Drachen reden sonst mit Donnerstimme, die Gestalt im Halbdunkel dort in ihrem schwarzen Umhang erinnerte mehr an eine Hexe.
"Wo ist deine Mutter?", herrschte ihn die Schwarze an.
Artur starrte auf die lange, hagere Frau und packte das Beil fester.
Oben bei Wiesfleckers ging die Tür auf, und etwas mehr Licht fiel auf die Erscheinung. "Zu wem wollen Sie denn?", rief Frau Wiesflecker.
"Zu Frau Becker."
"Kann ich was bestellen?" klang es von oben.
"Allerdings", spitz hob sich die Stimme der Schwarzen, "bestellen Sie ihr, dass wir nicht nötig haben, uns mahnen zu lassen." Sie zerrte ein Kuvert aus ihrem Pompadour und legte es auf eine Treppenstufe. "Hier ist das Geld für den letzten Waschtag, und sie soll sich nie wieder bei uns blicken lassen!"
"Plustern Sie sich bloß nicht so auf." Frau Wiesflecker kam gemächlich die Treppe herab.
Hoheitsvoll reckte sich die Hagere im schwarzen Umhang. "Kümmern Sie sich lieber um die Blagen. Der da glupscht, als wollte er mich mit dem Beil erschlagen."
Frau Wiesflecker lachte ihr breites, unbekümmertes Lachen. "Ausgerechnet der Artur."
"Bagage", zischte die Schwarze, hart knallte die Flurtür hinter ihr zu.
Frau Wiesflecker nahm das Kuvert von der Stufe und ging mit Artur in Beckers Küche. Sie stellte das Beil neben den Herd und zog den Kleinen auf ihren Schoß. "Das war vielleicht 'ne jecke Tunte, was, Artur?"
"Ist sie eine Hexe?"
Frau Wiesflecker musste lachen. "Wahrhaftigen Gotts, das ist sie."
"Aber sie hatte keinen Stock."
"Die braucht keinen Stock, Jungchen, die macht es mit der Zunge."
Diese Weisheit der einfachen Frau war für Artur zu hoch. "Sie ist keine richtige Hexe aus dem Märchen?"
"Sie ist eine Hexe aus dem Leben, und die sind schlimmer. Aber nun denk nicht mehr dran, die kommt nie wieder."
Die Großen hatten gut reden. Er war ausgezogen, einen Drachen zu töten, stattdessen war er einer Hexe begegnet. Es war aber keine aus dem Märchenbuch und sie sollte noch schlimmer sein? Er wurde erlöst von den wirren Gedanken, die Mutter trat in die Küche. Frau Wiesflecker berichtete, was vorgefallen war.
Bedrückt öffnete Luise Becker das Kuvert und zählte das Geld. "Sechs Stunden war ich das letzte Mal da, bezahlt hat die Börgerlein nur vier. Und obendrein kündigt sie einem die Stelle."
"So fleißige Frauen wie Sie kriegen wieder 'ne Stelle", tröstete Frau Wiesflecker. "Bei dem Drachen hatten Sie doch bloß Arger."
Luise Becker schaute still vor sich hin. "Was man hat, hat man, Frau Wiesflecker. Es gibt zu viele Frauen wie mich, mit drei Kindern oder mehr, die alle was zuverdienen müssen. Das wissen solche wie die Börgerlein. Ich hätte gemahnt - das ist doch übertrieben. Dem Dienstmädchen habe ich gesagt, sie möchte Frau Börgerlein daran erinnern, dass ich das Geld brauche."
"Das war Ihr gutes Recht", empörte sich die rundliche Nachbarin. "Die Reichen lassen sich bedienen, und dann sollen wir sie um die paar Pfennige auf den Knien bitten."
"Ja, ja", sagte Luise Becker wie abwesend.
"Es wird sich bestimmt wieder was finden", Frau Wiesflecker ging, "wenn ich was höre, sage ich Ihnen sofort Bescheid."
Artur hatte die Mutter selten so gesehen. Sie war anders traurig, als wenn er sie betrübt hatte. Das kam von dieser Garstigen mit dem verflixten Geld. Davon war immer zu wenig da. Die Frauen sprachen öfter davon und die Eltern, doch so deutlich wie heute hatte er es noch nicht aufgenommen. Die raue Wirklichkeit schlug mit Drachenzähnen in seine Märchenwelt. Er fürchtete sich plötzlich und schmiegte sich an die Mutter. "Warum kaufen wir nicht einen Esel-streck-dich, Mama? Dann haben wir immer Geld."
Luise Becker schreckte aus ihrer Nachdenklichkeit und drückte ihn an sich. "Ach du, das gibt's doch bloß im Märchen."
Eine ähnliche Antwort wie vorher von Frau Wiesflecker. Die Großen passten wohl nicht so gut auf. Er hatte schon Eulenaugen im Dunkeln glühen sehen und Gnome hinter Weidenwurzeln verschwinden. Das bunte Märchenbuch zog seine Blicke wieder an. Die Großen konnten alles darin entziffern, der Bruder Eugen auch. Dicker gelber Neid auf den Bruder packte ihn, der meist Absätze fortschummelte und so schnell las, dass man gar nicht richtig zum Weinen kam, wenn es traurig wurde, und nicht zum Lachen bei fröhlichen Stellen. Sie knufften sich und vertrugen sich; wenn ihm Prügel von andern Kindern drohte, stand ihm Eugen bei; sie teilten brüderlich jede Leckerei. Nur diese Ungerechtigkeit, dass Eugen lesen konnte und er nicht, bohrte und schmerzte. Der unbewusste, tiefere Schmerz war aber die Ahnung, dass eines Tages die bunte Märchenwelt verblassen könnte. Es war ein Jammer. Artur begann zu schluchzen.
Erschrocken nahm Luise Becker seinen Kopf in ihre Hände. "Hast du Schmerzen?"
Heftig schüttelte Artur den Kopf. "Eugen, der - der kann lesen, ich nicht."
"Du Dummer", Mutter Becker zog den Weinenden an sich, "jeder lernt doch lesen, wenn er in die Schule kommt."
"Ganz bestimmt?" Vor Freude wurde ihm so heiß, dass die Tränen verdampften. "Da geh' ich morgen mit Eugen in die Schule."
Die Mutter befeuchtete den Zipfel eines Handtuchs und säuberte Artur das Gesicht. "Ein bissel musst du noch warten."
"Och, herrje", er tat wieder schmerzgebeugt, "liest du mir was vor, Mama?"
Seufzend nahm Luise Becker den Quälgeist neben sich und begann zu lesen. Dem dankbaren Zuhörer gelang es, eine Zugabe zu erbetteln, und noch eine, und noch eine.
"Da trat ein Mann herein, der war größer als alle andern und sah fürchterlich aus. Oh, du Wicht, rief er, nun sollst du lernen, was Gruseln ist ... "
Artur gruselte es wirklich, denn draußen tappten Schritte. Die Tür ging auf ... Der Vater stand auf der Schwelle. Artur sprang ihm entgegen. Die Mutter begann eilig mit Pfannen und Töpfen zu hantieren und entschuldigte sich. Nun würde es später Abendbrot geben.
Walter Becker wusch sich Hände, Gesicht und Oberkörper, ließ sich vom Sohn Handtuch und Feierabendhemd reichen und meinte, da könne er bis zum Essen noch ein bisschen Zeitung lesen.
"Lies doch lieber das Märchen zu Ende, Papa", bat Artur.
"Nun gut." Der Vater nahm das aufgeschlagene Buch vor die Augen und las für sich.
"Bitte, laut", forderte der Sohn. Walter Becker strich ihm übers Haar und las. Als das Märchen zu Ende war, schob er unauffällig das Buch fort und schaute sehnsüchtig zur Zeitung.
"Kann ich morgen mit Eugen zur Schule gehen?", fragte Artur. "Ich muss doch lesen lernen."
"Wenn du sechs Jahre alt bist."
Artur maulte. "Ich möchte aber jetzt."
Walter Becker sah ihn ernst an.
"Warum soll man mit dir eine Ausnahme machen? Bist du was Besseres?"
"Jawohl. Mama hat's mir doch erzählt. Ich hab 'nen Wirbel."
Die Eltern sahen sich an und unterdrückten nur mit Mühe das Lachen. Walter Becker räusperte sich. "Das ist doch auch nur 'n Märchen."
"Aber ich möchte doch so gern in die Schule."
Ärgerlich nahm der Vater den Blick von der Zeitung.
"Pass Obacht, Bengel. Entweder du versprichst jetzt zu warten, bis du sechs Jahre alt bist, oder du marschierst ins Bett."
Artur senkte den Blick, es herrschte Schweigen. Die Mutter klapperte mit den Tellern. Eugen kam vom Herumstrolchen. Schuldbewusst begrüßte er den Vater. Der brummte: "Du weißt doch, wann wir essen."
Eugen nuschelte, er hätte einen Umweg machen müssen, weil der Gendarm ihm aufgelauert habe. Auf die Frage des Vaters gestand er, sie hätten für Karle Leutners Aquarium Molche gefangen.
"Am abgesperrten Tümpel?"
Eugen gab es zu.
"Wenn ihr den Pickelhauben so leichten Vorwand gebt, braucht ihr euch nicht zu wundern, dass sie euch jagen", sagte der Vater und gab seinem Ältesten einen versöhnlichen Klaps. Die Mutter füllte eine Flasche für die kleine Schwester Hedwig, brachte sie ihr an die Wiege, und dann setzten sich die Vier zum Abendessen. Artur aß in sich gekehrt. Als der Tisch abgeräumt war, ging er zum Vater und schmiegte sich an. "Ich will es versprechen, Papa."
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