Ich notierte mir die Daten und suchte weiter nach Informationen über Michael Campbell. Wie immer kam ich mir ein wenig voyeuristisch vor, als ich die Klatsch- und Tratschseiten aufrief, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gab. Es war jede Menge Material in Form von Fotos und reißerischen Berichten vorhanden. Ich stellte bald fest, dass Michael Campbell tatsächlich so etwas wie ein Partyprinz zu sein schien, der in der Damenwelt regen Zuspruch fand. Kein Kostverächter, wechselte er seine Freundinnen wohl so oft wie sein Outfit. Es mochte natürlich auch sein, dass jede Frau in seiner Begleitung sofort als seine neue Flamme angesehen wurde, so genau wusste man das bei solchen Leuten ohnehin nicht. Nun gut, das ging mich alles nichts an und sollte mich auch nicht stören. Er war bestimmt nicht mein Typ und ich hatte nicht vor, mich in ihn zu verlieben. Ich stand nicht auf Märchenprinzen mit schlechtem Ruf. Eigentlich gab es überhaupt keinen Mann, der mir gefiel. Eileen hatte dafür gesorgt, dass ich mit meinen fünfundzwanzig noch immer Jungfrau war, indem sie mir jeden Typ vor der Nase weggeschnappt hatte, der sich auch nur ein bisschen für mich interessierte. Nicht, dass es sehr viele waren. Aber ich hatte gründlich gelernt, dass die meisten Männer oberflächlich und nur auf Äußerlichkeiten fixiert waren.
Egal. Darum ging es jetzt auch gar nicht. Ich wollte keinen Mann fürs Leben, ich wollte eine Arbeitsstelle!
Ich sah auf die Uhr. Es war halb sechs vorbei und ich bekam langsam Hunger. Kein Wunder, nach dem zwar reichlichen Frühstück hatte ich nichts mehr zu essen gehabt. Eileen schlief wohl noch, ich wollte sie auf keinen Fall wecken.
Leider gab der Kühlschrank nicht viel mehr her als ein paar Scheiben Schinken und etwas Käse. Zusammen mit einer Tomate und einem Salatblatt musste es aber für ein Sandwich reichen. Hatte Eileen nicht etwas von Kuchen gesagt? Ich entdeckte eine Schachtel von der Hummingbird Bakery auf der Anrichte und hob vorsichtig den Deckel. Lemon Fudge Cake – mein Lieblingskuchen! Ich war gerührt. Also hatte Eileen das nicht vergessen!
Ich kehrte mit dem Sandwich ins Wohnzimmer zurück und verschlang es, während ich meine Bewerbungsunterlagen zusammensuchte, die ich bereits gespeichert hatte. Sie entsprachen nicht ganz der Wahrheit, aber das wusste natürlich niemand. Zusammen mit einem – wie ich hoffte – aussagekräftigen und höflichen Anschreiben schickte ich sie an Mrs Hilda Forrester.
Vielleicht hatte ich Glück und ich bekam die Stelle, auch wenn es eher unwahrscheinlich war.
In den nächsten Tagen bekam ich Eileen kaum zu Gesicht. Das war weiter nicht ungewöhnlich, sie verbrachte unzählige Stunden im Atelier von Cameron Sutcliffe, ihrem Entdecker . Am Rande hatte ich mitbekommen, dass die nächste Sommerkollektion vorbereitet wurde und die Fotoshootings anstanden.
Sie flog für ein paar Tage auf die Kanalinseln und beklagte sich bei einem kurzen Anruf bitter darüber, dass sie bei Temperaturen um fünfzehn Grad jämmerlich in Bikinis und Badeanzügen fror.
Ich tat das, was ich immer machte, wenn sie nicht da war. Ich wusch ihre Wäsche, bügelte, putzte die Wohnung, ergänzte ihre Nahrungsmittelvorräte und kochte vor.
Am Mittwochabend kam Eileen zurück, stellte ihren Koffer in der Diele ab, verschwand für zwei Stunden im Bad und stieg dann in ein Taxi, um zu irgendeiner Party zu fahren. Bestimmt kam sie nicht vor dem Morgen zurück, wenn überhaupt.
Auf meine Bewerbungen hatte ich bis jetzt noch keine einzige Antwort bekommen. Doch als ich an diesem Abend meine Mails durchsah, entdeckte ich plötzlich eine von Hilda Forrester. Mein Herz begann wild zu schlagen. Ich las die Zeilen und konnte es beinahe nicht glauben. Ich hatte einen Termin für ein Vorstellungsgespräch!
Am kommenden Freitag um zwei Uhr nachmittags sollte ich mich im Büro von Campbell Ltd. in der Albert Bridge Road einfinden. Ich musste die Nachricht zweimal lesen, so überrascht war ich. Ehrlich gesagt, hatte ich nicht mit einer positiven Antwort gerechnet. Ich hatte die Bewerbung mehr oder weniger auf gut Glück abgeschickt und entsprach wahrscheinlich überhaupt nicht den Anforderungen einer Haushälterin. Zu jung, zu unerfahren.
Jetzt war ich allerdings froh, dass Eileen nicht da war. In meinem Überschwang hätte ich ihr womöglich von dem Vorstellungsgespräch erzählt und wer wusste schon, was sie dazu gesagt hätte. Ich schimpfte mich selbst paranoid. Was hätte sie tun sollen?
Nun, zum Beispiel mir den Job madig machen oder mich auf die Wahrheit über mein perfektes Dienstzeugnis hinweisen …
In der Nacht von Donnerstag auf Freitag konnte ich nicht schlafen. Im Geist versuchte ich das Gespräch durchzugehen, stand unzählige Male auf, um nachzusehen, ob ich alle meine Unterlagen beisammenhatte, legte meine Kleider zurecht. Ich wollte mein einziges einigermaßen herzeigbares Kostüm tragen. Es war anthrazitfarben, mit schmal geschnittenem Blazer und knielangem Rock. Dazu eine weiße Bluse mit Hemdkragen und schwarze Pumps. Die Haare würde ich hochstecken, um seriös zu wirken.
Als ich mich aber dann im Spiegel betrachtete, stellte ich fest, dass die weiße Bluse mein Gesicht blass wirken ließ und ich sah so übermüdet aus, wie ich tatsächlich war. Die Frisur und dazu die Brille machten mich geschätzte zehn Jahre älter und ließen mich wie eine gestrenge Chefsekretärin erscheinen.
Egal. Es war jetzt ohnehin zu spät, noch etwas zu ändern. Von Eileen hatte ich gestern Nachricht bekommen, dass sie am heutigen Abend wieder zurück sein würde – von wo auch immer. Sie hätte Lust auf Krabbencocktail und Filet Wellington. Ich hoffte, dass das Gespräch nicht zu lange dauern würde, damit ich alles für das Abendessen vorbereiten konnte.
Mit dem Bus würde ich eine gute Stunde bis zur Albert Bridge Road brauchen. Während ich zur Busstation in der Ladbroke Grove ging, zitterte ich wie Espenlaub. Zum einen lag das natürlich daran, dass mir kalt war. Ich besaß nur einen einzigen Mantel, der so verschlissen wirkte, dass ich mich schämte, ihn anzuziehen. Einen von Eileen zu borgen, kam nicht in Frage. Sie waren mir zu lang. Zum anderen war ich nervös. Warum eigentlich? Es war beileibe nicht mein erstes Vorstellungsgespräch und würde ziemlich sicher nicht mein Letztes bleiben. Es war sowieso unwahrscheinlich, dass ich diese Stelle bekam, also konnte ich es locker angehen.
Ich war froh, als der Bus endlich kam, kuschelte mich in den Sitz und überließ mich weiter meinen Gedanken.
Mein Problem lag darin, wie ich messerscharf analysierte, dass ich mittlerweile so viele Absagen bekommen hatte, dass mein ohnehin nicht sehr ausgeprägtes Selbstvertrauen irgendwo im Keller gelandet war. Eileen hatte bis jetzt auch nicht unbedingt viel dazu beigetragen, es zu stärken. Ich war dumm gewesen, darauf zu hoffen, dass sie mich wirklich unterstützen würde. Ich konnte nicht mein restliches Leben damit verbringen, Mädchen für alles für meine Schwester zu spielen, im Abstellraum ihrer Wohnung zu hausen und von ihrer Gnade abhängig zu sein.
Der Gedanke an Eileen gab mir seltsamerweise Mut. Ich würde ihr beweisen, dass ich sie nicht brauchte!
Ich fuhr auf, als der Bus mit einem Ruck in der Battersea Park Gate Road hielt. Von dort musste ich zu Fuß durch die Parkgate Road und dann nach rechts in die Albert Bridge Road. Ich hatte mir die Strecke auf Google Maps genau angesehen und fand mich ohne Schwierigkeiten zurecht. Campbell Ltd. war in einem der roten Backsteingebäude untergebracht, die zur Linken die Straße entlang standen. Ein diskretes messingfarbiges Schild an der Eingangstür wies darauf hin. Ich klingelte und nannte meinen Namen, als eine Frauenstimme sich meldete.
Der Summer ertönte und ich drückte gegen den Türknopf. Vor mir erstreckte sich ein schmaler, hell von Neonröhren erleuchteter Flur. Ein dicker Teppich mit Orientmuster verschluckte meine Schritte.
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