„Viele Leute in Winnipeg sichern nachts ihre Wagentüren, wenn sie hier durchfahren“, sagte Robert. „Wenn sie mit geschlossenen Augen fahren könnten, würden sie es tun. Niemand will das sehen.“
Wir überquerten die Bahnschienen und Robert deutete linkerhand auf ein großes rundes Gebäude mit riesigen Glasfenstern und einem Dach aus Holzschindeln. Ein kupfernes Gebilde, das an einen Adler mit ausgebreiteten Schwingen erinnerte, kauerte obenauf.
„Thunderbird House“, erklärte er, „das indianische Gemeinschaftszentrum. Dort hat Dan seine Sozialstunden abgeleistet.“
Die Main Street führte direkt in die Innenstadt. Nur wenig später tauchte Stadtzentrum Nr. 1 mit seinen Banken- und Bürohochhäusern auf. Robert setzte mich vor der Autovermietung in der Nähe des großen Hauptbahnhofes ab und reichte mir einen Zweitschlüssel zu seinem Haus. „Ich weiß nicht, wann ich heute nach Hause kommen werde“, sagte er. „Im Kühlschrank ist noch Pizza.“
„Danke“, sagte ich.
„Nein“, meinte er. „Ich danke Ihnen, Adam. Ich bin froh, dass Sie gekommen sind.“
Ich sah ihn an. „Danken Sie mir, wenn ich den Fall abgeschlossen habe.“
Ich mietete einen silbernen Jeep Grand Cherokee mit Allradantrieb und integriertem Navigationssystem, besorgte mir zusätzlich noch einen Stadtplan und machte mich auf den Weg. Zuerst wollte ich versuchen, etwas über Lucas Cardinal herauszufinden. Er war Daniels bester Freund gewesen und vermutlich der Mensch, der ihn vor zehn Jahren zuletzt lebend gesehen hatte.
Lucas wohnte damals mit seiner Mutter in der Manitoba Avenue in North End. Vielleicht konnte ich in der Nachbarschaft etwas über seinen Verbleib herausfinden, auch wenn Robert das schon versucht hatte. Vielleicht hatte er nicht die richtigen Fragen gestellt.
Der übrig gebliebene Schnee auf den Straßen hatte sich in grauen Matsch verwandelt, der unter den Rädern wegspritzte. Ich fuhr die North Main Street zurück und hielt mich laut Navi hinter den Bahnschienen westlich. Links von mir befanden sich die breiten Gleisanlagen, auf denen Rangierloks standen und zahllose rostige Güterwaggons. Ein metallenes Labyrinth wie aus einer Endzeitsaga. Rechterhand Lagergebäude und heruntergekommene Ziegelhäuser mit Graffiti an den Wänden. Einige der Häuser, die offensichtlich bewohnt waren, hatten vernagelte Fenster. Der frische Schnee hatte sich wie eine saubere Schicht über alles gelegt, aber ein paar Plusgrade und die Trostlosigkeit würde unwillkürlich zum Vorschein kommen.
Von der Jarvis Avenue bog ich nach rechts auf die McPhillips Street und von dort in die Manitoba Avenue. Die Nummer 105 hatte ich schnell gefunden. Ich parkte den Jeep in einer Schneelücke am Straßenrand und stieg aus. Vor dem Nachbarhaus, einem schäbigen Holzbungalow, der unter der Last des Schnees zusammenzubrechen drohte, war eine beleibte alte Frau in einem riesigen hellblauen Anorak dabei, den Weg von der Haustür zur Straße freizuschaufeln. Ihr Gesicht, das von einem unter dem Kinn verknoteten, pinkfarbenen Kopftuch zusammengehalten wurde, war puterrot und sie keuchte gefährlich, als würde sie jeden Moment einen Kreislaufkollaps erleiden. Als ich auf sie zuging, unterbrach sie ihre mühsame Arbeit und stützte sich ächzend auf die Schaufel.
„Adam Cameron“, stellte ich mich vor. „Ich suche Mrs Cardinal.”
“Die wohnt nicht mehr hier”, stieß die Frau röchelnd hervor, „und zwar schon eine ganze Weile nicht mehr. Was wollen Sie denn von ihr?“ Ihre kleinen Augen sahen mich neugierig an. Eine weiße Atemwolke, die nach Alkohol roch, umhüllte ihr rotes Gesicht.
„Kann ich helfen?“ Ich streckte die Hand nach der Schneeschaufel aus und nach einigem Zögern gab sie sie mir. In kurzer Zeit hatte ich den Weg freigeschaufelt. Endlich war mir warm, von den Fingern bis zu den Zehen.
„Sind Sie ein Verwandter von Marna?“ Die alte Dame atmete immer noch geräuschvoll.
Das war der Vorteil meiner Physiognomie und meiner langen Haare: Niemand kam auf die Idee, dass ich ein Cop oder von der Presse sein könnte. „Irgendwie schon. Eigentlich suche ich Lucas, ihren Sohn. Er ist mein Cousin“, flunkerte ich.
Indianer sein heißt, mehr Cousins und Cousinen zu haben, als ein Baum Blätter hat. Das war eine der ersten Lektionen, die ich während meiner Zeit in den Reservaten lernte. Das heißt, niemanden von der Tür zu weisen, der Hunger hat oder einen Platz für die Nacht braucht. Mit dieser Auffassung war ich in den ersten Monaten unserer Ehe gelegentlich bei Susan angeeckt. Zugegeben, manchmal hatten ziemlich merkwürdige Gestalten vor unserer Tür gestanden und behauptet, ich wäre ihr Cousin.
Aber da ich mir nie sicher sein konnte, dass, wer auch immer da draußen stand, nicht tatsächlich mein Cousin war, habe ich nie jemandem die Tür gewiesen. Wenn der Besuch nach zwei Wochen immer noch unser Gästezimmer belagerte, hatte meistens Susan die Sache in die Hand genommen.
Jemandes Cousin zu sein, war ein zuverlässiger Türöffner, wenn ich in indianischen Kreisen ermittelte.
Die rotgesichtige Alte musterte mich eindringlich von oben bis unten und setzte dann eine verächtliche Miene auf. „Die arme Marna ist vor vier Jahren gestorben. Und ihr feiner Herr Sohn ist nicht einmal zur Beerdigung gekommen.“
„Sie haben also keine Ahnung, wo er sein könnte?“
„Nein. Und ich will’s auch nicht wissen. Der Junge hat seiner Mutter nichts als Ärger eingebrockt. Dauernd stand die Polizei vor der Tür. Und schließlich ist er dann im Knast gelandet. Marna hat sich die Augen rotgeheult wegen dem Jungen. Er war ihr Einziger, aber das wissen Sie ja sicher, wenn Sie mit ihm verwandt sind.“ Wieder musterte sie mich streng. Inzwischen war die Farbe aus ihrem Gesicht gewichen, nur die Nase leuchtete noch rot und auf den Wangen zeigten sich purpurne, verzweigte Äderchen.
Ich räusperte mich. „Sein Vater war mein Onkel.“
Die Frau machte eine wegwerfende Handbewegung. „Lucas Vater war ein schlimmer Herumtreiber, ein Nichtsnutz, und Lucas ist nach ihm geraten. Er hat sich nicht blicken lassen, als seine Mutter krank wurde und Hilfe brauchte. Ich hab immer gesagt: Ihm soll es mal genauso gehen. Dass niemand für ihn da ist, wenn er Hilfe braucht. Damit er am eigenen Leib spürt, wie das ist.“ Sie seufzte. „Zum Glück war da das Mädchen, das Marna immer mal besucht hat. Wenigstens die hat sich um sie gekümmert.“
„Welches Mädchen?“
Sie zuckte mit den Achseln. „Irgendeine Nichte, glaube ich. Manchmal brachte sie ihre beiden Jungs mit.“
„Wissen Sie, wie sie hieß?“
Die Frau schloss die Augen und schien krampfhaft nachzudenken. Leider erfolglos. Kopfschüttelnd nahm sie mir die Schaufel aus der Hand. „Besten Dank, junger Mann. Ihre Mutter kann stolz auf Sie sein.“
„Meine Eltern leben nicht mehr“, sagte ich. „Deshalb suche ich ja nach Lucas. Er ist der einzige Verwandte, der mir geblieben ist.“
Sie seufzte. „Es ist wirklich traurig, wenn der einzige Verwandte ein Nichtsnutz ist. Aber ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen weiterhelfen soll. Vielleicht sitzt Lucas ja wieder ein. Als Marna noch lebte, war die Polizei jedenfalls regelmäßig da und hat sich nach ihm erkundigt.“
Ich machte ein verständnisvolles Gesicht. „Danke für den Hinweis.“
„Nichts für ungut.“ Sie schenkte mir ein zahnloses Lächeln.
„Wer wohnt denn jetzt in der 105?“ Ich wies auf das Nachbarhaus.
„Die Kings“, sagte sie. „Junge Leute, die sind arbeiten.“
„Kennen Sie jemanden, der mit Marna näher befreundet war?“
„Meine Schwester, die stand auf alles, was mit Indianern zu tun hatte. Sie war da sehr romantisch veranlagt, wissen Sie. Aber Rosa lebt auch nicht mehr. Deshalb wohne ich jetzt in ihrem Haus.“
Weil ich mich nicht mehr bewegte, wurde mir wieder kalt. Und auf diese Weise kam ich auch nicht weiter. Ich verabschiedete mich höflich und die Frau in Hellblau und Rosa wünschte mir viel Glück.
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