Ich nahm das Foto, griff auch nach dem Familienfoto, legte beide auf den Tisch und setzte mich. Dann holte ich den Spiralblock und einen Kuli aus meiner Ledertasche. Als ich eine Tasse mit dampfendem Tee vor mir stehen hatte, und Robert einen Becher Kaffee, saßen wir uns eine Weile schweigend gegenüber. Die Heizungsrohre knackten. Der Tee duftete nach Orangen. Ich war froh, nicht mehr im Flieger sitzen zu müssen und freute mich darauf, etwas Warmes in den Magen zu bekommen.
Schließlich schob ich das Foto des jungen Mannes über den Tisch. „Lassen Sie uns über Daniel reden, Robert.“
„Wo fange ich an?“, fragte Robert leise.
„Egal“, sagte ich. „Ich bin hier, um zuzuhören.“
Blueboy schien seine Gedanken zu sammeln. Das Ticken der Küchenuhr und das Knacken der Heizung waren die einzigen Geräusche im Raum. „Vor zehn Jahren war ich zweiundzwanzig“, begann er schließlich. „Unsere Mutter, Daniel, Scott und ich wohnten zusammen in diesem Haus. Als wir herzogen nach Winnipeg, das war 1992, da lebte unsere Schwester Emma noch bei uns und wir wohnten zunächst in North End, gleich hinter den Gleisen. Aber die Gegend wurde von Straßengangs kontrolliert, die Drogen- und Waffengeschäfte machten, und als Mom das mitbekam, wollte sie so schnell wie möglich dort weg. Ständig versuchte sie, uns von schlechten Einflüssen fernzuhalten. In North End, dem Harlem der Prärie - lernt man von klein auf, dass man zuerst zuschlagen muss, wenn man sich behaupten will. Aber wir waren neu und so bekamen wir die Prügel ab.“
Robert blies in seinen Kaffee und trank vorsichtig einen ersten Schluck. „Unsere Mutter nahm jeden Job an, den sie kriegen konnte. Als Emma dann eine Stelle bei Taco Bells bekam und etwas zusteuern konnte, mietete Mom dieses Haus hier.“ Er hob resigniert die Schultern. „Viel hat es nicht genützt, ein paar Blocks weiterzuziehen. Außer, dass wir auf eine bessere Schule gehen konnten, gab es keine wirkliche Grenze zwischen North End und West Kildonan, jedenfalls damals nicht.“ Er schwieg eine Weile, bevor er fortfuhr.
„Im November vor zehn Jahren, da war Emma mit ihrer kleinen Tochter zu ihrem Freund Josh gezogen, und wir drei Jungs machten unserer Mutter das Leben schwer. Ich hatte keinen Job und hockte zuhause, während Scott regelmäßig die Schule schwänzte und sich auf der Straße herumtrieb.
Daniel war kurz nach Moms Geburtstag wieder mal von den Cops aufgegriffen worden. Sie hatten ihn in Oakdale Hall eingebuchtet, das ist eine Jugendstrafanstalt - drüben in East Kildonan.“
„Was wurde ihm denn vorgeworfen?“, fragte ich nach.
„Mehrere Einbrüche, Diebstahl, Raub, Drogenbesitz.“ Robert seufzte. „Klingt nach einem üblen Burschen, ich weiß, aber Dan war nicht schlecht. Mein kleiner Bruder war ein helles Köpfchen, vermutlich der Schlauste von uns allen. Er brachte immer gute Noten nach Hause und von der 6. Klasse an spielte er in einer Footballmannschaft.“ Er schüttelte nachdenklich den Kopf. „Aber mit vierzehn begann Dan Alkohol zu trinken und kam zum ersten Mal ernsthaft mit dem Gesetz in Konflikt. Er wurde dabei erwischt, wie er einen Zigarettenautomaten knackte. Von da an ging es rasant weiter: Eingeschlagene Autofenster, kleinere Einbrüche, Ladendiebstähle, Sachbeschädigung, das ganze Programm eben.“
„Klingt nicht unbedingt nach einem hellen Köpfchen“, wagte ich einzuwenden.
„Keine Ahnung, aber ich glaube nicht, dass das Ganze irgendetwas mit Logik zu tun hatte. Es war der Kick, der ihn reizte. Dan hatte schon mehrere Male im Betongrab – wie er Oakdale Hall nannte – eingesessen. Er hasste es, dort zu sein. Leider hielt ihn das nicht davon ab, bei der nächsten Gelegenheit wieder loszuziehen und Mist zu bauen. Im Oktober 1997 kam er dann in so ein Resozialisierungsprogramm und musste in dieses Wohnheim für jugendliche Straftäter ziehen. Es sei seine letzte Chance, sagte der Richter, die letzte Alternative zum Knast.“
Ich machte mir ein paar Notizen auf meinen Spiralblock, was Robert gedankenverloren verfolgte. Als ich aufhörte zu schreiben und ihn fragend ansah, musste er sich erst wieder sammeln. Schließlich sprach er weiter: „Ein paar Tage vor seinem Tod war Dan aus dem Gemeinschaftshaus abgehauen und stand deshalb auf der Fahndungsliste der Cops. Mom wusste Bescheid, denn Conny Legrand, die Leiterin des Wohnheimes, hatte sie informiert. Als Dan schließlich am Samstag zu Hause auftauchte, rief Mom die Polizei nicht an. Das hätte sie niemals getan, es war einfach nicht ihre Art. Sie hatte jedem von uns versichert, dass wir immer nach Hause kommen könnten, wenn wir Probleme hätten, zu jeder Zeit. Darauf konnten wir uns verlassen.“
„Daniel hatte ganz offensichtlich große Probleme“, bemerkte ich. „Wenn er wusste, dass es seine letzte Chance war, warum ist er dann trotzdem abgehauen?“
Robert hob die Schultern. „Niemand von uns verstand ihn. Dan lächelte einfach und tat es als Bagatelle ab.“
„Kann ich mit Ihrer Mutter sprechen, Robert?“, fragte ich. „Lebt sie noch hier in Winnipeg?“
Blueboy schüttelte den Kopf und starrte in seinen Kaffeebecher. „Unsere Mutter hat drei Jahre nach Dans Tod eine Überdosis Schlaftabletten genommen. Meine Schwester hat sie zwar rechtzeitig gefunden und die Ärzte konnten ihr Leben retten, aber Mom war nicht mehr dieselbe. Emma ist mit ihr ins Reservat zurückgekehrt und hat sich all die Jahre um sie gekümmert. Und nun ist sie tot. Mom ist vor zwei Monaten an Herzversagen gestorben.“
„Das tut mir leid.“
„Es war eine Erlösung“, sagte er.
„Und Daniels Vater?“
„Väter gab es bei uns immer nur kurzzeitig. Meiner war weiß, das ist schwerlich zu übersehen. Daniels Vater verließ uns, da war Dan fünf und Scott drei. Danach zog Mom es vor, auf Väter zu verzichten.“
Ich holte das Familienfoto heran und zeigte auf den Mann an Betty Blueboys Seite.
„Onkel Vernon“, sagte Robert, „Moms Bruder.“ Sein Finger tippte nacheinander auf die abgelichteten Personen. „Emma mit ihrer Tochter Deena und ihrem Freund Josh. Dan, sein Freund Lucas, unser kleiner Bruder Scott, Tante Dolores - Vernons Frau - mit den drei Kindern, unseren Cousins und Cousinen.“
Ich deutete auf ein hübsches Mädchen, das - halb verdeckt von Scott - vor Daniel stand, und ungefähr in seinem Alter sein musste, vielleicht auch ein oder zwei Jahre jünger.
„Janelle“, sagte Robert. „Sie ist auch eine Cousine von uns. Das heißt, um genau zu sein, eine Cousine von Dan und Scott. Sie und ihre Schwester Therena wohnten damals nicht weit von hier und Dan hing öfter mit den beiden Mädchen herum. Wir haben erst später erfahren, dass die beiden mit Dans und Scotts Vater verwandt sind.“
„Hat Ihre Mutter noch andere Geschwister?“
„Nein. Nur Onkel Vernon. Er lebt inzwischen auch wieder im Reservat.“
„War Ihre Mutter je verheiratet?“ Das war eine Frage, die wenig mit dem toten Daniel zu tun hatte, sondern meiner immer noch schwelenden Hoffnung galt, meine leibliche Mutter zu finden. Aber davon konnte Robert nichts wissen.
„Ja, mit dem Vater meiner Schwester Emma. Aber Blueboy ist Moms Mädchenname. Nach der Scheidung hat sie ihn wieder angenommen.“
Es ist also möglich , dachte ich für einen Moment, bevor ich mich wieder ganz auf Daniel konzentrierte.
„Sie sagten, Ihre Schwester Emma lebt jetzt wieder im Reservat?“
„Ja, in Narrow River. Mom und Onkel Vernon sind dort geboren und aufgewachsen.“
„Ist Emma verheiratet mit diesem Josh?“ Ich tippte auf den jungen Mann an ihrer Seite.
„Nein. Als sie beschloss, mit ihrer Tochter und unserer kranken Mutter ins Reservat zurückzukehren, hat Josh sich aus dem Staub gemacht. Emma war damals wieder schwanger, das war hart für sie. Bis zuletzt hat sie sich um unsere Mutter gekümmert. Mom saß im Rollstuhl, müssen Sie wissen.“
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