"Schon 'n paar tausend Jahre", räsonierte Nitte, "und warum haben's die vielen nich erkannt?"
"Welche vielen?" Anton fuhr auf aus seinem Grübeln.
"Die nischt haben."
"Was nicht erkannt?"
"Dass sie von den wenijen, die allet haben, unten jehalten werden!"
"Ich hab' dir doch von Spartakus erzählt und vom deutschen Bauernkrieg."
"Na ja, aber meistens haben sie's nich erkannt."
"Zwei-, dreitausend Jahre sind für die Weltgeschichte ein Jahr, ein Menschenleben ein Tag. Wissen wächst langsam."
"Aber nu weeß man's doch endlich, und immer noch sind die Meisten so dämlich."
"Unwissenheit hat viele Wurzeln, man kann sie sogar züchten."
"Kapier ick nich."
Anton vergaß das Grübeln. "Wovon lebt Höhler?"
"Vom Beschiss."
"Höflicher ausgedrückt, hauptsächlich von der Unwissenheit jener Menschen, die Auto fahren, aber keinen Dunst von einem Motor haben."
"Ein Glück, sonst wär'n wir alle arbeitslos."
"Lass die Witze. Wenn alle Autofahrer mit dem Motor Bescheid wüssten, müssten trotzdem Autos repariert werden, aber die Höhlers könnten sie nicht mehr so übers Ohr hauen."
"Stimmt."
"Warum kümmern sie sich also nicht um die Gesetze der Mechanik und Explosionskraft und lassen sich lieber betrampeln?"
"Weil's bequemer is."
"Da hast du selber die Antwort auf deine Frage, warum so viele nichts wissen über die Politik, das heißt Staatskunst. Sie sitzen im Wagen und scheren sich den Deubel, woher er kam, warum er fährt, wohin er fährt. Der Fahrer, heute genannt Führer, wird schon lenken. Der lenkt auch, bloß nicht für die vielen im Wagen, sondern für die Wenigen vorn erster Klasse, die ihm zuflüstern, wohin die Reise zu gehen hat."
"Hm", Nittes Stirn bekam mehrere Falten, "also die Bequemlichkeit ist schuld."
"Das ist eine Ursache. Es gibt noch tausend andere."
"Sag mal eine."
"Zum Beispiel reden die Erster-Klasse-Herren denen hinten dauernd ein, lenken sei so schwer, das könnten nur Auserwählte wie sie und ihr Führer."
"Das is nu aber gar nich dämlich."
"Eben. Würden nämlich die Dritter-Klasse-Brüder fahren lernen, möchten sie sich womöglich ans Steuer setzen und selbst bestimmen, wohin die Reise gehen soll."
Dieses zwar primitive, aber für einen Autoschlosserlehrling handgreifliche Bild bereitete Nitte Vergnügen. "Nu kommt mir ooch 'n Ahnismus, weshalb Se mir schon die janze Zeit immer so viel ausnanderklamüsern."
Anton knuffte den Jungen freundschaftlich. "Pass auf, Nitte, wir gehen jetzt Richtung Heimat, ich hab' noch allerhand zu überlegen, weil ich morgen kündigen will."
"Nee." Der Junge war stehen geblieben und sah den Älteren verstört an.
"Ich bleib' auf dem Hof", begütigte Anton, "werde an Stelle Balusiks Sendlers Horch fahren."
"Denken Se, Sendler beschubst nich?" bockte Nitte.
"Möglich", stimmte Anton zu, "aber wenn du mehr verdienen könntest, würdest zu verzichten?"
Nitte knurrte und schnuffelte enttäuscht. Es zeigte Anton, wie stark der Junge sich ihm verbunden fühlte. Man muss ihm etwas Gutes sagen, dachte Anton. "An unseren Kinobesuchen und Unterhaltungen wird sich nichts ändern, Nitte. Im Gegenteil, wir werden noch bessere Freunde."
Nitte schaute skeptisch.
"Hand drauf, und von jetzt ab sagst du nicht mehr Sie, wenn wir unter uns sind."
Anton hatte sich von Nitte getrennt, um die Kündigung zu überdenken, statt dessen beschäftigte ihn nun der Junge. In kurzen Wochen waren keine überzeugten Klassenkämpfer zu erziehen. Und da waren Millionen Nittes. Nitte war noch ein günstiger Fall. Von systematischer Verseuchung durch Jungvolk und Hitlerjugend konnte bei ihm kaum die Rede sein. Seine Misere des Umhergestoßenseins instinktiv ausnützend, hatte sich der Junge der NS-Dressur meist zu entziehen gewusst. Außerdem war Anton mit Nitte durch die Arbeit zusammengekommen, der günstigste Boden auf dem Freundschaft, Vertrauen und Überzeugung wachsen. Wie viel schwieriger war es schon bei den Dagmars. Ärgerlich spürte Anton, wie ihn diese Überlegungen nervös machten.
Hoffentlich verlief mit der Kündigung alles reibungslos.
Höhler würde nicht davon erbaut sein, noch weniger Frau Bräutigam. Was sie für ihn getan hatte, war nicht für den ehemaligen KZler Born geschehen. Sie hatte einen Blick für fähige Leute, und er hatte sie nicht enttäuscht. Wurde die Bräutigam verärgert, konnte sie ihm Schwierigkeiten bereiten. Wie musste er sich verhalten, um friedlich mit ihr auseinanderzukommen?
Am andern Morgen ging Anton gleich nach Arbeitsbeginn ins Kontor.
"Raten Sie mir, was ich tun soll", sagte er zu Vera Bräutigam, "ich kann mich verbessern."
Sie war gekränkt. "Ich habe Ihnen geholfen, den Führerschein zu behalten, und sie verlangen die Flebben."
"Für Ihre Gefälligkeit bin ich Ihnen dankbar und habe auch immer eine saubere Arbeit hingelegt."
Sie wollte nicht kleinlich erscheinen und bemühte sich um einen freundlicheren Ton. "Wo wollen Sie anfangen?"
"Bei Sendler, den Horch fahren. Balusik ist zu den Fahnen des Führers gerufen worden."
"Dem SA-Kacker gönne ich das."
Sie führte ihre Zigarettenspitze langsam an die sehr roten Lippen, stieß ein blaues Wölkchen in die Luft und sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Ging es ihm nur ums Geld? Sie sollte ihm die Kündigung nur nicht zu billig machen. "Man verliert nicht gern einen zuverlässigen Arbeiter. So was muss gut überlegt werden."
"Mir eilt es sehr", sagte Anton. "Sendler hat es so eingeteilt, dass ich abends zweite Schicht fahren kann, bis meine Kündigung hier geklärt ist. Aber das ist natürlich kein Dauerzustand." Eine Falte des Missmuts stand zwischen seinen dunklen Brauen.
Was nützte es ihr, ihn zu verärgern. "Na schön, ich werde mit dem Arbeitsamt telefonieren. Vielleicht kriegen wir heute schon Ersatz, dann mache ich Ihre Papiere fertig. Dem Chef werde ich's schon irgendwie beibiegen. Am besten, wenn der Neue da ist."
Anton war freudig überrascht. Erleichtert verließ er das Büro. Anderthalb Stunden später trat der Nachfolger Anton Borns mit vorschriftsmäßigem Hitlergruß ins Büro. Erich Wittig war jünger als Born. Wie er Vera Bräutigam mit seinen schnellen Augen ansah, machte sie unruhig. Einen Führerschein hatte er nicht, erklärte aber flott, das ginge schnellstens nachzuholen, denn fahren könne er. In der SA oder in der Partei war er nicht. Die Art, wie er sie betrachtete, verursachte ihr Prickeln unter der Haut. Wittig scheint ein Windhund zu sein, dachte sie.
Am Samstag, Anton hatte eben den Horch an seinen Garagenplatz bugsiert, kam Nitte geflitzt. "Frau Bräutigam will dich sprechen."
Anton dachte beunruhigt, hoffentlich ist ihr die Kündigungsgenehmigung nicht leid geworden. "Weißt du, was sie will?"
"Nee. Ich soll bloß aufpassen, dass du ihr nicht durch die Lappen gehst. Da kommt sie schon."
Vera Bräutigam war nicht in bester Stimmung. Sie fragte Anton, ob er ihr zuliebe einmal Sonntagsarbeit übernehmen und sie morgen früh nach Karolinenhof fahren würde.
"Doch wohl Sie und den Chef", mutmaßte Anton.
Im Gegenteil, bekannte sie, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Nitte wieder an seine Arbeit gegangen war. Der Höhler mache wieder einmal eine Extratour, weil sie sich wegen der Kündigung gezankt hätten. Er behaupte, sie tue brav, was Born verlange. Und dafür gebe es keine andere Erklärung, als dass sie etwas mit ihm habe. Lächerlich, aber er besuche jedenfalls morgen eine Flamme, obwohl die Fahrt nach Karolinenhof schon verabredet gewesen sei.
"Können Sie segeln?" fragte sie unvermittelt.
"Nein", gestand Anton, war sich aber sofort klar, dass es unklug wäre, die Gefälligkeit abzulehnen. Welche Gründe ihre plötzliche Bitte auch haben mochte, für ihn war es wichtig, sich Vera Bräutigam nicht zur Feindin zu machen. Deshalb lenkte er ein: "Aber es muss großen Spaß machen. Haben Sie ein Boot?"
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