Dr. Lensch meldete sich, Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung. Liebknecht war gespannt, was er sagen würde. Etliche Genossen meinten, Lensch bekomme manchmal Angst vor der eigenen Courage. Liebknecht war sich nicht sicher, ob dies nicht ihrer Enttäuschung entsprang. Denn bis 1907, über fünf Jahre, war Franz Mehring Chefredakteur des Blattes gewesen. Und einen Mann dieses Formats gab es nur einmal.
Dr. Lensch wandte sich verbindlich lächelnd an Wels. "Niemand bestreitet das Desinteresse gegenüber dem üblichen Routinekram. Doch wie könnte man die Angelegenheit des Genossen Liebknecht damit verwechseln? Denn hier geht es um die heiligsten Güter der Nation - Lesart der Reaktion, wenn ihr Profit in Gefahr ist ..."
"Das ist einer der Kernpunkte!", rief Liebknecht.
"Wenn das Material kein Schwindel ist!" fauchte Wels. Sein breites, schwammiges Gericht überzog sich mit hektischer Röte.
Molkenbuhr hatte Liebknecht zur Ordnung rufen wollen, auf den folgenden Zwischenruf Wels' schluckte er seinen Unmut.
Dr. Lensch fuhr fort: "Genosse Liebknecht hat bereits betont, ob echt oder unecht, es handelt sich um einen neuralgischen Punkt der Kriegskamarilla, und das ist wichtig. Außerdem scheint mir die Darstellung des Reichstags als einer automatisch schnurrenden Maschine, die durch niemand und nichts zu beeinflussen ist, gelinde gesagt, unzutreffend. Es liegt wohl auch an uns, ob es so ist oder anders. Zumindest vom Genossen Ebert hatte ich erfreute Zustimmung erwartet, leider schweigt er sich aus. Schließlich unterstehen ihm die Jugendausschüsse der Partei. Wer verblutet zuerst auf den Schlachtfeldern? Die Jugend. Hier ist uns womöglich ein aufrüttelnder Beweis gegen ihre Schlächter in die Hand gegeben. Weiteres zum brennenden Thema Jugend und Krieg zu sagen, spare ich mir, die Schrift des Genossen Liebknecht dürfte hinlänglich bekannt sein."
"An Kürze und Zurückhaltung wollte ich eben erinnern, Genossen." Grämlichen Gesichts hatte Molkenbuhr die Zustimmung zu Lenschs Worten in den Mienen mehrerer Fraktionsmitglieder vermerkt, "Unsere Zeit ist schon über Gebühr beansprucht, deshalb bitte keine Generaldebatten."
"Die Angelegenheit könnte längst positiv entschieden sein, versuchten manche Genossen nicht, ein Zentralthema unserer Politik zur Lappalie abzuwerten." Ledebour sagte es zu Molkenbuhr gewandt, seine leicht heisere Stimme ließ an das Wuffen eines gereizten Neufundländers denken.
Schweigend hatte Noske bisher die Debatte verfolgt. Selten war ihm anzumerken, was hinter seiner Stirn vorging. Die hervorstehenden Backenknochen im Verein mit dem Schnauzbart erinnerten an einen Kosakenhetman. Er räusperte sich gegen die allgemeine Unruhe, nachdem ihm Molkenbuhr das Wort erteilt hatte. "Mehrmals wurde hier von sogenanntem Routinekram gesprochen. Darin sehe ich eine der Erbsünden der Partei. Allzu viele Fantasten und Philanthropen gefallen sich in schwungvollen Phrasen, vor der Kleinarbeit in den Ausschüssen drücken sie sich. Das kostet nämlich Arbeit und bringt keinen Ruhm. Aber mit schönen Reden ist nichts getan."
"Mit Schweigen auch nicht!", widersprach ein sonorer Bass, und Molkenbuhr ärgerte sich, dass er den Zwischenrufer nicht zu eruieren vermochte.
Noske hob die Stimme, bei ihm das Höchstmaß dessen, was er an innerer Erregung zeigte. "Was gesagt werden muss, soll heraus. Wenn notwendig, habe ich bewiesen, dass ich mich vorm Sprechen nicht fürchte."
"Das merkten wir bereits neunzehnhundertsieben bei Ihrer berüchtigten Reichstagsrede. Immer wenn es sich um die Verteidigung des Heeresetats oder um die Kolonialpolitik handelt, werden Sie mobil!" Ledebour sagte es scharf skandierend, beherrscht und eisig.
"Tatsächlich, Genosse Noske, der Kriegsminister war damals begeistert von Ihrer Redekunst!"
"Ihre öffentliche Attacke im gleichen Jahr gegen Rosa Luxemburg war echt und ungekünstelt!"
"Als Bebel Sie deswegen zurechtwies, soll in seinem Brief auch etwas von traurigen Gesellen gestanden haben, stimmt das?"
"Man kennt doch den Inhalt des Briefes. Bebel drückte darin auch seine Enttäuschung über Genossen Noske aus, in den er große Hoffnungen gesetzt hatte!"
"Verständlich, hat doch Genosse Noske Bebels Flinte gegen den Zarismus im entgegengesetzten Sinn missbraucht!"
Dicht aufeinander waren die Zwischenrufe erfolgt. Sie zeigten deutlich die Stimmung gegen Noske, der sich selbst beim rechten Flügel der Partei nicht ungeteilter Sympathie erfreute.
Scheidemann, der etwas später ins Fraktionszimmer gekommen war, hatte fast als Einziger schweigend die Turbulenz beobachtet. Seinen Unmut verbarg er hinter einem überlegenen Lächeln. Nervös strichen seine langgliedrigen Finger den Spitzbart, unhörbar murmelte er: "Dieser Elefant im Porzellanladen, so zuverlässig er ist, so plump und ungeschickt ist Gustav oft."
Liebknecht hatte sich Unterlagen über Noske eingesteckt, überzeugt, wenn der anwesend ist, wird er gegen den Plan Stellung nehmen. Obwohl Noske noch nicht zur Sache selbst gesprochen hatte, war er mit Vorwürfen eingedeckt worden. Liebknecht fröstelte stets in Gegenwart dieses unzugänglichen Menschen. Immer die gleiche, fast steinerne Unbewegtheit. Dieser ehemalige Korbmachergeselle ist ein gefährlicher Karrierist. Gefährlich deshalb, weil ihm die üblichen äußeren Merkmale des Karrieristen fehlen, was man von seinem Busenfreund Scheidemann nicht behaupten kann. Noske ist weder geschmeidig noch besonders intelligent. Weder im Ton, in den Manieren, noch in seinem Habitus würde er jemals auf das Niveau Scheidemanns gelangen. Zwei Eigenschaften haben ihn Stufe um Stufe die Treppe der Parteihierarchie hinaufgebracht: immenser Fleiß, eiserne Beharrlichkeit. Stubborn, würden die Engländer sagen, ich weiß kein treffenderes Wort im Deutschen dafür. Neunzehnhundertsieben hat er dicht vor dem Parteiausschluss gestanden, die Partei hat einen großen Fehler gemacht, das nicht bis zu Ende durchzufechten. Wenn ich überhaupt jemals Gefühlsregungen an ihm beobachtet habe, dann die eines widerlichen Geschmeicheltseins beim Lob von der rechten Seite. Für eine Anerkennung des Kriegsministers oder des Kanzlers nimmt er gelassen hundert Vorwürfe der Genossen in Kauf. Die Adligen der Konservativen belächeln seinen beflissenen Diensteifer ebenso wie die Liberalen. Sie können sich kein besseres Trojanisches Pferd in unserem Stall wünschen. Wo die Opportunisten einen brauchen der zupackt, ohne nach rechts oder links zu schauen, da benutzen sie ihn. Ein treuer Stallknecht, der seinen Auftraggebern manchmal über den Kopf zu wachsen droht. Mit wachem Instinkt hat er die schwachen Stellen im Parteiapparat entdeckt. Wer drückt sich nicht gern vor der mühseligen, zeitraubenden Arbeit in den Fachkommissionen, den Etatsausschüssen? So mauserte er sich bald zum Spezialisten in Fragen des Heeresetats und der Kolonialpolitik. Neuerdings stiftet er außerdem Unfug im Marineausschuss. Noske ist Synonym für alles der Partei anhaftende Kleinbürgerliche, Kompromisslerische, Unsozialistische. Jeder marxistische Terminus ist ihm zuwider, und er brüstet sich sogar damit.
Weidlich machte Molkenbuhr seinem Ärger Luft. Je nach Temperament ließen die gerügten Zwischenrufer mit schuldbewusster Miene oder nonchalant lächelnd die Philippika über sich ergehen. Noske saß dabei, als hätte der Tumult wenig mit ihm zu tun. Als Ruhe eingetreten war, wandte er sich abrupt an den letzten Zwischenrufer. "Wenn Sie so genau über meinen Briefwechsel mit Bebel Bescheid wissen, dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass er sich später revidiert hat."
Gelächter erscholl, und Molkenbuhr schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Noske blickte ihn kopfschüttelnd an, als wollte er sagen, schone deine Nerven, ich tue es auch. Unvermittelt ging er dann zum Thema über. "Was jenes Material anbelangt, kann ich mich nur über die Weltfremdheit mancher Genossen wundern. Glauben Sie wirklich, dass es irgendwo eine Gesellschaft gibt, in der keine Bestechungen vorkommen? Die Notwendigkeit der Landesverteidigung steht doch wohl auch bei uns außer Frage. Wer für Landesverteidigung ist, muss für ihre Waffen sein. Waffen kosten Geld, Geld stinkt nicht, und wo gekauft und verkauft wird, da wird versucht zu betrügen. Wieso soll das Material nicht echt sein? Wüssten die Genossen besser Bescheid über die Arbeit in den Ausschüssen, wären sie nicht so erstaunt. Im Grunde stehen wir vor der Wahl, großes Geschrei zu machen und die Aufgaben der Landesverteidigung zu erschweren oder realistisch zu sein und die Gegebenheiten zu nehmen, wie sie sind. Denn im Allgemeinen, das kann ich Ihnen versichern, geht es bei uns einigermaßen ordentlich zu. Auf dem Balkan beispielsweise sind Durchstechereien, besonders im Waffengeschäft, das Übliche. Deshalb schlage ich Ihnen, Genosse Liebknecht, vor, tun Sie das Zeug in Ihr Archiv. Wenn Sie einmal Ihre Memoiren schreiben, haben Sie interessante Details zur Verfügung."
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