Anton blieb hartnäckig. "Streuzettel sind manchmal wirksamer als Flugblätter. Farbige Papierabfälle gibt's in jeder Druckerei. Und eine einzige Losung lässt sich bestimmt mal heimlich absetzen."
"Und wer druckt sie?" Helmuts Frage drückte weniger Abschätzigkeit aus, als gespannte Erwartung, was der andere für Ideen haben würde.
"In den meisten Druckereien werden die Korrekturabzüge auf sogenannten Nudeln gemacht - eine mit Papier bespannte Eisenrolle, die über den Satz rollt, der auf einem Eisenfundament steht."
"Und du meinst, da kann man unbemerkt ein paar tausend Stück abziehen?"
"Natürlich nicht in der Druckerei. Solch eine Nudel müsste an einem sicheren Ort stehen."
Helmut lachte nachsichtig. "Eine Nudel klauen? Die kleinsten von der Sorte wiegen ein paar Zentner. Die kann man nicht in der Aktentasche nach Hause tragen."
"Messerscharf gefolgert, Genosse Fachmann. Aber stell dir mal vor, was solch eine Nudel oder gar eine Handtiegeldruckpresse, so ein Boston, für die Berliner Partei bedeuten würde. Wissen, wo so ein Ding steht, und dann muss man Mittel und Wege finden, es zu kaufen. Ein Abziehapparat ist zwar leichter zu transportieren, aber Druck bleibt Druck, und das bestechendste wäre die Irreführung der Gestapo. Sie müsste sämtliche Druckereien als mögliche Druckstätte annehmen und hätte trotzdem falsch getippt."
"Dass man nicht schon selbst auf so was gekommen ist", sagte Helmut, ehrlich erbost über sich, "na ja, wenn man so allein rumkrebst. Vor Verzweiflung sieht man nicht, was sich trotzdem alles gegen die anstellen lässt. Aber ihr könnt Gift drauf nehmen, ich schaue mich um."
"Hand drauf!" Anton streckte Helmut begeistert die Hand hin, und der Jüngere schlug ein.
Anton war in glänzender Stimmung. "Und nun zum Eigentlichen: Text für ein Flugblatt zum deutsch-russischen Nichtangriffspakt. Jule, was hast du für Nachrichten?"
Jule wurde verlegen. "Wenn man selbst kein Radio hat, ist das 'ne schwierige Kiste. Die Zeit war zu kurz, ich habe nichts."
"Mir ging's ähnlich", bekannte Anton. "Du siehst, wie wichtig es ist, planmäßigen Empfang zu organisieren. - Ich denke, wir lagern uns ein bisschen."
An einer Wegkreuzung streckten sie sich ins Moos. Anton zog ein Notizbuch aus der Tasche. "Ich habe schon ein bisschen vorgearbeitet", sagte er und las dann einen Entwurf vor, den er nach der ersten Unterhaltung mit Jule angefertigt hatte.
"Junge, Junge", staunte Jule, "du hast wohl 'ne Sonderverbindung zum ZK?"
"Kritik, Genossen", scherzte Anton, "keine Loblieder."
Wort für Wort wurde nun der Entwurf unter die Lupe genommen. Besonders Helmut machte - von seinen Erfahrungen im Betrieb ausgehend - Vorschläge, die sein Bemühen zeigten, alles so einfach wie möglich zu sagen. Die beiden Älteren sahen sich mehrmals anerkennend an. Anton strich und korrigierte, bis sie alle drei zufrieden waren. Dann schrieb er den Text in sauberer, kleiner Schrift ab. Es wurde ein Notizzettel voll. Er riss ihn heraus, kniffte ihn mehrfach und gab ihn Jule. "Wenn Gefahr ist, musst du ihn runterschlucken."
Sie verabredeten, Helmut bei Zusammenkünften von Jules Gruppe regelmäßig hinzuzuziehen. Anton gab darauf Jule die Adresse einer Autofahrschule. "Trag die immer bei dir, ebenfalls als Alibi. Und beruf dich dort auf Sendler, dann wirst du gut bedient."
Sie wanderten weiter, badeten später und kosteten den Sonnentag aus. Am frühen Abend fuhren sie mit dem Bus von Müggelheim nach Köpenick. Als Helmut in der Schlange vorm Schalter der S-Bahn stand, um für alle drei die Karten zu kaufen, fragte Jule Anton: "Wird er sich fangen?"
Anton sah den Freund nachdenklich an. "Auf jeden Fall weiß er jetzt: Die Partei lebt."
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.