in Abwehrhaltung schützend vor Emma.
Die männliche Gestalt schrie zornentbrannt, hielt dann inne und fixierte Ben aus zu Schlitzen verengten Augen. Das Wesen schien seine Kräfte zu sammeln. Es spannte die Muskeln an, machte sich sprungbereit.
Emma schluchzte laut auf und presste den Stein so fest in ihrer Hand, dass es schmerzte. »Hilfe!«, flüsterte sie voller Verzweiflung.
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