Er steht mit seinen Kumpeln in der Schlange, als plötzlich Simone zu ihm herüber kommt.
„Und? Lust auf die Externsteine?“, fragt sie.
„Na klar, wieso nicht? Hast du denn auch deinen Talisman dabei?“
„Sicher! Was sagt deine innere Stimme?“
„Ich glaube, ich werde mich mit meiner Fylgja mal auseinandersetzen.“
„Super, dann sehen wir uns gleich.“
Danach stellt sie sich hinten mit in der Schlange an.
Alex guckt perplex.
„Was war jetzt das? Und was ist Fylgja? Hee? Alter, jetzt klär mich mal langsam auf!“
„Alles zu seiner Zeit.“
„Ich hasse es warten zu müssen und das weißt du.“
„Ich weiß“, antwortet Jan zufrieden.
Zehn Minuten später haben Jan und Alex dann ihre Suppenteller vor sich stehen. Das Mittagessen wird nun im Eiltempo herunter gewürgt, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren. Frei nach dem Motto: Der Hunger treibt’s rein, der Ekel runter und der Geiz hält es drin. Nach dieser kleinen Aufwärmphase mit Hilfe der zähflüssigen Mahlzeit, macht sich die Klasse nun Busfertig. Die ganze Meute drängelt sich wieder durch die kleinen Türen des normalerweise ausreichend großen Busses. Die alten Plätze von der Hinfahrt werden wieder eingenommen. Die Lehrer zählen noch mal durch und geben grünes Licht.
„Gib Schub Rakete!“, ruft einer von hinten dem Busfahrer zu und der setzt das Massenbeförderungsmittel in Bewegung. Nun ja, mit dieser Klasse einen Ausflug zu machen, ist wohl nicht jedermanns Sache. Aber dafür werden, nach Meinung vieler, die Lehrer nun mal bezahlt. Der Bus ist nicht einmal warmgefahren, da ist das Ziel auch schon erreicht. Keine zehn Kilometer weiter heißt es: „Endstation Externsteine.“
„Das hätten wir auch laufen können“, meint Melanie in Tinas Richtung.
„Hättest du gerne machen können! Mir hat aber keiner gesagt, dass wir Wanderschuhe mitnehmen sollen. Dadurch fall ich bei solchen Unternehmungen schon mal raus“, antwortet sie.
„Alles vor dem Bus sammeln“, ruft Begleitlehrer Herr Bernds. Wie ´ne Eins stellt sich die ganze Bagage vor dem Bus auf. Die Ecke der Eins wird mal wieder gebildet vom Sonderling Frank.
„Der steht wohl gerne im Abseits, oder?“, murmelt Tina.
„Wir werden nun in dieser Richtung weitergehen und dort auf das Gesteinsgebilde treffen.“
Frau Müller zeigt dabei auf eine kleine Essens- und Souvenierbude, vor der ein Weg nach rechts ab weiterführt.
„Wir treffen uns um sechs wieder hier am Bus. Dann fahren wir wieder rein. Und, ich will keinen schon nach fünf Minuten da vorne im Biergarten sehen! Verstanden?“ Dabei weist sie auf das Restaurant hin, das sich direkt vor ihnen befindet. „Und schaut euch bitte an den Steinen die Informationstafeln an! Die Infos werden wir später brauchen.“
„Fast vier Stunden? So lange? Was sollen wir denn hier die ganze Zeit machen?“, jammert Melanie Tina an.
„Kannst dich ja mal in die Sonne setzen, damit du mal ein wenig Farbe ins Gesicht bekommst. Aber da sind vier Stunden wohl noch zu wenig!“, wirft Tina trotzig zurück.
Nun setzt sich die Schülerwurst in Bewegung. Simone bleibt unübersehbar an Jans Seite.
„Schau mal Alex, Jan und Simone. Was sollen wir denn davon halten?“, fragt Dirk.
„Lass die beiden doch. Endlich taut Jan mal auf. Und auch Simone wirkt seit dem viel offener als sonst.“
Es ist ziemlich voll und es bilden sich auch gleich die allzu bewehrten Grüppchen. Jan und Simone setzen sich zügig ab.
„Simone, ich habe mal darüber nachgedacht. Die Geschichte mit deinen Göttern, ja wie soll ich das sagen, es interessiert mich zunehmend. Und was ist eine Fylgja genau?“
„Erstens, ich möchte hier niemanden Missionieren, OK? Nicht das du nachher sagst, ich hätte dich dazu genötigt.“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Und zweitens freut es mich aber, dass du Interesse zeigst. Es ist teilweise echt scheiße, wenn man mit keinem darüber sprechen kann, ohne dumm angemacht zu werden“, sagt sie mit einer geballter Faust und meint weiter: „Bist du denn sicher, dass du das auch wirklich willst? Ich meine deine Familie und so. Nicht dass die sich am Ende noch das Leben nehmen?“
Beide schmunzeln.
„Lass das mal meine Sorge sein, die werde ich bei Gelegenheit schon impfen.“
Nun scheint für die beiden alles, zumindest für einen kleinen Moment, in bester Ordnung zu sein. Dann legt Simone los:
„Tja, die Fylgja ist ein Wesen, das dich unerkannt begleitet. Ich sagte ja bereits, sie ist halbwegs vergleichbar mit dem Schutzengel der Christen. Sie lenkt und beschützt dich. Gibt dir Rat und tritt oft als innere Stimme oder Intuition auf. Sie ist meistens andersgeschlechtlich. Soll heißen, dass du eine weibliche haben wirst und ich eine männliche. Sie zeigt sich gegebenenfalls als das Tier, welches deiner Seele gleicht. Jeder hat eine Fylgja. Manche sogar mehrere, was aber eher seltener vorkommt. Sie begleitet dich seit deiner Geburt und stirbt auch mit dir. Manche meinen, dass sie nach dem Tot auf jemand anderen übergeht. In anderen Sagen wird aber auch beschrieben, dass sie sich nach dem Tod mit dir in Liebe vereinigt und dann die Partnerin an deiner Seite wird. Das stelle ich mir persönlich aber etwas schwierig vor. Sehen kann man sie nicht, erst vor besonderen Ereignissen, zum Beispiel dem eigenen Tod. Es heißt, dass sie aber auch schon mal in Träumen auftauchen kann.“
„Ich glaube, ich weiß was du meinst. Ich hatte letztens mal ein Erlebnis. Ich fuhr mit dem Fahrrad so meine Tour. An einer Straßeneinmündung habe ich aus irgendwelchen Gründen nicht richtig aufgepasst. Ich hörte nur einen Wagen voll in die Eisen gehen, sah ihn noch gerade ausweichen. Auf der anderen Seite der Straße, das macht nun Sinn, sah ich ein supernettes Mädel stehen, das zu mir rüber schaute und lächelte. In dem Moment fing der Fahrer an mich anzuschnauzen. Ich war somit einen Moment unaufmerksam. Wenig später war sie weg.“
Simone schaut ihn überrascht an:
„Wow, sieht ja beinahe danach aus, als wärst du da deiner Fylgja begegnet. Und, hast du sie danach nochmal wieder gesehen? Ich meine so in der Stadt?“
„Nein, ich hab dieses Mädel bisher noch nie bei uns im Ort gesehen und nachher natürlich auch nicht. Aber dennoch schien sie mir sehr vertraut zu sein.“
„Ja, da scheinst du wohl eine sehr mächtige zu haben. Glückwunsch! Schau mal, wir sind gleich da. Ich sehe die Steine schon.“
Die beiden gehen gerade eine Biegung entlang. Man kann durch die blätterbehangenen alten Bäume bereits einen kleinen Blick auf Simones angepeilte Ziel werfen.
„Trägst du Schmuck?“, fragt sie.
„Nein, eigentlich nicht. Hab auch keinen. Ich bin kein direkter Schmuckfan.“
Simone legt einen Zahn zu, wie man so schön sagt.
„Och Simone, renn doch nicht so!“
„Doch, komm schon Jan!“
In der Zwischenzeit zerbrechen sich die etwas zurückliegenden Jungs den Kopf.
„Was meint ihr“, wirft Mario ein, „Ist Simone wirklich eine Heidin? Ich meine so mit Riten und so?“
„Meinst du, sie wird Jan noch heute irgendeinem Satan Opfern? So mit gaaanz viiieel Blut und so?“
Dabei macht Dirk mystische Fingerbewegungen.
„Ich habe mal ‘nen Film gesehen…“
„Nö, nicht schon wieder diese Schote. Daniel und seine Filme“, unterbricht Alex.
„Ja, mal im Ernst. Da war ´ne Hexe, die hat ihren Freund gegessen nachdem sie ihn geopfert hat.“
„Deine Eltern zeigen dir auch alles, nur damit du endlich einschläfst, oder?“, lacht Dirk.
„Komm wir setzen uns da vorne auf die Bank und warten mal ab was passiert. Wir könnten ja da hoch klettern, aber dazu hab ich bei dieser Hitze überhaupt keinen Bock.“
„Du brauchst doch eher ´ne…“
„´Ne Ziege, ich weiß Ingo“, unterbricht ihn Dirk genervt.
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