„Mach ich, Sie können sich auf mich verlassen.“ Er pinnte den Zettel mit einem Magneten an die Kühlschranktür. „Was werden Sie als nächstes tun? Ich meine, nachdem wir da draußen waren.“
Ich schluckte den letzten Bissen hinunter. „Sie wollen meinen Schlachtplan wissen?“
Er grinste zaghaft. „Ja.“
„Als erstes werde ich mit ein paar Leuten sprechen. Da ich ziemlich viel unterwegs sein werde, brauche ich einen Mietwagen.“
„Ich nehme Sie nachher mit in die Stadt und setze Sie bei einem Autoverleih ab“, sagte Robert, während er das Geschirr in die Spüle räumte. „Aber jetzt müssen wir los.“
Ich trank meinen Kaffee aus und brachte ihm die leere Tasse.
Die Welt draußen war blendend hell und kalt. Gegen Morgen hatte es aufgehört zu schneien und alles lag unter einer dicken weißen Schicht begraben, die im Sonnenlicht glitzerte. Das Blau des Himmels schmerzte in meinen Augen und ich blinzelte wie ein Maulwurf.Robert ließ mich einsteigen und kratzte die Scheiben des Kombis frei. Der Beifahrersitz kam mir vor wie ein Eisblock. Kaum war Robert eingestiegen und wir hatten beide ließ mich einsteigen Türen geschlossen, ließen unsere Atemwolken die Scheiben auf der Innenseite gefrieren.
Auch diesmal gelang es Robert erst nach mehreren Versuchen, den Wagen zu starten. „Wenn er kalt ist, macht er Probleme“, meinte er entschuldigend. „Aber bisher hat er mich noch nie im Stich gelassen.“
Ich verkniff mir die Frage, warum er den Wagen nicht einfach in eine Werkstatt brachte, um das Problem beheben zu lassen. Vielleicht hatte er Geldprobleme und es war ihm unangenehm, das zuzugeben.
Robert ließ den Motor aufheulen und lenkte den Kombi aus der Einfahrt. Riesige Schneepflüge waren unterwegs und befreiten die Straßen von den Schneemassen. Ich versuchte, mich an den Straßenschildern zu orientieren. Robert fuhr den Inkster Boulevard durch den gleichnamigen Industriepark in Richtung Westen. Aufgrund der Räumfahrzeuge und des Berufsverkehrs ging es nur langsam voran. Obwohl Robert die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht hatte, wurde es kaum wärmer im Wagen.
An diese Kälte würde ich mich nie gewöhnen.
Nach einer halben Stunde, wir hatten die Randgebiete der Stadt mit ihren Getreidesilos und hässlichen Industrieanlagen längst hinter uns gelassen, befanden wir uns auf einem Highway in Richtung Westen. Ich blickte auf den Kilometeranzeiger. Von der Polson Avenue bis zum Stadtrand waren es sechs Kilometer.
Nach weiteren acht Kilometern bog Robert hinter einem einsamen Buswartehäuschen nach rechts auf eine schmale Nebenstraße. Bis auf das mit Graffiti besprühte Wartehäuschen war die Gegend unbebaut. Nur freies Feld, Strommasten und die Bahngleise. Das Land vor uns erstreckte sich flach und weiß.
Die Nebenstraße war zwar geräumt, schien jedoch ins Nichts zu führen. Robert fuhr noch ein ganzes Stück diesen einsamen Weg, bis eine Trafostation auftauchte. Dort angelangt, parkte er den Wagen in einer Ausweichstelle, die der Schneepflug geschoben hatte. Wir stiegen aus und Robert lief einfach los. Ich folgte ihm aufs freie Feld.
Der Schnee war hier draußen nicht tief, denn der Wind hatte ihn über die Ebene gefegt und an einigen Stellen zu Wellen und Hügeln verweht, die man umgehen konnte. Eiskristalle, die wie Nadeln stachen, bliesen mir ins Gesicht. Meine Augen tränten vor Kälte.
Diesmal trug ich lange Unterhosen, Schal und Handschuhe, merkte aber schon nach wenigen Minuten, dass sie nicht geeignet waren, um mich bei diesen Temperaturen warm zu halten. Meine Winterkleidung taugte nicht für richtigen Winter. Das Thermometer in Roberts Subaru hatte –15°C angezeigt. Mit Windchill fühlte es sich an wie –25°C. In kürzester Zeit bekam ich kalte Füße in meinen ungefütterten Trekkingstiefeln. Mit unglaublicher Schnelligkeit kühlte mein Körper aus und ich war kurz davor, in Panik zu geraten. Was würde passieren, wenn Roberts Kombi nicht ansprang und wir hier festhingen? Krampfhaft umklammerte ich das Handy in meiner Jackentasche.
Es kann nichts passieren , sagte ich mir. Du bist nicht allein und es besteht kein Grund zur Besorgnis. Reiß dich zusammen, Adam.
Instinktiv leckte ich mit der Zunge über meine brennenden Lippen, was alles noch verschlimmerte. Schlotternd und zähneklappernd beschloss ich, noch heute meine Wintergarderobe aufzurüsten - das war alles, was ich gegen meine Angst tun konnte.
Robert, der vorausgegangen war, blieb vor einer flachen Senke stehen. Ich stapfte zu ihm und blickte mich um. Gelbliche Grasbüschel ragten frostglänzend aus dem Boden, dort wo der Wind den Schnee fortgeweht hatte.
„Mein Bruder lag in dieser Senke hier“, sagte er, und seine Atemwolke glitzerte in der Sonne. „Deshalb hat man ihn vom Zufahrtsweg aus nicht gesehen. Gleisarbeiter haben ihn entdeckt, weil die Schienen etwas höher liegen.“ Er wies nach Westen, wo eine Bahnlinie die flache Eintönigkeit durchschnitt. „Manchmal komme ich her und denke an meinen kleinen Bruder. Ich frage mich, was er hier gewollt haben könnte. Aber wie ich die Dinge auch drehe und wende, ich kann keine Erklärung finden.“
Nein, eine Erklärung gab es nicht. Nun wusste ich auch, warum niemand an einen Unfall geglaubt hatte.
„In welcher Richtung liegt das Stony Mountain Gefängnis?“
Ich hatte das Gefühl, die Kälte riss mir den Atem aus den Lungen, wenn ich den Mund nur ein kleines Stück öffnete. Deshalb zerrte ich mir den Schal über die Lippen, aber er rutschte und richtete wenig aus.
Robert zeigte nach Norden. „Ungefähr vier Kilometer von hier stößt man auf den Jefferson Highway. Der führt direkt nach Stony Mountain. Über das Feld und die Gleise zu gehen, ist tatsächlich eine Abkürzung. Aber Dan wäre diesen Weg niemals gegangen. Er hatte hier draußen nichts verloren.“
Sein Leben , dachte ich. Er hat an diesem einsamen, bitterkalten Ort sein Leben verloren.
Der Wind fegte mir durch die Kleidung und schnitt in meine Haut. Meine Füße waren gefühllos und ich stampfte auf den Boden, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen. Den Gedanken, mir Aufzeichnungen zu machen, gab ich von vorne herein auf. Ich wollte meine Finger nicht verlieren und der Kuli hätte bei dieser Kälte sowieso gestreikt. Stattdessen versuchte ich mir einzuprägen, was von Bedeutung war.
Südöstlich von hier befanden sich die Landepisten des Flughafens. Ich konnte den Tower sehen, und wie sich ein Flieger mit dem Zeichen der Canadian Air in die Lüfte erhob und tief über uns hinwegflog.
Bis zum Stadtrand waren es rund dreizehn Kilometer. Bis zum Stony Mountain Gefängnis laut Robert fünf oder sechs. Ein junger Mann mit Daniels Konstitution hätte es schaffen können, wenn er nüchtern und entsprechend gekleidet gewesen wäre.
Wir liefen zurück zum Wagen, der ausnahmsweise schon beim dritten Versuch ansprang, und Robert fuhr wieder in Richtung Stadt. Es waren immer noch Schneepflüge unterwegs, aber da die breiten Hauptstraßen inzwischen geräumt waren, kamen wir diesmal zügig voran. Als Robert vom Inkster Boulevard auf die North Main Street bog, erklärte er mir, dass Winnipeg eigentlich aus zwei Stadtzentren besteht.
„Wo Portage und Main Street aufeinandertreffen, finden Sie das Geschäftsviertel. Da gibt’s nichts Grünes“, sagte er, „auch im Sommer nicht. Nur Hochhäuser, Banken und Einkaufszentren. Das alte Zentrum ist The Forks , ungefähr einen Kilometer südöstlich von Portage und Main, wo der Assiniboine in den Red River mündet. Vor 250 Jahren hatten Ojibwe und Cree an dieser Stelle ihren Handelsplatz. Im Sommer ist dort richtig was los, da tummeln sich die Touristen, auch wenn das jetzt schwer vorstellbar ist.“
Schwer vorstellbar , allerdings, dachte ich, während ich aus dem Fenster sah. Billighotels, Bars und Vergnügungslokale dominierten beide Seiten der North Main Street. Dazwischen kleine Handyshops, Trödelläden und Tattoo-Studios. Vor dem dampfenden Abzugsschacht einer Suppenküche standen Obdachlose, die auf ein warmes Frühstück und einen Kaffee warteten. Männer und Frauen, irgendwo zwischen dreißig und fünfzig, in schäbigen Jacken oder Mänteln. Ausgestoßene aus der Gemeinschaft der Joe Citizens , der Normalbürger.
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