Frida fühlte sich von der Wucht ihrer Worte erschlagen. „Wo ist David? Lebt er?“
„David lebt. Er liegt im Heilerhaus. Die Rothaar-Schergen haben ihn hingebracht. Dogan, ich weiß nicht genau, wie‘s ihm geht!“
Die Verzweiflung, die ihre schmerzhaften Krallen in Fridas Brust gegraben hatte, lockerte ihren Griff. Frida rang nach Luft. „Hör mal Canan, vielleicht muss ich zur Stadtwache gehen. Ich habe den Angreifer gesehen, ganz kurz!“
„Nein, da gehst du nicht hin.“ Canan sprach hastig und eindringlich. „Verstehst du nicht? Rothaars Leute waren im Kino und sind euch gefolgt. Sie haben gesehen, dass er mit dir unterwegs war. Dir ist scheinbar nichts passiert. Sie mussten glauben, dass du ihn angegriffen hast! Aber der Alte war schneller, er hat dich weggebracht, bevor die Brut kam, es waren aber nur Sekunden. Glaub mir, ob schuldig oder nicht, du willst nicht in die Hände der Brut Rothaars fallen. Natürlich weiß die Stadtwache inzwischen auch, nach wem sie suchen muss. Wenn es dir gelingt, Rothaar und die Stadtwache zu überzeugen, dass du David nichts getan hast, gibt es immer noch was, womit du dich an den Galgen lieferst!“
Fridas Atem ging schnell. „Die… die Schriften?“
„Ja, die Schriften. Frida, du bist eine Ketzerin! Du hast ja keine Ahnung, was das bedeutet, Kind…“ Canans Stimme brach.
Frida lehnte sich zitternd an die Wand. Wie einfältig war sie gewesen zu glauben, sie wäre klüger als alle anderen, sie könne Geheimnisse vor Menschen verbergen, deren Augen und Ohren überall waren? Wer wusste noch alles von dem, was sie tat?
„Was hast du vor mit mir?“, flüsterte Frida. Sie dachte an ihre Mutter, an das, was der Falkenaut damals gesagt hatte. Ketzerin, Ketzerin…
„Sobald es sicher ist, schaffen wir dich raus aus Litho.“
„Was? Das kannst du vergessen! Ich gehe nicht weg!“
Grenzenlose Panik strömte in Fridas Brust. Ihr Zuhause, alles, was sie kannte aufgeben? Niemals!
„Das habe ich mir gedacht. Deshalb der Dachboden. Aber ich werde nicht mit dir streiten.“ Canan klang plötzlich müde.
„Jetzt bitte, denk darüber nach, gibt‘s irgendwas in deiner Wohnung, was dich als Ketzerin belasten könnte? Irgendwas?“
„Nur meine Schreibmaschine wo ich die Schriften drauf getippt hab aber…“
„Wo steht sie?“
„Im Schrank aber…“
„Sonst nichts? Auch nicht bei Jon?“
„Nein aber…“, Frida stockte. „Moment mal, wieso bei Jon? Glaubst du, sie gehen auch zu Jon?“
„Das kann dir jetzt wirklich egal sein!“, sagte Canan und legte auf.
Langsam legte Frida den Hörer wieder auf die Gabel. Der Schock fiel von ihr ab, allmählich kam sie wieder zu Sinnen. Ruhig, dachte Frida, ruhig. Was ist passiert? David wurde angegriffen. Warum bin ich nicht sofort hinter ihm her? Warum habe ich gezögert? Verdammt, wieso? Es ging so schnell. Und David hatte diese Pistole…
Das hatte sie gelähmt, David mit der Pistole zu sehen. Es passte nicht, es war einschüchternd gewesen. Das hatte sie die eine Minute zurückgehalten, diese eine Minute, die entscheidend war.
Gut, weiter. Adam Rothaar hat uns überwacht. Er wusste, dass David in die Unterstadt geht. Und seine Leute waren hinter uns… sie glauben, ich hätte David was getan. Sie suchen mich. Wenn der Alte nicht gewesen wär, hätten sie mich schon. Und die Stadtwache ist hinter mir her. Wenn sie rauskriegen, dass ich eine Ketzerin bin, komm ich nie wieder frei! Oder sie töten mich, wie Mutter…
Zitternd verschränkte Frida die Arme. Diese Gedanken brachten sie nicht weiter.
Wer wollte David töten? Und vor allem, warum? Ein gewalttätiger Bettler? Aber das ist jetzt egal. Was hat Canan gemeint mit: ob ich noch etwas bei Jon habe? Kreuzt die Rothaar Brut oder die Stadtwache bei Jon auf? Tun sie ihm was?
„Stinkende Stadtwächter!“, fluchte Frida. Eins wusste sie genau: niemand würde sie aus Litho wegbringen. Um keinen Preis. Und, egal wie wütend sie auf ihren Vater war, sie würde es nicht zulassen, dass er wegen ihr in Schwierigkeiten geriet.
Endlich gelang es Frida, den Raum, in dem sie eingesperrt war genauer zu betrachten. Es gab keine Fenster, aus denen sie klettern hätte können, keinen Kamin oder eine zweite Tür. Aber Frida gab nicht auf. Sie sah nach oben. Über ihr waren dicke Balken, die das Dach stützten, ein Konglomerat aus ineinander gehakten Ziegeln. Isolierung war hier noch ein Fremdwort. Frida schritt auf und ab, das Dach nicht aus den Augen lassend. An einer Stelle schienen die Ziegel beschädigt zu sein, vielleicht von Hagelkörnern oder einem Sturm. Durch ein faustgroßes Loch in einem Ziegel glaubte Frida einen Stern blitzen zu sehen.
„Gut, Canan… wir werden ja sehen… du hast nicht an alles gedacht“, flüsterte Frida.
Sie rannte zurück in die Ecke, in der die Kamera stand und betrachtete kurz das schwarze Tuch, das über einem Seil gespannt war. Frida löste das Seil aus den Befestigungen an den Wänden, rollte es zusammen und warf es sich um die Schultern. Dann sah sie sich wieder um. Neben einer südländischen Kommode stand ein hoher Schrank, dessen Türen offenstanden. Lampions und buntes Lametta leuchteten heraus. Frida stieg auf die Kommode, krabbelte von dort mit einiger Mühe auf den hohen Schrank, stellte sich mit wackeligen Beinen aufrecht hin und sah wieder nach oben. Mit der Hand konnte sie nach einem Querbalken greifen. Mit einem Sprung hing sie an dem Balken, schlang ihre Beine um ihn herum und gab ihr Bestes, sich hochzuziehen. Es hatte Vorteile, so groß wie Frida zu sein.
Sie brauchte mehrere Anläufe und das Seil rutschte von ihrer Schulter. Dann hatte sie es geschafft.
Sie balancierte auf dem Balken bis zu der Stelle, wo das Loch in dem Ziegel war. Mit der flachen Hand schlug sie dagegen. Er wackelte. Frida schlug härter zu und der Ziegel rutschte aus seiner Verankerung. Sie bekam ihn gerade noch zu fassen, bevor er auf den Boden fiel. Der zweite Ziegel war einfacher herauszunehmen, denn er war nicht mehr verhakt, genau wie der dritte und der vierte…
Frida lächelte räuberisch. Über ihr strahlte der Sternenhimmel. Sie atmete die kalte Luft ein und kletterte hinaus auf das Dach.
Es war schon Morgen, als Frida die Straße erreichte, in der das Haus ihres Vaters Jon stand. Sie hatte es nicht gewagt direkt dorthin zu laufen. Sie hatte weite Umwege gemacht, die sie durch Hintergassen und Keller führten. Das Besondere an den Kellern der Unterstadt war, dass sie durch ein verzweigtes Gangsystem miteinander verbunden waren. Dieses Gangsystem ging oft lückenlos in das Kanalsystem der Stadt über und es hieß, dass die Gänge antike Abwasserkanäle seien und bis weit in die Berge Perihel führten. Irgendein verrückter Wissenschaftler hatte einmal behauptet, dass die Gänge und Kanäle fast achtzig Meilen lang wären, was die Unterstädter nur belächelten. Es war allgemein bekannt, dass es einhundertzweiundfünfzig Meilen waren.
Jemand, der sich nicht auskannte konnte sich leicht so verlaufen, dass er irgendwann einfach im Dunkeln unter der Erde verdurstete. Doch nicht Frida. Schon als Kind war sie mit ihrer Bande durch die Keller vor den erzürnten, weil bestohlenen Händlern und den Stadtwächtern geflüchtet. Mit verschieden großen Glasstücken hatten sie Zeichen an den Gabelungen gelegt, die ihnen den Weg wiesen. Die meisten lagen noch dort und Frida vermutete, dass sie Generationen von Straßenkindern wie Leo als Orientierung benutzt hatten. Tag und Nacht brannten Fackeln an den bekanntesten Eingängen. Jeder, der in die Gänge flüchten wollte, war so für die schwarze Kälte gewappnet. Wurde er verfolgt, konnte er wertvollen Vorsprung gewinnen indem er alle am Eingang verbliebenen Fackeln auslöschte.
Die Straße war verlassen. Zur rechten Seite lag das Haus, in dem ihr Vater lebte und in dem auch Frida aufgewachsen war. Ein niedriges und unscheinbares Backsteinhaus. Die Fenster aller Wohnungen waren wegen der Hitze weit geöffnet. Nicht aber die in Jons Wohnung im ersten Stock. Frida verbarg sich einige Häuser weiter hinter einem Haufen Sperrmüll, den die Bewohner auf den Gehweg geräumt hatten. Unschlüssig sah sie hinüber. Wie einfach wäre es, hin zu gehen und Steine an das Schlafzimmerfenster zu werfen. Jon würde aufwachen, verschlafen hinuntersehen und sie hineinlassen. Aber nein. So einfach war es nicht. Frida hatte so einige Erfahrungen mit den Stadtwächtern gemacht und dazu gehörte, dass sie listige Hunde waren. Erst musste sie sicher gehen, dass niemand vor ihr hergekommen war. Sie ging in die Knie, kauerte hinter einem Stapel Bretter und überlegte, wie sie mögliche Angreifer entdecken konnte.
Читать дальше