Luks schluckte nicht einmal. Wie auch. Die braune Brühe floss direkt in seinen Magen … und bald würde sie da auch wieder raus fließen, ohne groß die Farbe zu wechseln.
»Die Butter.«
Term stellte einen Teller mit einem feinen Stück Butter auf Luks Armlehne.
»Verabreiche sie mir.« Gierig sah Luks auf die Butter.
»Butter ist verboten. Die ist nicht gesund für Sie«, spulte Term das Wissen ab, das er bei seiner Einweisung in den Lebensunterstützerdienst hatte auswendig lernen müssen. »Ihr Lebensbaum wird Alarm auslösen, wenn Sie die essen.«
»Nein. Kleinstdosierungen fallen nicht auf. Die Butter!«
»Sie steht doch bei ihnen«, fuhr Term den Alten an.
»Ich kann nicht … reiche sie mir.« Luks drehte seinen Kopf nach Links. Sein stolzer Blick wirkte lächerlich, als er seinen Mund öffnete und hilflos wartete.
Angeekelt nahm Term die dünne Butterscheibe mit den Fingern. Er drückte zu fest zu und sie flutschte ihm aus den Fingern und fiel auf Luks Schulter. »Idiot«, kommentierte Luks sein Versehen. Schnell griff er sie wieder und legte Luks die Butter auf seine vertrocknete Zunge. Speichel und Butter klebten an seinen Fingern und Term eilte angewidert in die Küche, um seine Hände zu waschen.
Im Wohnzimmer lutschte Luks genüsslich die Butter.
Das Ende des Fleischdeputats
»Du hast ihn doch nicht umgebracht! Ich finde den Verdacht der Polizei eine Zumutung.« Seine Mutter war eine schöne Frau. Jedenfalls sagte das sein Vater sehr oft. Auch Lukas, sein Schulfreund, meinte das. Aber für Term war sie einfach seine Mutter. Das Fantastische an ihr war: sie war unkompliziert. Keine langen Reden, keine tausend emotionalen Erinnerungen, wie sehr sie sich wünsche, wie schön es wäre und wie gut es einem selbst täte. Nein, seine Mutter brachte die Dinge auf den Punkt. Ohne Umschweife. Leider setzte sie damit aber auch immer ihren Willen durch. Term mochte zwar nicht immer aufräumen oder Hemden an Geburtstagen tragen, aber dafür trug ihm seine Mutter nichts nach.
»Term, hast du jemanden umgebracht?« Sein Vater stand noch in der Küche, als er die Frage zwischen laufendem Wasser und dampfendem Ofen stellte. »Ah, Mist. Ich habe mir den Finger an der Auflaufform verbrannt.«
Mutter legte ihr Nachrichtenpad weg und schüttelte den Kopf. Dann sah sie mit ihren braunen Augen Term mitfühlend an. Term tippelte mit seinen Füßen auf dem Boden. »Kommst du mit deinem neuen Senior zu Recht?«
»Nein. Er ist ein A …« Seine Mutter sah ihn streng an. Liebevoll oder streng, sie konnte sehr schnell zwischen beiden Stimmungen wechseln, wenn nötig. »Ich kann ihn nicht ausstehen.«
Sein Vater stellte die dunkelblaue Auflaufform auf den Tisch. Sie hatte die Form eines Xes. »Term«, ermahnte ihn sein Vater, während er die Beine des Xes schnitt und Käse-Schinken-Gratin auf den Tellern verteilte. »Du musst lernen mit diesen Aufträgen klar zu kommen. Du sammelst verdächtig viele Mahnungen. Das bleibt doch alles in deiner Akte.«
»Die Akte ist mir egal.«
»Term. Die Akte der AW ist nicht egal. Die Akte bestimmt dein Leben. Geht das in deinen Kopf nicht rein?« Sein Vater strafte ihn wütend mit seinen Blicken. Term verbrannte sich die Zunge.
»Schau Term, das war nicht klug. Dein Vater will nur, dass du daran denkst, was deine Handlungen für Konsequenzen haben. Die Polizei wird bestimmt zweimal nachsehen, weil du so … so wirklich viele und unnötige Ermahnungen hast.« Seine Mutter sorgte sich immer noch wegen des Mordverdachts. Ihre helle Stimme berührte ihn durch seine düstere Genervtheit hindurch.
»Ja. Es tut mir ja leid«, sagte Term leise und etwas komisch. Die Zunge schmerzte noch.
»Du bist doch gar nicht so.« Term nickte.
»Ach er hat doch Recht«, entfuhr es seinem Vater. Das Grau an den Schläfen seines sonst dunkelbraunen Haares erinnerte Term an einen alten Baum, der verwitterte.
»Heinrich?«
»Wenn da nicht die Konsequenzen für sein Einkommen wären, würde ich genauso reagieren.« Sein Vater schnitt das Gratin und aß einen Happen.
»Du bist ja ein schönes Vorbild. Ermutige ihn nur dazu, die Senioren weiter zu ärgern, zu beleidigen. Was hatte er letztens gemacht? Er hat in jede Nahrungskapsel Beta-Carotin gemischt. Heimlich, über Wochen hinweg. Der alte Mann hatte lächerlich ausgesehen. Ein Glück, dass sein Körper das vertragen hat. Ansonsten …«
Bei der Geschichte schien sein Vater beinahe zu grinsen. Zum Glück war die medizinische Seite glimpflich ausgegangen. Term war in der Vorbereitung gewarnt worden, dass jede Nahrungsveränderung zu körperlichen Konsequenzen führen könnte. Aber es war ihm in dem Moment egal gewesen. Er wollte herausfinden, ob der alte Moralbonze orangefarben anlaufen würde. Aber es hätte auch ganz anders ausgehen können, da hatte seine Mutter recht. Wie so oft.
»Schmeckt es dir?«, fragte seine Mutter nach. Term schmeckte wegen der verbrannten Zunge nicht viel, aber es roch gut.
Das Gesundheitsarmband seines Vaters piepte. »Neeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiin. Jetzt schon?«
»Hast du auf der Arbeit Fleisch gegessen? Heinrich?«
»Es war doch nur eine Leberkässemmel.« Echos von Tränen liefen an den Wangen seines Vaters herab. Sehnsuchtsvoll sah er den Schinken im Auflauf an.
Sie haben Ihr Fleischdeputat für diesen Monat aufgebraucht. Sie können bis zum Ersten des nächsten Monates kein Fleisch mehr erwerben und dürfen keines mehr verzehren. Ihr Gesundheitsbetreuer in der Allgemeinen Wohlfahrt ist benachrichtigt. Vergessen Sie nicht: Fleischkonsum beschleunigt den Klimawandel, deswegen wurde er dank dem GNHL stark eingeschränkt. Sehen Sie ihre fleischfreie Zeit als Chance die Welt ein Stück besser zu machen. Als die Computerstimme verstummte, schwiegen seine Eltern. Sein Vater sezierte den Schinken aus dem Auflauf auf seinem Teller heraus. Seine Mutter streichelte seine linke Hand und lächelte ihm mitfühlend zu.
»Ich wäre lieber Mao gefolgt als unter dem Gesetz für nachhaltiges Leben zu existieren«, murrte sein Vater kleinlaut. »Ich esse exakt gleich viel Gramm Fleisch, trinke exakt gleich viel Liter Milch im Monat und habe bestimmt den exakt gleichen Stuhlgang wie jeder 49-jährige Deutsche. Unter Mao konnte man zwar jederzeit zwangsexekutiert werden, aber wenigstens konnten sich die Kommunisten noch besaufen und überfressen.«
»Können wir nach Brasilien fliegen? Einfach mal Urlaub machen?« Traurig stocherte seine Mutter mit der Gabel im Gratin herum. Term fühlte sich sofort schuldig, er wusste, wie gerne sie verreiste.
»Ausgeschlossen, Term. Das Geld haben wir nicht so locker.«
»Wieso denn nicht? Ihr arbeitet beide.«
»Das habt ihr wohl in der Schule noch nicht drangenommen … Du kennst doch das System, dass jeder Jugendliche ab seinem zwölften Lebensjahr als Lebensunterstützer arbeiten muss. In dieser Zeit kannst du dir für deine Rente Zusatzpunkte erarbeiten. Wenn du nicht ordentlich arbeitest oder die Alten beleidigst", Vater hob seine Augenbrauen, »dann bekommst du weniger oder nichts für deine Rente gutgeschrieben. Wenn du ins Arbeitsleben eintrittst, ist dein Guthaben bei null, plus all die Boni … bei dir eher die Mali, die du dir bereits in der Jugend erarbeitet hast. Bei uns Erwachsenen im Arbeitsleben gab es früher mal den Tag des Steuerzahlers. Der sagte aus, bis wann man im Jahr für den Staat arbeitete und ab wann man den Lohn für seine Arbeit für sich behielt. Das war so …«
»Juni. Aber nach der Staatsschuldenkrise, dem Ausbau der Gesundheitssysteme, der Sozialsysteme und der Glückssysteme für alle Bereiche des Lebens sprang der Tag auf September. Wanderte mit der Gründung der Allgemeinen Wohlfahrt in den November und als er auf dem 31. Dezember lag wurde es verboten, über diesen Tag zu reden oder zu schreiben.« Mutter wusste solche Details immer besser als sein Vater.
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