„Reden wir nicht davon“, brummte ich. „Und Adam reicht völlig aus.“ Er nickte und bückte sich nach meiner Tasche, aber ich kam ihm zuvor.
„Macht es Ihnen etwas aus, bei mir zu wohnen?“, fragte Robert verlegen. „Meine Frau ist vor vier Wochen mit unserem Sohn auf und davon und ich habe viel Platz im Haus.“
Um ehrlich zu sein: Ich hatte wenig Lust, mir die Klagen eines verlassenen Ehemannes anzuhören, und das war auch nicht mein Job. Aber so wie es aussah, würde mich die Lösung des Falles einiges kosten - schon für den Flug hatte ich 500 Dollar bezahlen müssen. Deshalb hatte ich nichts dagegen, die Hotelkosten zu sparen.
Zwar kannte ich keine Geldsorgen, aber meine Mutter hatte mir beigebracht, sparsam zu sein. Sie hatte Alice und mir dazu geraten, immer erst darüber nachzudenken, ob das Geld, das wir gerade ausgeben wollten, nicht noch sinnvoller eingesetzt werden konnte.
„Ich brauche einen ungestörten Platz zum Arbeiten und ich muss kommen und gegen können wann ich will.“
„Klar.“ Robert nickte.
Ich nahm seine Einladung an.
Als wir den Terminal verließen, wehte der Schnee wie ein kalter Fluch in mein Gesicht. Eisiger Wind biss in meine Haut. Ich zog mir die Kapuze über den Kopf, aber der Wind kam von vorne, deshalb nützte das reichlich wenig. Ich schluckte einen Schwall Kälte, die im Hals brannte und mir den Atem nahm. Meine Knie wurden auf der Stelle zu Frostbeulen. Ich bereute, meine langen Unterhosen nicht schon am Morgen angezogen zu haben.
Robert Blueboy verschwand im Flockenwirbel und ich stand orientierungslos da. Für einen Augenblick war ich kurz davor, in Panik auszubrechen. Doch plötzlich tauchte er aus dem Nichts wieder auf, packte mich am Arm und zog mich mit sich fort. „Der Blizzard war angekündigt“, rief er. „Ich dachte schon, Ihr Flieger würde gar nicht landen.“
Nicht landen? Ich weigerte mich, weiter darüber nachzudenken.
Robert fand seinen roten Subaru Kombi kurze Zeit später wieder und fegte mit dem Arm den Schnee von den Scheiben und Türen. Er lud meine Tasche in den Kofferraum und öffnete mir die Beifahrerseite. Ich sprang hinein und zog die Tür zu.
„Tja“, sagte Robert, als er neben mir saß, „das ist übliches Januarwetter bei uns. Sie im Süden sind da sicher anderes gewöhnt.“ Er versuchte einige Male vergeblich, den Motor anzuwerfen, der dabei grässliche, wenig vertrauenerweckende Geräusche von sich gab.
„Süden ist vielleicht ein bisschen übertrieben“, erwiderte ich, „aber es ist wahr: So viel Schnee und Kälte gibt es in Seattle nur alle paar Jahre einmal. Trotzdem bin ich jeden Winter drauf und dran, mit meiner Familie nach New Mexico umzusiedeln. Ich mag den Winter nicht.“
Der Motor heulte auf und Blueboy fuhr los. „Dann werden Sie sich hier nicht sonderlich wohlfühlen, Mr ... äh, Adam. Winnipeg hat den Ruf, die kälteste Stadt Nordamerikas zu sein. Bei uns dauert der Winter fünf Monate.“
„ Winterpeg , ich weiß. Aber ich werde schon klarkommen.“ Zumindest redete ich mir das ein.
Das Schneetreiben blieb dicht und draußen sah alles gleich aus. Wir befuhren breite, autobahnähnliche Straßen, die gesäumt waren von gesichtslosen grauen Häusern. Wir überquerten Gleise, kamen durch eine verqualmte Industriegegend mit Lagerhallen, Schrottplätzen und Autohöfen. Einmal hätte uns beinahe ein großer Schneepflug erwischt. Auto fahren war also nicht weniger gefährlich als Fliegen – jedenfalls in dieser Stadt und bei diesem Wetter.
Inzwischen befanden wir uns im Nordteil von Winnipeg, erklärte mir Robert, im Bezirk West Kildonan. Er lebte in einer dieser typischen Siedlungen, in denen Menschen aus der Unterschicht meist unter sich sind. Kleine, heruntergekommene Häuser, die dicht gedrängt nebeneinander standen. Er fuhr den Kombi in eine freigeräumte Einfahrt unter einen offenen Carport. Der gelbe Ziegelbungalow, zu dem die Einfahrt gehörte, war auf den ersten Blick gut in Schuss.
„Ich arbeite für eine Baufirma“, erklärte mir Blueboy, als wir auf der Veranda standen und er seine Haustür aufschloss. „Im Augenblick ist Flaute, die meisten Leute wurden entlassen. Aber ich denke, Ende März geht es wieder los. Zwischendurch halte ich mich mit Aushilfsjobs über Wasser.“
„Nettes Haus“, bemerkte ich.
„Ja. Nur ein bisschen groß für einen allein.“
Ich schwieg.
Drinnen war es angenehm warm, und das von mir befürchtete Chaos im Haushalt eines frisch verlassenen Ehemannes herrschte auch nicht. Offenbar kam Robert ganz gut klar. Wir hängten unsere Jacken an die Garderobe und er führte mich in eine freundlich wirkende Küche: Einbauschränke mit einer Oberfläche aus heller Holzimitation, ein Kiefernholztisch mit sechs Stühlen und ein Regal, in dem vielleicht einmal Kochbücher gestanden hatten. Jetzt war es ausgeräumt, bis auf ein altes Radio und ein paar Fotos in Stellrahmen. Neben der Spüle standen ein umgestülpter Kaffeebecher, ein Teller und ein Glas. Auf dem Fensterbrett kümmerten zwei Grünpflanzen vor sich hin.
„Früher war es immer sehr gemütlich bei uns. Nora hatte ein Händchen dafür. Ich habe das nicht. Ist ziemlich mühsam, alles in Ordnung zu halten. Nichts macht sich von allein. Eine Menge Dinge musste ich erst lernen.“
Schon wieder das leidige Thema. Aber ich konnte Roberts Worte nicht erneut ignorieren. „Wie ich sehe, haben Sie alles bestens im Griff.“
Robert musterte mich einen Augenblick nachdenklich. Ich hatte das Gefühl, dass er froh war, mich da zu haben, jedoch nicht wusste, wie er mit mir umgehen sollte. Es war anzunehmen, dass er bisher noch nie mit einem Privatdetektiv zu tun hatte.
Ich wollte Susan anrufen, um ihr zu sagen, dass ich gut angekommen war, aber Roberts Einsamkeit war so offensichtlich, dass ich es nicht in seiner Gegenwart tun wollte. Ich fragte ihn nach der Toilette und er zeigte mir das Bad.
Auf dem Badewannenrand sitzend, berichtete ich Susan, dass ich den Flug überstanden hatte und bei Robert wohnen würde. Ich erkundigte mich nach Amina und Susan versicherte, dass es ihr gut ging. Aminas Freundin Jo war da und die Mädchen spielten zusammen.
„Groll mir nicht mehr“, bat ich sie. „Ich liebe dich.“
„Komm bald zurück“, sagte sie. „Ich brauche dich.“ Und legte auf.
Ich würde zurückkehren, wenn der Fall abgeschlossen war. Susan wusste das.
„Möchten Sie einen Kaffee, Adam?“, fragte Robert, als ich wieder in die Küche trat.
„Tee wäre mir lieber, wenn das möglich ist.“ Für heute hatte ich genug Kaffee getrunken. Mein Magen hätte jetzt etwas Handfestes vertragen können, aber ich wollte meinen Gastgeber nicht in Verlegenheit bringen.
Robert füllte den Wasserkessel auf und setzte ihn auf den Herd. Während er sich um Tee und Kaffe kümmerte, betrachtete ich die Fotos im Regal. Eines zeigte Robert mit einer hübschen, etwas molligen Indianerin und einem sieben- oder achtjährigen Jungen. Jeder der drei hielt einen Luftballon in der Hand und lachte in die Kamera. Ein Schnappschuss aus glücklichen Zeiten.
Das zweite war ein großes Familienfoto, auf dem mehr als ein Dutzend Leute abgebildet waren. In der Mitte eine strahlende Mittfünfzigerin, daneben ein etwas älterer Mann.
„Der 54. Geburtstag unserer Mutter“, sagte Robert, als er mich das Foto betrachten sah. „Das war im August 1997. Damals war die Welt noch halbwegs in Ordnung.“
Ich musste wissen, wer jede einzelne Person auf diesem Gruppenbild war, aber das konnte ich auch später noch fragen.
Auf dem dritten gerahmten Foto schaute mich ein Junge mit schulterlangem, leicht gelocktem Haar, vollen Lippen und großen schwarzen Augen herausfordernd an. Keine Frage, wer das war. Mir kam sofort in den Sinn, dass die Mädchen Daniel Blueboy gemocht haben mussten, denn er war ein ausgesprochen gutaussehender junger Mann gewesen.
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