Artur betrommelte begeistert den eisenharten Arm des Vaters. "Wenn ich erst Feilenhauer bin, mach' ich's auch so."
"Das will ich hoffen. Aber du bist es noch nicht. Und was machst du nun mit Kaspar und Mutze?"
Vor Schreck fuhr sich Artur mit dem Zeigefinger in die Nase. Eben hatte er sich als großmütiger Feilenhauer einen neuen Kampfgenossen werben sehen, nun riss ihn der Vater in die wenig heldische Wirklichkeit zurück. Rasch fasste er sich. "Ich muss ihnen helfen."
"Wie?" Unverbindliche schöne Worte zählten bei Walter Becker nicht.
"Ich ... ich ... " , Arturs Nase geriet wieder in Gefahr, sodass ihm der Vater die Hand herabzog. "... ich sage, was sie falsch machen, und dann können sie das Richtige hinschreiben."
"Ist genauso mies wie Abschreiben. Oder freut sich Fräulein Marein, wenn ihr vorsagt?"
"Naiiin. Vorgestern hat sie erst mit Alois geschimpft, weil er Kaspar falsch vorgesagt hat, und der hat so 'n Quatsch erzählt, dass wir uns halb totgelacht haben."
"Schweife nicht ab. Auch wenn ihr richtig vorsagt, will sie es nicht. Also?"
Artur war ratlos. Da war ja Feilen hauen leichter als Schule. Das konnte man zeigen, so und so und so.
Der Vater wurde ungeduldig. "Kann Kaspar schon das kleine Einmaleins?"
"Höchstens bis fünf", erklärte Artur geringschätzig.
"Wirst du also mit ihm pauken, bis er's kann. Und so bei allen andern Sachen, erklären und pauken, erklären, bis es sitzt."
"Und wenn er nicht will?"
"Wenn du ihn nicht mehr abschreiben lässt? Wenn er erst merkt, dass er nicht mehr der Letzte ist, nicht sitzen bleibt, wird er schon Geschmack daran kriegen. Wirst doch nicht sagen, du willst mit ihm pauken. Sagst, ihr wollt zusammen bei uns Schularbeiten machen."
"Zur Mutze auch?"
"Zu allen, die schwach sind."
"Wenn nun Alois auch mitmachen will?"
Jetzt war es an dem Vater, angestrengt zu überlegen. Einerseits war der Bäcker Bemmler nur ein kleiner Pinscher, der von jeder Verschlechterung der Lebenslage seiner Kunden mitbetroffen wurde, vor Krisenzeiten ebenso bangte wie die Arbeiter, andererseits sah Bemmler als Vorstandsmitglied des Kriegervereins hochmütig auf die Arbeiter herab und züchtete in seinem einzigen Spross die gleiche Überheblichkeit.
Artur betrachtete den Vater ungeduldig. Der kraulte nun schon reichlich lange sein mit feinen Silberfäden durchsetztes störriges Haar. Endlich fand er einen Ausweg, "Der Alois ist nicht dämlich, aber faul und gerissen. Sagst ihm einfach, er kann mitmachen, wenn er zusammen mit den Schwachen übt."
"Mit einmal sagt der ja."
Der Vater lachte, dass sein Schnurrbart wackelte. "Was Besseres könnte uns gar nicht passieren. Da tut er das erste Mal was Nützliches. - Und jetzt - in die Falle."
Siege erträumen ist leicht
Beim Gespräch mit dem Vater schien alles kinderleicht. Die Freundschaft Fräulein Mareins würde Artur sich wieder erwerben, wenn er alles so machte wie besprochen. Aber nun mach mal einer. Die Worte der Lehrerin wirkten nach, es bat keiner, abschreiben zu dürfen. Wenn er nun die Mutze oder den Kaspar einlud, würden die bestimmt Lunte riechen. In nicht viel besserer Stimmung als am Vortage trottete Artur von der Schule nach Hause. Beim Mittagessen neckte ihn die Mutter mit ihren hingeworfenen Bemerkungen, und das hob Arturs Laune keineswegs. Verbissen machte er sich an die Schularbeiten. Die Grübeleien dabei starten ihn wie lästige Fliegen. Als er fertig war, nahm er ein Buch und verkroch sich in der Kammer.
"Die Flusspiraten des Mississippi" ließen ihn seinen Weltschmerz vergessen. Das war eine Welt! Da gab es keine beleidigten Lehrerinnen, keine dummen Mitschüler. Artur kämpfte mit bösem Getier und noch böseren Menschen, er fand die guten, und er litt mit ihnen. Seine Wangen röteten sich, seine Augen glänzten.
Schwester Hedwig kam in die Kammer. Überrascht sah sie den lesenden Bruder, der sie nicht beachtete. Sie stellte sich hinter Artur, um einen Blick in das Buch zu tun. Da sah sie ein buntes, abenteuerliches Bild. Begeistert patschte sie in die Hände. "Lies mal vor - bitte vorlesen!"
Unwirsch schreckte Artur aus seiner farbigen Welt und wechselte über zur Fensterecke, wo ihm niemand von hinten ins Buch schauen konnte. Nun betrommelten die Hände der Fünfjährigen das Knie des Bruders. "Los - vorlesen!"
"Das verstehst du noch nicht", herrschte Artur sie an.
Hedwig heulte. Artur stopfte sich die Zeigefinger in die Ohren. Hedwig heulte lauter. Dann stand die Mutter in der Tür. "Lies ein Stück", flüsterte sie Artur zu. "Wenn Hedwig es nicht versteht, wird's ihr von allein langweilig."
Geräuschvoll zog Artur die Luft ein. Dies sollte ein Seufzer sein und Nachgeben bedeuten. Mitten im Satz, auf der Seite, die er eben begonnen hatte, las er los. Schnell, ohne Punkt und Komma. Hedwig rückte das Fußbänkchen dicht zu ihm und machte ein verständiges Gesicht. Allmählich zog die Handlung den Lesenden in ihren Bann. Er begann vernünftig zu lesen, betonte immer besser und wurde dramatisch, wo es aufregend war.
Das Kapitel war zu Ende, Artur drückte sacht das Buch zu. Die Schwester krabbelte auf seinen Schoß und flüsterte ihm ins Ohr: "Wunderschön."
Der Bruder wurde verlegen und brummelte etwas. Deutlich erinnerte er sich an die Zeit, als e r empört gewesen war, wenn der Bruder sich geweigert hatte, ihm vorzulesen.
Als nach Schulschluss am nächsten Tag die Schar über den Schulhof lärmte, war Kaspar plötzlich neben Artur. "Gehst nach Hause?", fragte der Sommersprossige halb verlegen, halb zutraulich.
Artur sah ihn leicht verwundert an und dachte, er weiß doch, dass meine Eltern nicht verknusen können, wenn ich mich nach der Schulzeit herumtreibe. Außerdem habe ich Kohldampf. Doch er ließ sich nichts anmerken und sagte freundlich: "Na klar."
Kaspar druckste eine Weile, dann brachte er heraus: "Kann ich mitkommen?"
Artur legte dem kleinen Stämmigen den Arm um die Schulter und griente ihn an. "Bisschen abschreiben?"
Entrüstet blieb Kaspar stehen und zeigte ihm einen Vogel. "Von wegen! Ich lass mir doch nicht noch mal den Arsch versohlen."
Artur stutzte. "Fräulein Marein hat dir doch nichts getan."
Wehleidig erzählte Kaspar. Eugen hatte die Unterhaltung zwischen Artur und dem Vater mit angehört und alles seinem Busenfreund Karle weitererzählt. Karle, Kaspars Bruder, hatte es Vater Leutner berichtet. Der hünenhafte Kesselschmied war gutmütig, aber jähzornig. Zum ersten Mal erfuhr er nun, dass sein Jüngster zu den Schlechtesten der Klasse gehörte. Das war neu bei Leutners, denn mit den anderen Dreien, alles Jungen, hatte es kaum Schwierigkeiten in der Schule gegeben. Die Schande erregte den Kesselschmied maßlos, gerade in seinen Jüngsten war er vernarrt. Dementsprechend fiel die Wucht aus. Dabei hatte der Vater gebrüllt, Kaspar solle heilfroh sein, dass solch ein Junge in der Klasse sei wie Artur. Wenn Kaspar dessen Hilfe nicht annehme, wäre noch eine Portion fällig.
Angstvoll fragte Kaspar: "Nimmst du mich mit?"
"Na klar", sagte Artur abermals, sehr väterlich, sehr bestimmt. Zwar war es peinlich, dass der Schlachtplan verraten worden war, doch auch tröstlich, dass sich nun endlich etwas anließ.
Verlegen schoben sich die beiden in Beckers Küche.
"Wir machen zusammen Schularbeiten, Mama", sagte Artur, "kannst Kaspar auch 'nen Teller voll geben, ich habe heute nicht so 'n Hunger."
Luise Becker wandte sich ab, um ihr Lächeln nicht zu zeigen. Der und keinen Hunger. Als Luise den beiden zwei gleich große Teller mit Milchreis füllte, schoss Kaspar das Wasser im Munde zusammen. Trotzdem protestierte er: "Ich bin satt. Wir essen immer später."
Artur drückte ihm den Löffel in die Hand, und Kaspar erklärte, aus Höflichkeit werde er mitessen. Hedwig schaufelte langsam den Zucker mit Zimt von ihrem Reis. Sie war mäklig und aß nur, was ihr schmeckte. Als sie säuberlich den Reis vom Süßen befreit hatte, schielte sie begehrlich zur Dose mit dem Zimtzucker. Aus pädagogischen und aus Sparsamkeitsgründen blieb die Mutter hart. Da schob Hedwig ihren halb vollen Teller beleidigt beiseite. "Könnt ihr euch noch teilen, Jungs", sagte die Mutter leichthin und wickelte den Topf mit dem Rest des Essens in eine Wolldecke, damit es für Eugen warm bleibe.
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