"Hast du's gehört, Luise?"
"Wir werden ihn daran erinnern, falls er es vergisst."
Sie mussten es einige Male tun. In den vielen Monaten bis zum Schulbeginn ging Arturs Ungeduld des Öfteren mit ihm durch, kroch ihn der Neid, gegen den älteren Bruder an, den er sonst liebte wie die kleine Schwester und die Eltern. Doch wenn er an das Versprechen gemahnt wurde, verstummten seine Quengeleien.
Mitte März 1911 nahm Luise Becker ihren Zweiten an die Hand, um ihn zum Unterricht anzumelden. Das Amtszimmer des Rektors lag im ersten Stock des nicht mehr ganz neuen Gebäudes. Sie stiegen die breite Steintreppe hinauf. Mit großen Augen lief Artur durch den hallenden Gang mit den eintönig getünchten Wänden. Frau Becker klopfte, trat grüßend ein und legte das Familienstammbuch sowie den Impfschein Arturs auf den Schreibtisch. Rektor Kunz bot ihr einen Stuhl an, schrieb etwas in eine Liste. Dann wandte er sich den beiden zu und ließ den Zwicker fallen, der nun an einer Schnur vom Rockaufschlag baumelte. Freundlich fragte er Artur: "So, du willst also zu uns kommen?"
Artur nickte eifrig. "Ja, sehr gern."
So offensichtliche Begeisterung stimmte den Rektor heiter. "Hoffentlich hält das acht Jahre an."
"Nö", trompetete Artur, "ich will bloß lesen lernen, dann komme ich nicht mehr."
Wohlwollend gab der Rektor zu bedenken: "Was aber dann, wenn dir nun anderes ebenso gefällt wie Lesen? Vielleicht Erdkunde oder Religion?"
Der Mann mit dem steifen Kragen und der feierlichen Krawatte schien netter zu sein, als er aussah. Artur mochte ihn nicht enttäuschen. "Na ja, dann - dann kann man vielleicht mal sehen."
Belustigt gab Kunz Frau Becker und ihrem Sohn die Hand. "Ich denke auch, Artur, du wirst mit dir reden lassen. Und wenn du zu den drei fleißigsten Schülern gehörst, bekommst du beim Abgang ein Buch zur Belohnung. Überleg dir's, bist doch so aufs Lesen aus - auf Wiedersehn."
Als sie über die schwarze Schlacke des Schulhofs gingen, fragte Artur: "Was wird es für ein Buch sein, Mama?"
Mit seiner Offenheit wird es Artur manchmal schwer haben, dachte Luise Becker. Die Frage des Sohnes entriss sie dem Grübeln. "Was für ein Buch? Wahrscheinlich ein - so ein vaterländisches, mit lauter Geschichten vom Kaiser."
"Ist er ein lieber Mann?"
"Sie sagen so. Aber er rasselt so viel mit dem Säbel."
"Will er mit dem Säbel stechen?"
"Seine Soldaten sollen es für ihn tun. Andere totstechen und totschießen, die ihnen nichts getan haben."
"Soldaten sind doch mutig."
"Was bleibt ihnen anderes übrig, wollen sie nicht selbst totgemacht werden. Oft kommen sie nach Hause ohne Arm oder Bein. Dann können sie nicht mehr arbeiten und müssen betteln. Wie der alte Piezker, der immer vor dem Kaufhaus Alsberg sitzt."
"Warum gibt denn der Kaiser dem alten Piezker kein Geld?"
"Er bekommt etwas, aber es ist zu wenig zum Leben."
"Dann kann ich den Kaiser nicht leiden. Und ich will auch das olle Kaiserbuch nicht haben."
Den ganzen Tag vor dem ersten April war Artur aufgeregt. Stolz betrachtete er immer wieder die Schulmappe und hing sie zur Probe über. Eine Schiefertafel war darin, mit einem Schwamm an einer Strippe, und der musste aus der Mappe hängen. Es war die alte Mappe von Eugen. Der Vater hatte neue Riemen angenietet und das billige abgeschabte Leder mit brauner Schuhwichse auf Hochglanz poliert. Die Tafel war auch von Eugen. Der rümpfte die Nase über den Schulranzen und das Schreibutensil der Siebenklepper. Er durfte die Schulbücher jetzt als Paket tragen, mit Riemen verschnürt. Das war unpraktisch bei Regenwetter, aber schick, weil es die Vierzehnjährigen in der Oberklasse so hielten und sogar die meisten Hochpieper aus dem Realgymnasium.
An dem denkwürdigen Morgen musste Artur dulden, dass die Mutter ihn wusch - was er sonst schon selber tat -, besonders seinen Hals und die Ohren, jene Körperteile, die bei kleinen Jungen eine alteingefressene Abneigung gegen Wasser und Seife haben.
Die meisten Schulanfänger wurden von ihren Müttern gebracht. Mehrere von ihnen kannte Artur. Nun trafen sie sich in der Klasse sieben bei Fräulein Marein. Artur fand die Lehrerin nicht so schön wie die Mutter, aber sie war sehr nett. Sie gab jedem die Hand und führte ihn auf seinen Platz. In der linken Bankreihe saßen die Mädchen, rechts die Jungen. Als alle da waren, winkten ihnen die Mütter noch einmal zu und gingen. Endlich, dachte Artur, es wurde höchste Zeit, dass es losgeht mit dem Lesenlernen. Er wurde enttäuscht. Fräulein Marein rief jeden auf und fragte, wie er heiße und wann er geboren sei.
Nachdem sie sich so die Namen eingeprägt hatte, sagte sie: "Damit ihr die Schule lieb gewinnt, machen wir heute am ersten Tag ganz etwas Schönes: "Ich lese euch ein Märchen vor."
"Au jaaa!" rief Artur.
"Die Sieben Raben."
"Och, das kenn' ich schon", protestierte er.
Fräulein Marein blieb nachsichtig. "Wenn Artur das Märchen kennt, muss ich euch ein anderes aussuchen."
"Wir wollen doch lesen lernen", erinnerte Artur.
"Ich nicht", widersprach Kaspar Leutner, der Bruder von Karle, der Eugens Freund war und ein Aquarium besaß.
"Dann bleibst du dumm", belehrte ihn Artur.
"Wenn ihr was zu sagen habt, müsst ihr euch melden", ordnete Fräulein Marein an, "und morgen fangen wir dann an, Artur. Da lernt ihr gleich beides, lesen und schreiben." Als sie seine erschrockene Miene sah, machte sie es ihm schmackhaft. "Beides zusammen lernt sich besser, und wenn du erst alle Buchstaben kennst, kannst du dir sogar selbst ein Märchen ausdenken und aufschreiben. Das macht noch mehr Spaß, als nur Märchen lesen."
Sehr zufrieden mit Lehrerin und Schule, ging Artur später in der Schar der anderen nach Hause. Bald würde es aus sein mit der Überlegenheit der Großen. Jetzt sollte ihm der Eugen nur kommen.
Der kam auch, aber erst zwei Stunden später, maulend über die vielen Schularbeiten.
Artur barst beinahe vor Neuigkeiten. "Wenn ich erst alle Buchstaben kann, schreibe ich Märchen."
"So'n Zimt", sagte Eugen, "ist doch alles Spinn."
Den Faulen helfen?
Die Tür der sechsten Klasse öffnete sich, der Pausenlärm verstummte. Fräulein Marein ging zum Katheder. Während sie den Stoß Rechenhefte mit den korrigierten Hausaufgaben ablegte, sah sie prüfend in die Kindergesichter.
Wortlos begann Fräulein Marein die Hefte zu verteilen, doch eine ganze Anzahl blieb auf dem Katheder liegen. Deren Besitzer ließ sie dann nach vorn kommen. Als das gute Dutzend Mädchen und Jungen vor ihr stand, fragte sie: "Artur Becker, fällt dir an dieser Gruppe etwas auf?"
Artur erhob sich und schaute zu Boden.
Fräulein Marein forschte weiter:
"Kaspar Leutner, weißt du, warum ich dich und die anderen nach vorn geholt habe?"
Dem sommersprossigen Kaspar stand die Schuld auf die Stirn geschrieben, trotzdem tat er dumm mit aufgerissenen Augen und hob die Schultern.
"Erika Borbach, du weißt es sicher."
Erika, eine Enkeltochter des alten Borbach, senkte den Kopf, ihre kurzen Zöpfe mit den schmalen Haarschleifen standen in die Luft wie die Hörner eines störrischen Böckleins.
"Diese Mitschüler stehen vor euch als abschreckende Beispiele", wandte sich Fräulein Marein an die Klasse, "denn wie kann man einem vertrauen, der dumm ist aus Faulheit? Die dreizehn hier sind faul. Sie denken, mich zu betrügen, dabei betrügen sie sich, wenn sie von Artur abschreiben. Er hat einen Fehler gemacht, sie haben alle haargenau den gleichen. Daran habe ich's gemerkt. Hast du sie abschreiben lassen, Artur?"
"Ja", sagte Artur leise.
"Und du meinst, du hilfst ihnen damit?"
Artur sah die Lehrerin nicht an; sagte halb trotzig, halb schuldbewusst: "Mir fällt's doch leichter."
"Fällt es dir auch leicht, mich zu hintergehen?"
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