Frida nahm eine Bewegung aus den Augenwinkeln war. Blitzschnell wandte sie sich um und sah, wie die alten Decken neben ihr zum Leben erwachten. Erschrocken zuckte Frida zur Seite. Eine Hand schob sich hervor und es tauchte das dunkle Gesicht eines Mannes mit zotteligen Haaren auf. Er stank fürchterlich. Ein Graufell. Frida starrte ihn fassungslos an. Der Graufell starrte zurück, doch Frida konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten.
„Er hat gesagt, dass du kommst“, murmelte der Graufell.
„Was?“
Verwirrt und angespannt betrachtete Frida den Mann, der sich aus den Laken kämpfte. Er war mit einer schmutzigen grauen Leinenhose und einem Hemd bekleidet, das eines Tages einmal weiß gewesen sein mochte. An beiden Handgelenken trug er breite Lederbänder.
„Iringa, Jon Iringa. Hat gesagt, ich soll auf dich warten. Soll dir was geben.“
Er sprach so leise, dass Frida ihn kaum verstehen konnte. Er griff in seine Hosentasche und zog ein Stück Papier heraus, das hastig aus einem Almanach gerissen worden war. Er streckte es ihr hin. Fassungslos griff Frida danach. Auf der Rückseite standen Worte, eilig in Jons krakeliger und ungeübter Handschrift hingeschrieben.
Frida, versteck dich. Sie haben mich. Jon
Mit zitternder Stimme flüsterte Frida: „Woher hast du das?“
Der Graufell sah Frida lange scharf an, bevor er antwortete.
„Vor drei oder vier Stunden kam er raus. Hat mich bei den Schätzen“, er wies mit der Hand auf den Sperrmüll, „hier gesehen. Dachte schon, dass er mich vertreiben will. Wollte er nicht. Hat mir den Zettel zugesteckt. Sollte auf eine junge Südländerin mit grauen Augen warten. Hat mir viel Geld dafür gegeben.“
Er sprach knurrig und ungestüm. Frida ballte ihre Hände zu Fäusten. „Wo ist er hin?“
„Nirgends. Ist wieder rein. Kurz danach haben sie ihn geholt.“
Frida hielt den Atem an. „Wer hat ihn geholt?“
„Die Uniformierten“, sagte er und grinste wissend. Sofort sprang Frida auf und wollte auf das Haus zulaufen, doch der Graufell packte sie unsanft am Arm und zerrte sie wieder auf den Boden.
„Lass es. Die sind da noch drin. Warten auf dich. Besser du hörst auf den alten Kerl und tauchst ab.“
„Wie denn?“
Verzweifelt ließ sich Frida auf dem staubigen Erdboden fallen. In ihre Wohnung konnte sie nicht, Jon war verschwunden. Zu Canan zurück war auch unmöglich, wenn sie nicht wieder eingesperrt werden wollte. Heiß brannte die Schuld in ihrer Brust. David war wegen ihr in die Unterstadt gekommen und sie hatte ihn alleine in diesen Wald gehen lassen. Und jetzt Jon, verhaftet, verschleppt. Nur wegen ihr. Hätte sie David niemals mit in das Ladenkino genommen, wäre sie ihm nachgelaufen… Hätte, wäre, wenn. Verzweifelt drückte Frida ihre Handflächen gegen die Schläfen. Sie war völlig erschlagen. Als sie die Hände wieder sinken ließ, sah sie zum ersten Mal die Wunden an den Knöcheln und das Blut, das schon getrocknet war und Spuren auf ihrem Rock hinterlassen hatte. Oh Dogan , dachte Frida, was soll ich denn jetzt tun? Ich brauche Essen, einen Schlafplatz, Papiere…
Der Graufell saß noch immer neben ihr und rührte sich nicht. Frida hob den Kopf und sah ihn an. Er hatte die Stirn in tiefe Falten gelegt und die Haare fielen in sein Gesicht. Er fixierte seine Hosenbeine und schien nachzudenken.
„Wenn ich dir einen Vorschlag machen darf…“, sagte er nach einer Weile leise und unerwartet zungenfertig für einen normalen Graufell. „Du kannst den Tag in meinem cobijo verbringen. Nachdenken. Natürlich…“, seine Stimme wurde wieder zu einem Knurren, „nur wenn du gerade nichts Besseres hast.“
Mit dem Mut der Verzweiflung lachte Frida leise auf. Die ruhigen Augen des Graufells fanden ihre und sie war verblüfft, wie düster sie waren, beinahe schwarz.
„Warum?“, murmelte Frida und wandte den Blick ab.
„Ich weiß wie das ist“, sagte er hart. Frida glaubte ihm kein Wort, er log, das wusste sie, doch sie hatte nicht die Kraft ihm zu widersprechen. Sie nickte kurz und kraftlos. Als der Mann geduckt aufstand, folgte sie ihm, denn etwas anderes fiel ihr nicht ein.
Es war Mittag geworden und schrecklich heiß. Frida wusste genau, warum der Mann so stank. Sie saß auf der festgestampften Erde im Schatten eines verlassenen Steinmetzbetriebes im äußersten Westen der Unterstadt. Die Bretter der Wände waren herausgebrochen und im Inneren konnte sie Staub und Scherben von Steinplatten aller Art sehen. Frida saß zurückgelehnt an eine große Metalltonne, die mit Wasser gefüllt war. Wenige Meter vor ihnen, zwischen Sträuchern und Bäumen hindurch, konnte sie das Rauschen des Aphels hören. Ein friedvoller Platz, wäre da nicht…
Frida rümpfte die Nase. Wenn ein leichter Windhauch das Gestrüpp etwas zur Seite wehte, konnte sie das Wasser des Aphels sehen, das grau-grün oder gelblich-rot-braun vorbeifloss. Jeder Windhauch – heute war unglücklicherweise Ostwind – brachte auch den scharfen und beißenden Geruch von Schwefel, zerfließender Säure und Verwesung herüber. Frida hatte schon viele Arten des Gestankes erlebt, was nur natürlich war, wenn man auf den Straßen der Unterstadt aufwuchs. Doch den grausigen Giftdunst der Gerbereien, den konnte selbst sie nur schwer ertragen. Der Schweiß brach ihr aus. Tropfen rollten ihre Beine hinunter und brannten wie Feuer in den offenen Knien. Wenigsten konnte es kaum schlimmer kommen.
Der Graufell hatte eine Tonschüssel aus einem Sack genommen und schöpfte aus dem Metallfass Wasser. Vorsichtig beugte er sich zu ihr hinunter, schob ihren Rock bis zu den Schenkeln hoch und ließ das lauwarme Wasser auf ihre ausgestreckten Hände und die langen Beine fließen. Frida wusch sich das Blut von der Haut, so gut sie konnte. Dann hielt ihr der Graufell die Schüssel an den Mund und Frida trank gierig.
„Ich habe auch noch einen Apfel für dich.“
Frida zog eine Grimasse. Essen war das Letzte, woran sie denken mochte. Doch der Graufell zog einen Apfel aus dem Sack, wischte ihn an seinem Hemd sauber und reichte ihn ihr. Mit dem Apfel in der Hand blieb Frida unbeweglich sitzen. Der Graufell lachte bellend, holte eine Flasche aus dem Schatten der Tonne und setzte sich ihr gegenüber auf den Boden. Das Sonnenlicht strahlte ihm in die zusammengekniffenen Augen. Er mochte kaum dreißig Jahre alt sein und, dies wunderte Frida, er war ein schöner Mann. Seine dunklen Augen waren schmal und die Haut war schmutzig aber glatt. Er hatte das Gesicht eines südländischen Nomaden. Unruhig sah Frida zur Seite.
„Niemand wird dich hier finden“, sagte er, sie beobachtend. Seine Aussprache des Neu-Acalanischen war ausgezeichnet, nur der Hauch eines südländischen Klanges durchdrang seine Worte. Es war das rrrr , das ihn verriet. Es klang wie ein anlaufender Filmprojektor. Und er sprach schnell und heftig.
„Wie heißt du?“, fragte Frida neugierig.
„Ich bin Samuel“, antwortete er. „Aber ich will von dir wissen. Was ist geschehen?“
Frida seufzte und legte den Kopf gegen das kalte Metall der Wassertonne. Was sollte sie ihm sagen? Dogan, wo sollte sie nur anfangen?
„Ich verstehe“, knurrte er plötzlich, bevor sie ein Wort gesagt hatte. „Es ist so eine Geschichte. Warte.“
Er nahm ihr die kleine Schüssel ab, schüttete etwas aus seiner Flasche hinein und reichte sie ihr wieder.
„Was ist das?“, fragte Frida misstrauisch.
„Es hilft“, sagte er und machte eine elegante Handbewegung, „gegen beinahe alles. Nur nicht gegen den Gestank.“
Frida trank einen Schluck. Es war starker Schnaps, der ihr die Luft zum Atmen nahm.
„Jetzt sag mir. Wer war der Mann? Der mir den Zettel gegeben hat?“
„Mein Vater“, stieß Frida hervor. „Das ist mein Vater. Und es ist alles meine Schuld!“
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