Bevor Term weitersprechen konnte, explodierte ein Konzert aus elektronischen Warnsignalen. Gabrielas ECM fiepte wie eine gefangene Maus, Luks Lebensbaum blinkte rot und andere schrille Warnsirenen brachen aus den technischen Geräten an den alten Menschen hervor. Ein alter Herr röchelte um Hilfe. Luks spuckte das Stück Torte aus. Hilflos stürzte eine Dame ein Glas Wasser hinunter. Flüssigkeit tropfte an ihrem dürren Kinn herab und sie schien Feuer spucken zu wollen. Panisch drückte Gabriela Tasten auf ihrem ECM. Kellner standen hilflos bei der Geburtstagsgesellschaft. Keiner traute sich, die würgenden und hustenden Alten anzufassen, denn ein falscher, zu starker Griff war gefährlich. Erst recht traute sich niemand, den Lebensbäumen und Maschinen Befehle einzugeben, denn das durften nur ausgebildete Pfleger und Ärzte.
»Luft …« Eine Rentnerin zwang das Wort aus ihrer Kehle, dann fiel sie nach vorne mit dem Gesicht auf ihr Stück Torte. Entsetzt betrachtete Term die alte Frau. Kurzes, weißes Haar hing über ihre Ohren und verklebte mit dem weißen Tortenbelag.
»Von wegen, davon stir…«, wollte er das Mädchen anschreien, aber sie war verschwunden. Schnell schluckte er seine letzten Worte hinunter. Er wollte nicht verdächtig wirken. Er drehte Luks Stuhl zu sich und überprüfte seinen Alten.
»Luks. Sind Sie in Ordnung?« Raphael Luks saß ganz entspannt in seinem Stuhl und betrachtete seine Umgebung argwöhnisch. Das Zappeln und Hilfesuchen seiner Tischnachbarn ließ ihn kalt. Es interessierte ihn, wie ein Botaniker ein misslungenes Beet studierte. Er wirkte gelangweilt und verächtlich zugleich.
»Gabrielas Kuchen war wohl nicht richtig zubereitet. Geschieht ihr Recht, diese hochnäsige Schlange.« Sprachlos sah Term seinen Alten an. Luks wollte nur die Niederlage seiner »Freundin« auskosten. Term überblickte die um Luft und Fassung kämpfende Geburtstagsrunde. Kannten sich die versammelten Alten hier überhaupt? Oder war das Treffen nur wie eine Singstunde, eine Stunde Fremdsprachenunterricht oder ein Ausflug zu einem Restaurant auf dem Land. Waren sie Freunde?
»Alle weg vom Tisch! Ihr da drüben, macht die Glastüren im Wintergarten auf. Wir werden alle auf Liegen abtransportieren.« Der Notarzt trat souverän auf und gab knappe Befehle. Die Kellner rannten sofort zu den Fenstertüren und rissen sie auf. Term stellte sich an die Wand und beobachtete das Geschehen. Es hatte knapp fünf Minuten gedauert, schon waren drei hochmoderne Krankenwagen vor dem Restaurant aufgefahren. Zwei waren vom staatlichen Gesundheitswesen, das erkannte Term an ihrer roten Aufschrift. Der dritte Wagen war blau-grün lackiert und das neuste Model der Notfallserie. Die großen Hintertüren waren aufgeschwungen. Das Wageninnere bestand aus einem massiven silbernen Block medizinischer Geräte mit einer rechteckigen Öffnung. Term musste an die Form eines Sarges denken. Im Inneren der rechteckigen Aushöhlung waren Sonden, Schläuche und Sensoren zu erkennen. Die zwei Notärzte in den grün-blauen Uniformen schoben Gabriela Peskic durch den Biergarten und dann in die Öffnung des Krankenwagens. Sie verschwand in der Öffnung wie ein Sarg im Leichenwagen und dann knallten die Wagentüren zu. Mit einem Heulen verschwand der erste Wagen.
»Packen Sie den Kuchen ein und geben Sie ihn meinen Kollegen. Der muss in die Toxikologie.« Der nächste Befehl für die Kellner wurde ebenso schnell ausgeführt. »Zur Sicherheit werden wir sie auch mitnehmen, Herr Luks. Bis Ihre Werte wieder normal sind«, entgegnete der Notarzt Luks‘ Protesten.
»Du bist der Lebensunterstützer des Herrn Luks?« Der Notarzt kaute Kaugummi und klang so aufgeregt wie eine Schildkröte. Die vielen Einsätze hatten ihn ruhig werden lassen. Sehr ruhig und abgebrüht. Term nickte. »Du hast ab jetzt frei. Wenn Herr Luks aus der Klinik entlassen ist, geht dein Dienst weiter. Genieß deine Freizeit.«
Dann fuhren die restlichen zwei Krankenwagen davon. Die Kellner schlossen die Türen wieder, räumten den Tisch auf und deckten ihn neu.
»Wer hat den Kuchen gebacken«, verlangte der Chef zu wissen, der mittlerweile aus seinem Büro herausgestürzt war. Die Krankenwagen waren fast genauso schnell wie er gewesen, da die Werte schneller an die Gesundheitszentrale übermittelt wurden, als die Betroffenen vor Ort die Veränderung in ihrem Kreislauf spürten. Als der Mund und Rachen der Alten zu brennen begonnen hatte und das Herz losraste, waren die Biosignale bereits in der AW eingegangen und hatten Alarm geschlagen. Während der Restaurantchef noch die Speisekarte für den nächsten Tag geplant hatte, waren die Notärzte bereits in den Wagen gesprungen und losgefahren. Der Chef hatte erst zwei Minuten später von seinem ersten Kellner erfahren, was im Restaurant los war. Als er dann aus der ersten Etage hinuntergeeilt war und sich ein Bild gemacht hatte, war die Tür schon aufgeschwungen und der Notarzt hatte das Kommando übernommen.
»Der wurde geliefert.« Die Erleichterung standen Chef und Angestellten ins Gesicht geschrieben.
»Entschuldigen Sie. Haben Sie das Mädchen gehen sehen?« Planlose Gesichter sahen Term an. »Das Mädchen, das mit mir hier war?«
»Muss wohl mit im Krankenwagen sitzen. Keine Ahnung, sie war doch die Lebensunterstützerin der Dame mit Alzheimer«, antwortete ihm der Kellner.
Term bedankte sich und verließ das Restaurant. »Genieß deine Freizeit«, hatte der Notarzt gesagt. Aber das mysteriöse Mädchen ließ ihm keine Ruhe. Die alte Dame sah aus, als ob sie erstickt worden wäre. Wenn rauskam, dass Term den Kuchen manipuliert hatte, würde ihn Polizeikommissar Berg eines zweiten Mords beschuldigen. Nein, Term konnte seine Freizeit nicht genießen. Er musste dringend das Mädchen finden.
»Verlassen Sie mein Haus«, brüllte Terms Vater Polizeikommissar Berg an. Term hatte seinen Vater noch nie so zornig gesehen, oder laut schreien gehört. Seine Brust pumpte sich auf und er war aufgestanden. Die Fäuste stemmte er mit den Knöcheln auf dem Esstisch ab.
»Sie haben einen Fleck auf Ihrem Teppich. Funktioniert Ihr Reinigungsroboter nicht?«
»Der Teppich ist aus Marokko und nicht nach DIN hergestellt. Der Roboter hat kein Programm dafür und nimmt zu viel Reinigungspulver. Daher verstaubt der Roboter in der Kammer«, erklärte sein Vater.
»Marokko? Wann sind Sie denn dort gewesen?«
»Bevor die Reiseverbote für Länder erlassen wurden, in denen die Frauenrechte und der Naturschutz nicht nach unserer Norm beachtet werden. Diese verfluchte scheinheilige Politiker-Brut …«, entwich seinem Vater der Zorn.
»Also daher scheint Ihr Sohn seine Wutanfälle zu haben«, bemerkte der Polizist unbeeindruckt. Vor Berg hätte auch ein wilder Bär stehen können. Der kleinwüchsige Wachtmeister strich sich über seinen dunkelbraunen Stoppelbart.
»Heinrich. Setz dich. Nimm einen Schluck Wasser«, ruhig stellte seine Mutter ihrem Mann ein Glas Wasser auf den Tisch. Niemand beachtete das Glas. Term saß stumm am Tisch und hatte die Schultern nach oben gezogen. Berg hatte gerade die Vermutung geäußert, Term hätte die Vergiftung der alten Menschen im Restaurant »Zum Liliengarten« verursacht.
»Setzen Sie sich, Polizeikommissar Berg. Bitte«, sagte seine Mutter nachdrücklich mit der Stimme, die Term an einen massiven Felsen erinnerte. »Wenn du dich beruhigt hast, kannst du dich auch wieder setzen, Heinrich.« Tatsächlich setzte sich Berg, der nun freundlich lächelte und als Terms Vater merkte, dass er der einzige war, der noch stand, sank er genervt in seinen Stuhl. Term tat sein Vater leid, immerhin hatte der Polizeikommissar nicht ganz unrecht. Er hatte mitgeholfen, aber das würde er bestimmt nicht zugeben.
»Letzte Woche haben Sie vermutet, dass mein Sohn schuld an Herrn Hoffmanns Tod war. Die Ursache war ein geknickter Versorgungsschlauch. Heute verdächtigen Sie meinen Sohn eine Geburtstagsgesellschaft mit … Wasabi vergiftet zu haben?« Term sah seine Mutter staunend an. Mit einem kleinen Umschwung im Tonfall ihrer Stimme war ihr die Stimmung im Wohnzimmer wie auf Befehl gefolgt. Sein Vater fühlte sich unwohl auf seinem Stuhl, weil er gebrüllt hatte und Berg fühlte sich unwohl, da er die seltsam klingende Verdächtigung geäußert hatte.
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