»Du meinst«, fing er an, »ich sollte aufhören, bloß weil es sein könnte, dass ausgerechnet der Typ, der meine Blutgruppe hat, einen Unfall hat und dringend ausgerechnet mein Blut braucht? Das ist doch total unwahrscheinlich, überleg doch mal. Stell dir vor, der hat tatsächlich einen Unfall, nur mal angenommen, also so hypophysisch, meine ich, dieser eine Mensch könnte irgendwo auf der Welt wohnen, ein Afghane zum Beispiel. Stell dir vor, der stolpert in Afghanistan und verliert so viel Blut, dass der dringend anderes Blut braucht, wie bitte schön soll der Typ so schnell an mein Blut rankommen?«
»Das gibt doch eine Blutkartei natürlich«, versuchte ich ihm zu erklären. Klar gibt es die. Aber weltweit? Egal, ich durfte jetzt nicht aufhören, wie stände ich denn sonst da? »Das geht so: Du spendest Blut, dann kommt das in eine Blutkartei, wo drin steht, was für ein Blut du hast. Dann gucken die in Afghanistan in diese Kartei und sehen, dass du das passende Blut hast und fliegen das schnell ein.«
»Und wie soll das gehen?«, triumphierte er nun. »Glaubst du, die schicken die Karteikarten weltweit überall hin? Ha ha!«
»Schon mal was von Computer gehört?«, sagte ich und zog herausfordernd die Augenbrauen in die Höhe. »Du lebst wohl ein bisschen hinter dem Mond, würde ich sagen. Das kann man alles per Computer abfragen.«
Ich trank noch einen Schluck Bier. Vielleicht sollte ich wirklich mal Blut spenden. Aber dann müsste ich auch aufhören mit dem Trinken und dem Rauchen. Gut, das Rauchen wäre nicht so schlimm, das wollte ich eh aufgeben. Morgen, genau genommen.
Ich musste irgendwie mal auf das Klo, das Bier hatte inzwischen den Weg bis fast ganz nach unten gefunden.
»Wie soll das denn gehen?«, fing er wieder da. »Der eine Computer steht hier, der andere in Afghanistan.«
»Echt, du hast keine Ahnung von Computern, wie ich sehe«, trumpfte ich erneut auf. »Das geht so: Du spendest hier in Hamburg Blut, dann tippen die deine Blutgruppe in den Computer ein in eine große Liste und speichern das auf eine Diskette. Also auf viele Disketten, natürlich. Und eine der Disketten schicken die dann zum Beispiel nach Afghanistan. Und wenn da einer Blut braucht, schieben die diese Diskette in ein Diskettenlaufwerk und gucken, ob irgendwo jemand das Blut hat, das die grade brauchen. So läuft das heute.«
»Wie soll das denn gehen?«, fragte er nun und guckte mich fast böse an, kratze sich dann am Hinterkopf. »Die schicken doch nicht nur eine Diskette nach Afghanistan. Das Land ist groß. Wenn in Afghanistan links einer Blut braucht und die Diskette grade rechts im Land ist, telefonieren die dann, oder was? Und stell dir vor, in Afrika braucht einer mein Blut, dann müsste doch auch in Afrika eine Diskette sein, wo das draufsteht. Also in ganz Afrika Dutzende. Die müssten ja Disketten in die ganze Welt schicken. Nach Amerika auch. Das sind ja Aberdutzende von Disketten, Trillionen.«
»Das sind Detailfragen, die dir nur ein Fachmann erklären kann«, meinte ich abwiegelnd. »Ich bin da leider auch kein Spezialist. Aber die machen das mit Computern, so viel ist sicher.«
»Das ist alles total unlogisch. Und unpraktisch. Mal ein Beispiel; Ich nehme mal an, dass der einzige Mensch, der auch meine Blutgruppe hat, tatsächlich in Afghanistan lebt, der fällt blöderweise auf ein Schwert oder einen Speer oder so was und verliert so viel Blut, dass der dringend anderes Blut braucht. Dann gucken die in ihren Computer, wo eine Diskette von Hamburg drinsteckt und sehen, dass ich das Blut habe.«
»Du hast natürlich schon gespendet«, fügte ich hinzu.
»Ja, klar«, sagte er kopfschüttelnd. »Das ist also hier in Hamburg im Kühlschrank. Muss ja sicherlich gekühlt werden, denke ich mal. Dann rufen die hier an und sagen, dass sie mein Blut haben wollen. Auf Afghanisch, nehme ich mal an.«
»Ich denke, die sprechen Englisch.«
»Okay, dann sprechen die Englisch. Auch hier in Hamburg. Ist okay, lernt man ja schon in der Schule. Dann holen die also meine Blutflasche aus dem Kühlschrank und fahren zum Flughafen und warten, bis da ein Flugzeug nach Afghanistan fliegt? Und das fliegt doch total lange, in der Zwischenzeit ist das Blut doch geronnen, oder etwa nicht? Und der Typ tot.«
»Das weiß ich auch nicht«, ich war langsam etwas gelangweilt. So detailliert wollte ich das Ganze gar nicht ausbreiten. »Das wird sicherlich auch während des Fluges gekühlt.«
»Wenn es kalt ist, gerinnt das Blut nicht?«
»Ich glaube nicht.«
»Und wenn einer am Nordpol blutet, dann muss der doch auslaufen, weil das Blut nicht gerinnt«, ereiferte er sich weiter. »Das glaube ich nicht. Und wo packen die das dann da hin im Flugzeug? Steckt eine Stewardess das in den Kühlschrank dort an Bord? Das ist doch eklig. Stell dir vor, die Passagiere sehen das.«
»Ich weiß das auch nicht. Die werden sich da schon was Sinnvolles ausgedacht haben«, meinte ich. Ich war nun wirklich etwas genervt, meine Geduld erschöpfte sich so langsam. So einen Quatsch so lange zu diskutieren, war selbst für mich zu viel.
»Ja, das denke ich auch«, meinte er relativ befriedigt. »Sonst würden die das ja nicht machen, wenn das Blut ständig gerinnt, wenn man es zu den Leuten schickt. Das ist schon ganz klug gemacht alles.«
»Gut, dass wir uns da keine Gedanken drum machen müssen, wie das alles funktioniert«, meinte der punkige Schlagzeuger und wollte das Thema offenbar endgültig abschließen. Danke.
»Mir ist das eh egal«, meinte Betty dazu.
»Also, spendest du was?«, fragte ich den Schlagzeuger. Ach Mist, ich wollte doch den Mund halten.
»Blut? Nee, wie denn? Ich rauche doch!«
»Aber da kriegt man doch Geld für, für das Spenden«, sagte der Schlagzeuger.
»Echt?«, nun horchte mein Freund auf.
»Und ich glaube nicht, dass das Rauchen so viel ausmacht. Ich glaube, die nehmen das trotzdem«, warf der Igelhaarschnitt ein.
»Und wie viel Geld kriegt man da?«, forschte mein Freund weiter nach..
»Ich weiß das nicht.«
»Und die Zeugen Jehovas spenden trotzdem kein Blut, obwohl das Geld gibt?«, ereiferte er sich weiter. »Die sind doch so hinter Geld hinterher, dachte ich. Müssen die nicht immer ihr Gehalt diesem Jehova überweisen? Dem Sektenführer?«
»Keine Ahnung. Ich weiß das echt nicht«, meinte ich, »ich will mit denen auch nichts zu tun haben, dazu ist mir mein Geld echt zu schade. Vor allem müssen die sich immer zuwinken und nett auf der Straße grüßen, wusstest du das schon?«
»Was meinst du jetzt damit?«
»Das ist doch total irre«, oh weh, muss das sein? »Wenn ein Zeuge Jehova einen anderen Zeugen Jehova sieht, müssen die sich zuwinken. Ob die sich kennen oder nicht, das ist absolut egal. Die müssen sich freundlich grüßen. Das ist doch total krank.«
»Das ist total bekloppt. In was für einer Zeit leben wir bloß?«, nun schüttelte mein Freund seinen Kopf, wir waren einer Meinung, hurra!
Im Hintergrund lief »Love Song« von den Damned. Wir saßen alle da und dachten nach. Hin und wieder schüttelte einer von uns gedankenverloren mit dem Kopf. Was für eine anstrengende Diskussion, viel zu viel gequatscht, das sollte für die nächsten Tage reichen.
Ich hatte irgendwie schon einen im Tee und guckte auf die Uhr. Vier Zeiger? Und dazu zwei Sekundenzeiger? Seltsam. Ich muss mir wohl doch mal eine Digitaluhr zulegen, die sind bloß so teuer. Meine innere Uhr sagte mir aber, dass der Sonntag bereits sehr deutlich angebrochen war und so meinte ich: »Es ist echt schon spät, ich gehe nach Hause. Sehen wir uns wieder?«
Ich blickte in die Runde, doch alle hoben fast innerhalb der gleichen Sekunde die Augenbrauen und dann meinte der Keyboarder: »Klar.«
Ich guckte zu meinem Kumpel von gestern: »Und wir sehen uns morgen sicherlich in der Schule, oder? Also Montag. Ist ja morgen.«
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