"Doch", sagte Helmut, sein blasses Gesicht rötete sich leicht, "ich bin doch kein Idiot."
"Großartig", freute sich Anton, "da haben wir in einem ganzen Betrieb voller Idioten wenigstens einen, der keiner ist."
"Wenn du mich veralbern willst, dann ... "
"Nun mal ernst", Anton strich sich mit der Hand über das Gesicht, seine Lachfältchen verschwanden, "siehst du nicht, Helmut, dass in deiner allgemein richtigen Beobachtung ein entscheidender Fehler steckt?"
"Ich weiß, ich weiß", der Jüngere wurde erregt, "jetzt kommt die alte Walze: Um jeden beharrlich ringen ... , nicht lockerlassen ... , glauben an die Arbeiterklasse. Nein, ich glaube eben nicht mehr. Bist du im Betrieb? Weißt du, wie es aussieht? Wie war es denn? Eine prima Gruppe habe ich bald nach dreiunddreißig aufgezogen, von unsern sechsundzwanzig Männeken waren es immerhin sieben, drei Genossen und vier Sympathisierende. Laufend habe ich Geld gesammelt und immer auf Heller und Pfennig an unsern illegalen Unterbezirk abgeführt. Von dort habe ich auch ab und zu gedrucktes Material gekriegt und auf meine Gruppe aufgeschlüsselt.
Dann ging's bergab. Erst ist die UB-Leitung hochgegangen. Natürlich hab' ich weiterhin Geld gesammelt, aber langsam fingen unsre an zu fragen, warum sie nichts mehr zu lesen kriegten. Dann ist ein Genosse aufgetaucht und hat versprochen, den UB wiederaufzubauen. Der ist auch hochgegangen. Und ich saß da mit 'nem Haufen fremdes Geld in der Zigarrenkiste. Dann wurden zwei von der Gruppe zur Wehrmacht eingezogen, einer ist Rentner geworden, der vierte ist umgefallen, als er 'ne bessre Stellung gekriegt hat. Schließlich sind die beiden Letzten gekommen und haben gesagt, sie geben nichts mehr, es hätte alles keinen Zweck. Sie bleiben die Alten, aber wegen so aussichtsloser Sachen wollen sie nicht den Kopf riskieren. Vor ein paar Tagen, nach dem Freundschaftsvertrag, haben sie mich gefragt, ob ich nun endlich kuriert bin."
Helmut war immer erregter geworden. Auf seinen Wangen brannten rote Flecke. Tuberkulose, dachte Anton und hatte Mühe, sein Bewegtsein nicht zu zeigen. Er nahm Helmut sacht am Arm und fragte leise: "Und du bist der Meinung, sie haben wirklich recht?"
Helmut hob seine runden Schultern. Es war eine Gebärde der Ratlosigkeit. "Ich möcht's nicht glauben. Es ist so schwierig - man muss Klarheit haben, sonst ist's ein unerträgliches Leben."
Die beiden älteren sahen sich an, im Blick Jules las Anton die Frage: War es nicht gut, dass ich ihn mitgebracht habe?
Anton ließ sich Zeit, ehe er bedächtig begann: "Da tobt eine mörderische Schlacht, die größte der Weltgeschichte, und dazu unterirdisch. Der einzelne Soldat kann nicht alles übersehen, sieht nur, wenn es mal zurückgeht, wenn der Nachschub nicht funktioniert, wenn neben ihm welche fallen. Vielleicht wird er noch verwundet, hat Schmerzen, verflucht alle und alles. Plötzlich erfährt er, seine Seite hat einen Waffenstillstand geschlossen. Wäre es verwunderlich, wenn er den Waffenstillstand nicht versteht, und fragt: 'Wozu habe ich alles das auf mich genommen?'"
"Genau", sagte Helmut; es tat ihm wohl, dass der andere ihn so verstand.
"Ist damit gesagt, dass dieser einfache Soldat recht hat? Dass er, sagen wir mal, historisch richtig sieht? Wenn er plötzlich an der Stelle eines Generals säße, würde er sich da nicht vielleicht schämen, weil er entdeckt, dass es nichts Klügeres gab, als Waffenstillstand zu schließen?"
Helmut hatte mit wachsender Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt zögerte er mit der Antwort. Dann sagte er hastig: "Wahrscheinlich. - Leider kommt der Soldat nie an die Stelle des Generals. Er liegt in seinem Loch, hat Schmerzen. Wer will ihm das Fluchen verübeln!"
"Das Fluchen nun auf gar keinen Fall", platzte Jule heraus, "aber wenn er fahnenflüchtig wird?"
Helmut hob wieder die Schultern. "Verstehen könnte man's auch."
"Auch von einem Kommunisten?" Anton sah ihm fest in die Augen.
"Ein Kommunist ist auch bloß ein Mensch."
"Ein Mensch und kein Tier. Ein Kommunist hat gelernt, seinen Kopf zu gebrauchen."
Helmut wischte sich kleine Schweißperlen von der Stirn. "Ihr setzt mir aber zu."
"Du musst wieder Tritt fassen", sagte Jule.
"Du sagst doch selbst", erinnerte Anton, "das ist kein Leben mit solchen Bauchschmerzen."
"Es sind schon mehr Herzschmerzen", murmelte Helmut.
"Was du erlebt hast, ist bitter", gab Jule zu, "aber gegen das, was andere hinter sich haben, war es milde. Von meinen Lappalien zu schweigen, aber frage mal Anton, wie oft der dem Totengräber von der Schippe gehopst ist. Hätte Anton nicht viel mehr Ursache, verzweifelt zu sein? Was hält ihn davon ab, sich nun in der goldenen Freiheit auszutoben, anstatt freiwillig wieder zur Front zu gehen?"
Helmut sah nachdenklich zu Boden, ohne zu antworten. Sie hatten jetzt die Steigung geschafft. Der Blick glitt über das im Sonnenschein blitzende Wasser, das eingebettet im Waldgrün unter ihnen lag.
"Nun wollen wir Helmut ein bisschen verschnaufen lassen", sagte Anton doppelsinnig, "die Groschen für den Müggelturm können wir sparen, von hier sehen wir genug."
Der schwer atmende Helmut sah Anton forschend und dankbar an. Nachdem sie den Rundblick genossen hatten, schlugen sie einen schmalen und wenig begangenen Waldweg in Richtung Müggelheim ein.
"Ich glaube, Helmut", nahm Anton das Gespräch wieder auf, "du hast dich zu lange nicht richtig mit Genossen ausgesprochen, das Herz frei geschimpft."
Helmut nickte heftig.
"Was meinst du, wie einem die Niedergeschlagenheit manchmal in der Zelle ankommt. Was bleibt einem da anderes, als sozusagen aus der eigenen Haut zu schlüpfen. Da stehen dann zwei Genossen. Der eine bringt seine ganze Wut vor, und der andere das, was der eine vor Schmerzen nicht sehen will. Wenn man dabei ehrlich ist, kriegt der Kopf langsam die Oberhand. Nach und nach kommt man mit sich ins Reine. Vielleicht ist das kein Rezept für alle. Aber irgendwas muss man finden für solche Stunden."
"Es ist ein prima Rezept", sagte Helmut.
"Meist beginnt es doch so: zuerst fängt man an über jedes Hindernis zu jammern. Dann freut man sich über ein Hemmnis, und zum Schluss trägt man sie alle auf einen Haufen zur riesenhaften Barriere. An dieser Barriere beweist man nun sich und den andern Schlappgewordenen, dass sie unmöglich zu überwinden ist."
Helmut lachte das erste Mal, verlegen und von dem Beispiel überrascht. "Genau wie mit mir und den beiden Letzten."
"Wenn man deinen Bericht ein bisschen auseinanderpolkt", Jule griente verschmitzt, "dann ist er gar nicht so tragisch. Von sieben Leuten ist in Wirklichkeit einer abgefallen. Die beiden, die noch im Betrieb sind, meutern doch bloß, weil sie sich verlassen vorkommen und weil sie den Nichtangriffspakt nicht verstehen."
"Sie werden sich wieder fangen, wenn man ihnen zeigt, wie die Lage wirklich ist", ergänzte Anton.
"Gegen den einen Abgefallenen steht nun aber etwas ganz Positives", dozierte Jule weiter. "Du hast doch das Geld gehütet wie einen Schatz, Helmut, und so lange gesucht, bis du über sieben Ecken auf Anna gekommen bist, die das Geld endlich dem richtigen Zweck zuführen konnte. So hast du wieder Verbindung bekommen und machst heute eine Partie in die Müggelberge."
"Ihr habt euch um Helmut zu wenig gekümmert", sagte Anton.
"Es war auch meine Schuld", bekannte Helmut, "ich hab' mich manchmal gedrückt, weil nur immer was verlangt wurde. Eine richtige Aussprache, so wie heute, hat es nicht gegeben."
"Sag mal, Helmut", Anton konnte seine Ungeduld, aufs Praktische zu kommen, kaum noch zügeln, "seid ihr nie auf den Gedanken gekommen, selbst Material herzustellen, wo ihr gewissermaßen an der Quelle sitzt?"
"Das sieht nur für den Laien so aus", erwiderte Helmut. "Wie willst du zum Beispiel ein Flugblatt setzen, ohne dass es dein Gassengespan merkt? Genauso steht die Frage für den Drucker."
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