„Eine was? Irminsul?“
„Ja, übersetzt >gewaltige Säule<, auch ein altes nordisches Heiligtum. Irminsul repräsentiert die Weltenesche, die die neun Welten mit einander verbindet und mythologisch den Himmel stützt.“
„Simone, du sprichst in Rätseln. Aber war das nicht so, dass hier auch astronomische Beobachtungen getätigt worden sind?“
„Kann sein. Weiß ich aber nicht so genau. Du stellst Fragen.“
Sie wollen gerade den ersten Felsen besteigen, als Jan durch eine Öffnung im Stein in einen Raum blickt.
„Man, was haben die denn hier für Höhlen rein gehauen?“
„Das sind alte Grotten. Ich wüsste auch mal gerne, was die hier damals alles so gemacht haben. Wurde von den Christen, wie gesagt, damals umgebaut und soll eine Nachbildung eines Gebäudes aus dem alten Jerusalem sein. Darüber wird viel spekuliert. Hier bei den Steinen soll vor dem Umbau auch eine große Irminsul gestanden haben. Daher noch mal zurück zur Weltenesche. Es existieren in der nordischen Mythologie neun Welten, die durch diesen Baum verbunden sind. Eine davon ist Midgard. Hier wohnen die Menschen. Dann gibt es noch Asgard, wo die Götter leben. Genau genommen die Asen unter ihnen. Hier kommt übrigens der Name Asatru her und heißt so viel wie Asentreue, oder den Asen zugehörend. Wenn du stirbst, kannst du zu unterschiedlichen Orten kommen. Tapfere Krieger kommen nach Walhalla, zu Odin an den Hof, also nach Asgard. Die normal gestorbenen gehen nach Hel über.“
„Was, hier kommt jeder Normalo in die Hölle?“
„Nein! Hel wurde von den Christen mit übernommen. Die machten dann die Hölle draus. Hel ist in erster Hinsicht ein kalter nebliger Ort, über den die gleichnamige Göttin herrscht. Man sagt, sie ist zu einer Hälfte wunderschön, auf der anderen Seite bereits verwehst. Sie herrscht in einer unwirklichen Burg. Die Wände bestehen aus Schlangenhaut. Kein Sonnenlicht durchdringt die Mauern. Trotz dass es eine seltsame Welt ist, ist es aber erst mal kein Ort der Bestrafung. Diese Welt ist wie ihre Göttin, auf der einen Seite wunderschön, auf der anderen Seite aber Grausam. Mit der Hölle hat die Totenwelt Hel aber nichts zu tun. Zumindest nicht für die, die keine Verbrechen begangen haben. Verbrecher und Mörder kommen zwar teilweise auch nach Hel, allerdings müssen sie dort die wilden Flüsse durchwaten, die die Burg der Hel umgeben. Dort lebt der Drache Nidhögg, der sich von den Leibern der Verbrecher ernährt. Die, die dem Drachen doch noch entkommen können, werden anschließend von einem Wolf zerfleischt.“
„Die dunkle Seite Hel‘s, nicht?“
„Genau. Es ist ein Ort in Hel, wo sie die schlimmsten Qualen erleiden müssen. Hier kam wahrscheinlich die Höllenvorstellung her, denke ich. Dann gibt es noch ein weiteres Totenreich. Das von Ràn, der Frau vom Meeresgott Ägir. Hier, auf dem Grunde des Meeres, ziehen die ertrunkenen ein.“
Während sie erzählt, schaut sie sich konzentriert die Örtlichkeit an. „Dann gibt es noch Reiche wo Elben, Zwerge und Riesen leben. Leihe dir mal das Buch >Die Edda< aus, darauf stützt sich das ganze Wissen dieser Mythologie.“
„Du erzählst gerne, oder? So kenn ich dich ja noch gar nicht. Aber du wirst lachen, das Buch habe ich sogar dabei.“
„Wirklich? Und schon was gelesen?“
Simone schaut ihn mit großen Augen an. Dabei hat sie ein breites Lächeln auf ihren Lippen.
„Nein, hatte bisher noch keine Zeit dafür.“
„Du verblüffst mich Jan.“
Sie gehen in die Grotte hinein, die am heutigen Tag geöffnet ist. Vorbei an der Weihinschrift zu der großen Rune.
„Was ist das denn für ´ne umgedrehte Antenne?“
„Das ist eine Rune. Runen dienten auf der einen Seite als Schriftzeichen und andererseits werden ihnen noch heute magische Kräfte nachgesagt, die man ebenfalls durch Aufladung Verstärken kann. Jede einzelne hat eine ganz besondere Bedeutung. Man kann ihre Kräfte auch gezielt einsetzen, wenn man die eine oder andere miteinander koppelt. Sogenannte Binderunen. Die hier an der Wand heißt zum Beispiel Algiz. Sie ist eine Schutzrune.“
„Kennst du dich damit auch aus?“
„Ein wenig. Meine Eltern schon mehr. Meine Mutter stellt selber Binderunen her. Komm wir gehen jetzt hoch.“
Sie verlassen die Höhle wieder und steigen über die alten ungleichmäßigen Stufen den Felsen drei hoch. Immer wieder kommen ihnen beim Aufstieg auf den sehr engen Stufen Personen entgegen.
„Die Treppe ist aber auch mal eng“, meint Jan.
„Wenn man sich überlegt, das die bestimmt nicht für diesen Betrieb konzipiert war.“
„Hast ja recht, aber so langsam sollten wir doch mal oben sein, oder?“
„Ich glaube, nach der nächsten Biegung.“
Jan laufen die Schweißperlen nur so von der Stirn. Aber ihr zu liebe würde er jetzt sogar durch die glühende Sahara laufen.
„Schau. Da ist die Brücke!“ ruft sie Jan hinterher, der ihr auf wenige Schritte nachfolgt.
„Ja, bin gleich da“, fügt er an.
Simone bleibt nun mitten auf dem mit Brettern ausgelegten, stählernen Übergang stehen. Jan folgt ihr sehr schnell nach und stellt sich neben sie an die Brüstung. Sie schauen herunter auf die Wiesen und den See.
„Das ist bestimmt wahnsinnig romantisch, wenn die Felsen abends von der untergehenden Sonne bestrahlt werden. Aber leider bleiben wir nicht so lange hier, um das noch miterleben zu können.“
„Es ist doch schon romantisch genug, oder?“, hechelt Jan, der gerade doch ein wenig aus der Puste zu sein scheint.
„Hast ja Recht.“
„Was die anderen jetzt wohl machen?“
„Die sitzen bestimmt irgendwo herum und langweilen sich zu Tode. Komm wir gehen weiter.“
„Schau mal Simone, eine Art Altar.“
Sie stehen gerade vor dem Altarstein mit dem Sonnenloch.
„Genau, ich glaube hier beobachteten die den Sonnenstand bei der Sommersonnenwende. Aber was die dabei gemacht haben und warum, keine Ahnung.“
„Das kann durchaus sein mit der Sonnenwende. Was du nicht alles weißt. Ich meine so als Christ!“
„Simone, ich bitte dich!“
„Worum?“, antwortet sie und lächelt ihn an.
„Du weißt schon! Bitte derartige Witze unterlassen, danke.“
„Schon gut. Ich verbessere mich. Ich meine so als Asatruar.“
Darauf antwortet er sicherheitshalber mit Schweigen und schaut sie mit großen Augen an.
„Was ist, Jan?“
„Nichts. Ist schon in Ordnung.“
Sie drehen sich um und stehen wieder vor der kleinen Brücke. Immer noch hat Simone Jans Hand fest im Griff.
„Komm wir gehen wieder rüber. Ich möchte ja auch noch mal kurz auf den anderen Stein rauf“, sagt sie.
Unten, von der Suche nach der Klassenlehrerin zurück, sitzen Mario, Dirk und Alex wieder auf der Bank, die sie sich bei diesem Betrieb mühsam zurück erkämpft haben. Frau Müller schaut sich indessen das Treiben ihrer Bagage mal aus der Nähe an.
„Wo habt ihr Frank und Markus gesehen?“, fragt sie die drei.
„Da vorne am Waldrand. Jan und Simone sind oben auf dem Felsen“, zeigt ihr Mario.
„OK.“
Sie geht langsam in Richtung Wald und macht sich ihr eigenes Bild von den beiden Quertreibern. Simone und Jan stehen nun mitten auf der kleinen Brücke.
„Sieh mal, da unten sitzen die drei ja wieder“, meint sie. „Aber von den anderen ist immer noch nichts zu sehen.“
„Die sind bestimmt im Wald und halten Händchen“, lacht Jan.
„Das machen wir doch auch, du Flitzpipe.“
„Ich geb´ dir so Flitzpipe, meine Kleine. Hast ja Recht. Schau mal!“, er traut seinen Augen nicht, „Da ist wieder so ein komischer Schmetterling. Ich dachte immer Elfen leuchten.“
„Wer sagt denn so was? Schaust zu viel Fern, oder? Wenn die leuchten würden, dann würden sie doch sofort von jedem erkannt. So bemerkt sie nur derjenige, der genau hinschaut und sie auch sehen will.“
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