1 ...7 8 9 11 12 13 ...26 Ben stöhnte: »Stopp, Amapola! System overloaded!«
Nachdenklich schwieg Emma.
Lange und eindringlich betrachtete Ben Amapola, schließlich meinte er einlenkend: »Okay, nehmen wir mal an, dass deine Geschichte wahr ist und wir dir glauben können. Was erwartest du von uns, warum können gerade wir euch helfen?«
Hoffnungsvoll leuchteten Amapolas Augen auf, als sie die beiden ansah: »Hab ich euch doch schon erzählt. Ben darf nicht blind werden, deshalb muss er zum See der Heilung! Ihr werdet gebraucht, um die Elfen zu befreien, die von dem Zauberer Worak gefangen gehalten werden. Wenn wir das nicht schaffen, sind sie für den Rest ihres Lebens zu Kälte und Leblosigkeit verdammt. Ihr beide seid Teil einer uralten Prophezeiung und nur ihr seid imstande, den Zauberspruch zu ihrer Rettung bei Vollmond vorzutragen.« Die strahlenden Augen der Elfe wurden finster und füllten sich mit Tränen.
Die tiefe Traurigkeit der Elfe berührte die Freunde und weckte ihr Mitgefühl. Sie wurden sehr nachdenklich, ihre Herzen meldeten sich und brachten schließlich die Stimme der Vernunft zum Schweigen.
Amapola unterbrach ihre Gedanken: »Folgt dem Ruf eurer Seele! Es ist eure Bestimmung, Reisende zwischen den Welten zu sein, ihr könnt das nicht verleugnen. Tut ihr es dennoch, wird ein immerwährendes Sehnen nach etwas Unbekanntem euch quälen.«
Als Erste ergriff Emma das Wort: »Amapola, ich verstehe immer noch nichts. Ich weiß nicht, was das für eine Prophezeiung ist und was sie mit uns zu tun haben soll, aber ich möchte Ben retten und dir helfen. Irgendwie glaube ich dir! Deshalb gehen wir jetzt zu Tante Esther und besorgen dieses seltsame Zauberbuch.«
»In meinen Büchern sind die Helden mutig und bestehen aufregende Abenteuer. Als kleiner Junge wollte ich so sein wie Harry Potter, aber ehrlich gesagt, jetzt würde ich lieber darauf verzichten. Aber wenn ich es mache, werde ich vielleicht nicht blind. Deshalb muss ich es wagen«, nuschelte Ben. »Wir hoffen immer, und in allen Dingen ist besser hoffen als verzweifeln* .«
Vor Freude klatschte Amapola in die Hände: »Ich hatte mir so gewünscht, dass ihr euch darauf einlasst! Also, geht jetzt gleich zu Tante Esther, erzählt alles und holt das Zauberbuch. Sie wird über eure Geschichte nicht sonderlich verwundert sein. Ihr dagegen werdet wegen Esther erstaunt sein, wartet es ab! Morgen Mittag, um viertel vor zwölf Uhr, treffen wir uns an der alten Eiche im Wald. Ihr wisst, welchen Baum ich meine? Esther kennt ihn ebenfalls, er ist ihr Lieblingsbaum! Ich danke euch, dass ihr mir zugehört habt und endlich vertraut.« Sie flatterte mit den Flügeln und strahlte. »Juhu, ich hab es geschafft, obwohl ich selbst nicht daran geglaubt habe. Noch mal mach ich das allerdings nicht!«
Emma und Ben schauten einander an. Sie fühlten sich wie Verbündete, die ein großes Geheimnis teilten. Ein seltsames Kribbeln überlief beide, kaum konnten sie das morgige Abenteuer erwarten. Nachdem sie Amapola verabschiedet hatten, wurde diese unsichtbar.
»Weg ist sie! Junge, Junge, das glaubt uns niemand!«, rief Ben.
Emma stimmte ihm zu: »Nee, echt niemand! Deshalb erzählen wir keinem davon. Alle denken sonst, wir sind völlig verrückt, außer Tante Esther. Mit der habe ich allerdings ein Hühnchen zu rupfen! All die Jahre hat sie uns was vorgemacht!«
»Du bist vielleicht lustig, was sollte sie uns denn erzählen? Wir hätten ihr sowieso nicht geglaubt, sondern sie für total durchgedreht gehalten! Du hast es doch gerade selbst gesagt!«
»Trotzdem!« Emma runzelte die Stirn.
»Ist klar, ist bei ihr was anderes!« Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Es knackte erneut. Aus den Augenwinkeln bemerkte Ben eine Bewegung. Er drehte sich rasch um, sodass er gerade noch eine Gestalt wahrnahm, die geduckt im Gebüsch untertauchte.
Ben fühlte die Bedrohung, die von dieser Gestalt ausging. Ihm lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter.
»Ben, was hast du?«, flüsterte Emma, die ebenfalls spürte, dass etwas nicht stimmte.
»Da war etwas! Ein unheimlicher Kerl, der sich vor uns versteckt hat und blitzschnell verschwunden ist. Ob er uns belauscht hat?«
»Uns belauscht? Ein Kerl? Also ein Mensch? Vielleicht ein Spion von dem Zauberer? Ben, das ist mir nicht geheuer, lass uns schnell zu Tante Esther laufen!« Emmas Fantasie schlug gerade Purzelbäume.
Unsicher zuckte Ben mit den Achseln. »Keine Ahnung. Ja, komm, wir gehen zu Esther! Ich will lieber nicht wissen, wer oder was das war!«
Mit Angst in den Herzen und den Köpfen voller Zweifel machten die beiden Freunde sich umgehend auf den Weg zu Tante Esther. Kurz kam Emma der Gedanke, dass sie sowieso zu ihr wollte, um sie wegen Bens Krankheit um Rat zu befragen.
»Was hältst du von der ganzen Geschichte?«, fragte Emma verunsichert.
»Hm. Ist alles ziemlich krass, oder? Erst hab ich gedacht, da macht jemand einen Scherz mit uns. Aber fast glaube ich Amapola, obwohl mich das selbst erstaunt. Vielleicht, weil ich es glauben will?«
»Möglich!«
»Was habe ich zu verlieren? Ich kann nur gewinnen.«
Emmas Blick streifte Ben und sein entschlossener Gesichtsausdruck erstaunte sie, bestärkte sie aber darin, ihn nach Fanrea zu begleiten. Während des gesamten Weges diskutierten sie weiter über die Worte der Elfe sowie deren unglaubwürdige Geschichte.
Esthers Backsteinhaus lag auf der anderen Seite des Dorfes am Waldrand. Das alte, verwinkelte Gebäude stand inmitten eines riesigen, verwunschenen Gartens, in dem Vögel zwitscherten und Insekten brummten. Umgeben von süßlich duftenden Blumen wuchsen knorrige Obstbäume neben Birken und Weiden. Lange Gräser schwankten im Wind, während Sonnenstrahlen Kringel auf den Boden malten. Hier züchtete Esther ihre Kräuter und Heilpflanzen, die sie zu Tees, Cremes, Hustensäften oder wundersamen Tinkturen verarbeitete.
Esther war die ältere Schwester von Emmas Mutter. Sie galt bei manchen Leuten im Dorf als seltsam und schrullig, weil sie anders war. Einige bezeichneten sie gar als Kräuterhexe. Doch wenn jemand bei kleinen Wehwehchen oder Krankheiten Hilfe benötigte, die normale Ärzte ratlos machte, führte der Weg immer zu Esther. Viele Dorfbewohner wussten Esthers Heilkunst inzwischen zu schätzen.
Besonders gern half Esther den Armen, von denen sie niemals ein Entgelt für ihre Hilfe oder Heilung nahm, was sie deutlich von den Ärzten unterschied. Sie konnte sich das leisten, denn sie hatte reich geerbt. Außerdem schrieb sie Bücher über die Heilwirkung von Kräutern und die Selbstheilungskräfte der Menschen. Esther hoffte, den Menschen damit eine erfolgreiche Alternative zur herkömmlichen Medizin anzubieten, die ihnen eine neue Sicht auf den Menschen sowie seine Krankheiten vermittelte.
Emma und Ben mochten Esther gern, sie verbrachten viel Zeit in ihrem verwilderten Garten. Fasziniert lauschten sie ihren Erläuterungen über heilende Kräuter, wenn sie sich mal wieder die Bäuche mit den legendären Blaubeerpfannkuchen vollstopften.
Esther lachte gern. Sie verbreitete gute Laune, unterhielt ihre Zuhörer mit verrückten Geschichten und konnte die besten Kuchen backen. Das sah man ihr auch an, sie war rundlich und klein, dabei jedoch flink und beweglich.
Emma betätigte den rostigen Türklopfer in Form eines Drachenkopfes. Inständig hoffte sie, dass ihre Tante zu Hause war und nicht gerade im Wald frische Kräuter oder Pilze sammelte.
Doch sogleich ertönte die fröhliche Stimme: »Moment, ich komme!«
Mit lautem Knarren wurde die schwere Holztür geöffnet. Fips, Esthers kleiner Mischlingshund, sprang zur Begrüßung an den Freunden hoch. Einst hatte Esther Fips das Leben gerettet, seither wich ihr der treue Begleiter nicht mehr von der Seite. Die beiden verstanden sich ohne Worte, ein Blick genügte.
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