1 ...7 8 9 11 12 13 ...22 Da bemerkte er etwas Ungewöhnliches. In dem Haus gegenüber, dort, wo das Mädchen wohnte, war Licht. Und es war nicht das Licht einer Zimmerlampe. Nein, es bewegte sich. Jemand schlich in der Wohnung herum. Aki kniff die Augen zusammen, strengte sich an etwas zu erkennen. Gab es einen Stromausfall und das Mädchen musste mit einer Öllampe durch ihre Kammer irren?
Der Träger der Lampe streifte am Fenster vorbei, hielt kurz inne und wandte sich ihm zu. Mit einer Gewandtheit, die er sich selbst nicht im Traum zugetraut hatte, sprang Aki einen Schritt zur Seite. Wer immer dort am Fenster stand, es war nicht das Mädchen. Die Gestalt war viel größer und breiter gewesen. Ein Mann. Aki dachte schnell nach. Sie war bisher immer allein. Kein Besucher, niemand. Ein Stromausfall war zwar wahrscheinlich, dies geschah oft in Litho. Aber die Gestalt schien ziellos durch die Wohnung zu schleichen.
„Diebe“, dachte Aki. „Es sind Diebe. Das passiert doch ständig in dieser Unterstadt.“
Sollte er Hilfe rufen? Aber das war lächerlich. Wollte er sich etwa selbst ausliefern? Und wo sollte er so schnell Hilfe finden? Ein Gedanke kam Aki unvermittelt und traf ihn mit der Wucht einer Ohrfeige. Was, wenn das Mädchen in der Wohnung war, schlafend, allein? Was würde geschehen, wenn der Dieb sie entdeckte? Würde er sie töten? Die Diebe der Unterstadt taten das für gewöhnlich. Schwach regte sich in seinem Unterbewusstsein die Stimme Raiks. Er konnte jetzt nicht gehen, denn sie kämen bald. Diese Stadt und ihre Menschen gingen ihn nichts mehr an. Er sah erneut hinüber. Die Gestalt hatte sich vom Fenster wegbewegt. Ein anderer Gedanke kam ihm: „Sie ist allein. Wie ich.“
Aki richtete sich auf. Die Stille dröhnte in seinen Ohren. Sein Körper war wie von einem heißen Strom ergriffen. Die vage Unruhe hatte eine Macht erhalten, die wie ein klarer Befehl seine Gedanken in einen Würgegriff nahm. Dann drehte er sich um, griff kurzentschlossen seinen Beutel, warf ihn über die Schulter und stürmte die Treppen hinunter.
Als die Tür hinter Aki zufiel und er für einen kurzen Augenblick bewegungslos in der menschenleeren Nacht stand, hatte er ein jähes und alarmierendes Gefühl, das ihm den Atem raubte. Ihm war, als hörte er klar und deutlich, wie eine Stimme nah an seinem Ohr seinen Namen flüsterte. Erschrocken drehte er sich um, doch da war nichts als die Tür. Er starrte sie an und sie starrte holzig und unschuldig zurück. Er schauderte und lauschte, nichts war zu hören. Vielleicht war es nur ein Luftzug gewesen. Aki schüttelte das seltsame Gefühl ab und lief weiter.
Er schlich die wenigen Stufen hinunter und jeder Schritt, der ihn fort von dem Lagerhaus brachte, machte ihn leichter. Als er die Straße überquerte, benetzte Nieselregen seine Haut. Das graue Haus auf der anderen Seite lag still da. Er legte den Kopf zurück und sah zu den Fenstern des Mädchens hoch, doch er konnte nichts sehen, kein Licht, keine Gestalt. Aki lief über den ausgestorbenen, nach nassem Teer riechenden Bürgersteig, trat die Stufen zur Eingangstür hinauf, drückte die verkratzte Klinke und war überrascht als sie sich öffnete. Unverschlossene Türen waren in Litho sonst nicht zu finden, denn die Einwohner fürchteten sich vor allem, was nachts die Straßen bevölkerte. Die Bauweise des Hauses war identisch mit seinem. Nur gab es hier kleine Türen zu verschlossenen Kammern der Bewohner. Er rannte lautlos und geschwind die Treppen hinauf in das Stockwerk, in dem das Mädchen lebte. Die Tür, zu der Aki ihre Kammer vermutete, stand einen Spalt breit offen. Er ahnte Unheil und blieb stehen, um zu lauschen. Nichts rührte sich. Keine Schritte, keine Stimmen. Nur sein eigenes Herz raste und das Blut in seinen Ohren rauschte wie ein Wasserfall. Das Mädchen war nicht zu hören. Der Einbrecher schien verschwunden. Und ein leises, vages Gefühl aus seinem Inneren sagte Aki, dass sich kein lebendes Wesen mehr in der Wohnung befand. Ein Fenster im Treppenhaus war geöffnet und das Scheppern eines vorbeifahrenden Automobils drang herein. Aki drehte den Kopf und sah zu, wie es langsamer wurde und wendete. Es war ein modernes Modell, nicht mehr einer Kutsche ähnlich, denn es hatte ein geschlossenes Dach, die Räder waren kleiner und mit dickem Gummi bespannt. Vorne am aufklappbaren Fenster gab es Wischer, die man bei Regen betätigen konnte. Dunkelroter und schwarzer Lack schimmerten im Straßenlicht. Mühsam riss er sich von dem faszinierenden Anblick wieder los.
Der Türspalt blieb dunkel. Aki hoffte, wer immer in die Wohnung des Mädchens eingebrochen war, sei schon lange wieder weg. Aber er hatte niemanden gesehen. Jemand, der das Haus verließ, hätte ihm entgegenkommen müssen. Unschlüssig und alle Sinne wie Rasierklingen geschärft trat er weg von dem Fenster. Er schlich immer näher an die offene Tür als zöge ein unsichtbarer Faden ihn dorthin.
„Was tust du?“, fragte er sich stumm. Er wäre klüger, wieder zurückzugehen , dachte er. Es ging ihn nichts an, er kannte das Mädchen nicht. Doch der Gedanke, wieder in seinem Lagerhaus zu sitzen und zu warten auf jemanden, von dem er nichts wusste, gefiel ihm nicht. Mechanisch hob er die Hand und versuchte, die Türe aufzustoßen. Mehreres geschah gleichzeitig: Hinter ihm ertönte ein Kratzen und Scharren und dann ein lautes, knarrendes Geräusch. Ein starker Luftzug fegte ihm durch die Kleider und die Tür, nach deren Klinke er greifen wollte, schlug mit einem Knall zu. Den eiskalten Schrecken im Nacken fuhr Aki herum und sah hinter sich auf dem Treppenabsatz das plötzlich weit offene Fenster, das zur Straßenseite wies. Er stürzte darauf zu und sah hinunter aber unter ihm war nur Abgrund und hartes Kopfsteinpflaster. Feiner Staub rieselte auf seine Haare. Aki blickte nach oben und glaubte, einen Schatten an der Hauswand über ihm zu erkennen, doch als er genauer hinsah, war er verschwunden. Ein eigentümliches Kribbeln in den Beinen und Handgelenken rief ihn zum Rückzug. Er bemühte sich, die Fassung wieder zu erlangen.
Ein Streifen von Licht wanderte die Wand entlang. Aki runzelte die Stirn und blickte wieder auf die Straße. Was er sah, war nicht das, was er erwartet hatte. Unten, auf der anderen Seite, standen zwei Automobile. Das war ungewöhnlich. Es gab kaum Automobile in der Unterstadt, diese neue Erfindung blieb bisher nur wenigen Oberstädtern vorbehalten. Die Lichter waren ausgeschaltet worden und nichts regte sich. Aki lehnte sich weiter aus dem Fenster und strengte sich an, hinter den dunklen Scheiben etwas zu erkennen. In diesem Augenblick öffneten sich die Seitentüren und aus dem einen Automobil stiegen drei Männer aus, die braune, lange Gewänder trugen wie die Tempelläufer, die Diener der Falkenauten. Sie gingen zu seinem Lagerhaus. Nach wenigen Sekunden hatten sie die Tür geöffnet und waren im Inneren verschwunden. Das Mädchen mit den Locken war aus seinen Gedanken verbannt und er harrte atemlos dem, was geschehen würde. Nach kurzer Zeit flackerte Licht in seiner Dachkammer auf. Sie waren da. Raiks Männer waren da, um ihn abzuholen.
„Ich gehe rüber und rede mit ihnen“, murmelte Aki. Der Träger des Beutels schnürte sich schmerzhaft in seine Schulter. Na los, beweg dich , befahl er seinen Beinen. Doch die rührten sich nicht und er konnte seine Augen nicht von den Fenstern seines Lagerhauses lösen. Es war eigentümlich, die Szenerie von der anderen Seite zu betrachten. Dumpf pochte sein Herz gegen die Rippen und er schluckte angestrengt. Sein Mund war trocken. Dann sah er einen der Männer am Fenster vorbeigehen und Aki krächzte. Mehr kam nicht aus seiner Kehle. Der Mann war bewaffnet, er hatte eine Pistole, die er suchend durch die Kammer bewegte, das Gesicht im Schatten der Kapuze. Erstarrt beobachtete Aki was geschah. Die beiden anderen Männer gingen in der Kammer umher und rissen das Bettzeug von dem Ruderboot, so dass Stroh durch die Gegend flog. Der Mann mit der Pistole blieb an dem Fenster stehen und Aki sah, wie er eine Faust gegen den Rahmen rammte. Er schien wütend zu sein. Die zwei, die mit ihm gekommen waren, wichen zurück und schrumpften sichtbar in ihre Umhänge hinein. Aki sah wie hypnotisiert hinüber. Doch der Mann am anderen Fenster tat genau dasselbe. Für einen Moment glaubte Aki, seinen zornigen Blick zu spüren. Da gelang es ihm, wieder klar zu denken. Er ließ sich auf den Boden fallen und kroch rückwärts von dem Fenster weg.
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