Endlich. Term hatte die digitalisierte Lebensschau vorerst überstanden. Luks war gerade mal ein Jahr oder zwei mit ihm durchgegangen. Auf seiner Festplatte hatte Luks leicht dreißig Mal mehr Bilder gespeichert, als er Tage gelebt hatte.
Terms Blick fiel wieder auf die spielenden Kinder. Sie hatten mittlerweile eine Zweierreihe gebildet und vor einem hölzernen Rosenbogen aufgestellt. Auch Luks starrte sie an, seine Mundwinkel zuckten leicht und Speichel sammelte sich an seinen Rändern. Gaffte er? Was gab‘s denn da zu gaffen? Vor dem Rosenbogen standen zwei kleine Mädchen. Eine übergewichtige Erzieherin stand am Kopf der Zweierreihe und nickte den Mädchen auffordernd zu.
»Was zur heiligen Zermscheiße machen die da?«, entfuhr es Term. Er ging an das große Fenster, um das Geschehen genauer zu beobachten.
»Gab es das zu deiner Zeit noch nicht?«, krächzte Luks von seinem Sessel aus. »Die spielen heiraten.«
Irritiert blickte Term auf die Schulklasse und ging hinaus. »Ey, ich habe dir nicht erlaubt …«, Term hörte nicht mehr auf ihn. Die zwei Mädchen sagten einen Spruch auf, dann umarmten sie sich und gingen durch das Tor. Die Erzieherin klatschte und alle Kinder klatschten mit. Dann ging das nächste Paar an den Rosenbogen.
Term konnte sich nicht mehr gut an seine vierte Klasse erinnern. Er hatte sich gerauft, gelangweilt und vor sich hingeträumt. Er war schon damals aufgefallen, aber hatte noch keine Minuspunkte bekommen – nur Zusatzaufgaben.
»Was ist da hinten los«, unterbrach die Erzieherin die nächste Zeremonie, denn hinten in der Reihe zankten sich eine Junge und ein Mädchen. »Norbert, Kerstin, was habt ihr?«
»Frau Gerrets, Michael will meine Hand nicht halten!«, meinte Kerstin. »Und ich will auch nicht seine Hand halten. Michael stinkt.« Lachen brach unter den Viertklässlern aus.
Frau Gerrets ging auf das Pärchen zu. »Auseinander! Das ist mir sowieso zu heteronormativ. So, Michael du gehst jetzt zu Paul und Kerstin zu Büsra. Wir haben genügend Pärchen für eine Hetero-Heirat. Der Rest soll sich andere Konstellationen suchen. Wer spielt den Intersexuellen«, wollte Frau Gerrets wissen.
»Aber Frau Gerrets, Kerstin habe ich schon letzte Woche geheiratet«, beschwerte sich Büsra.
»Ruhe! Wer spielt den Intersexuellen?« Eine Hand hob sich mit einer grünen Karte, auf der die Rolle vermerkt war. »Gut, dann gehst du jetzt zu Michael und Paul … «
Murren, genervtes Augendrehen und Kichern begleitete die Neuordnung der Pärchen. »Einer fehlt noch«, kam es aus der Gruppe.
»Genau, wo gehörst du hin?« Als Term nicht reagierte, schritt die Erzieherin zu ihm und packte ihn an der Hand. »Wo gehörst du hin?«
Term schüttelte perplex ihre Hand ab. »Nicht in ihre Klasse.«
»Du kannst ja mitspielen. Man ist nie zu alt«, lud sie ihn freundlich ein. »Wir brauchen einen für Paul.«
»Öhm, nichts gegen Paul, aber ich bin nicht schwul«, sagte Term beiläufig, ohne nachzudenken.
»Boaaah, das sagt man nicht. Der hat wohl in der vierten Klasse nicht aufgepasst!« Die Viertklässler warfen ihm böse Blicke zu, wie es nur kleine Kinder konnten.
»Wo gehörst du hin?« Alle Freundlichkeit war aus dem Gesicht der Erzieherin gewichen und sie packte wieder sein Handgelenk.
»Luks.« Term war noch immer völlig perplex. Er hatte es nicht böse gemeint, so wurde unter Jugendlichen gesprochen – wenn niemand in der Nähe war. Mit einem Ruck zog die Erzieherin ihn zu Luks in die Wohnung. »Ihr spielt noch zu Ende, dann habt ihr Pause«, wies sie die Kinder an.
»Gehört der zu ihnen«, verlangte sie zu wissen. »Er hat ein maskulinistisch heterosexuelles Schimpfwort vor meinen Schülern gebraucht! Ich muss eine Mitteilung an die Zentrale schreiben. Ein solches Vergehen muss mit einem Minuspunkt in der Akte geahndet werden.«
»Tun sie das. Er wurde mir heute erst zugeteilt.«
Term sagte gar nichts mehr, rieb sich die Hände und beobachtete Luks und die Erzieherin.
»Ein schönes Spiel, das sie da spielen«, lobte Luks ihre Arbeit und freute sich. »In dem Alter hören die Kinder noch auf die Erwachsenen.«
»Danke.« Draußen heirateten sich die Viertklässler, ein Paar nach dem anderen. Frau Gerrets stützte ihre Arme in die Hüften und blickte stolz auf ihre Kinder: »Ja, in dem Alter tun sie noch, was man ihnen sagt.«
Zufrieden schwiegen die Erzieherin und der Alte für eine Weile und genossen gemeinsam den ordentlichen Ablauf im Garten. Die Kinder dagegen spielten friedlich, wie es ihnen aufgetragen war. Mit albernen Grimassen und Gekicher gingen sie durch den Rosenbogen und als sie fertig waren, begannen die Kinder durch den Schulhof zu rennen. Schnell hatten sie sich auf der Wiese und zwischen den Bäumen verteilt. Das Spiel der Kinder hatte den Alten und die Erzieherinnen beruhigt.
»Gute Kinder«, bemerkte Luks. Frau Gerrets bedankte sich daraufhin, verabschiedete sich und ging zurück auf den Schulhof.
»Ich hau ab.« Term konnte die selbstgerechte Stimmung nicht mehr ertragen.
»Nicht so schnell.« Luks lag regungslos in seinem schwarzen Sessel. Wie eine Folie auf dem Leder. Genau wie vor Stunden, als er begonnen hatte, Term mit seinen Bildern zu belästigen.
»Meine Zeit für heute ist vorbei. Zwei Stunden muss ich per Gesetz ableisten.«
»Hä Hä. Ableisten nennst du es. Hä Hä. Was glaubst du, habe ich mein Leben lang an Steuergeldern diesem Staat abgeleistet. Da hat mich keiner nachgefragt. Hä Hä … leisten. Das ganze Geld gehört dem System.«
»Ich habe aber gar kein Geld«, erwiderte Term.
»Nein. Aber Zeit … und Zeit ist … Hä Hä.« Luks hatte einen perversen Spaß an dem Vergleich. Term hasste ihn dafür.
Er fühlte sich schuldig. »Du sollst nicht hassen.« Das hatte der papua-neuguineische Priester im Religionsunterricht mit seinem lustigen Akzent gesagt. Das hatte ihm aber auch seine Oma gesagt. Term wollte nicht hassen. Aber er tat es.
»Bring mir meinen Kaffee und Kuchen. Die fünf Minuten länger bringen dich nicht um.« Luks Körper schien auf dem Sessel zu flattern. Anscheinend fand er schon wieder etwas an seinem letzten Satz lustig. Seine verbliebenen Brustmuskeln zitterten und sein Körper wackelte und flatterte. Das war sein Lachen.
»Und Term, schneid mir eine hauchdünne Scheibe von der Butter ab.« Die seltsame Bitte erreichte ihn in der Küche.
Kaffee und Kuchen waren ein schlechter Witz. Koffein würde Luks in seiner medizinischen Verfassung umbringen. Genauso wie der Zuckerschock eines Käsesahnekuchens. Selbst die Glasur eines gesunden Obstkuchens mit frisch gepflückten Beeren könnte ihn unter die Erde bringen. Alles was Term im Kühlschrank fand war eine kleine Kapsel, doppelt so dick und hoch wie sein Daumen, mit der Aufschrift »Kaffee und Kuchen, Dienstag«. Und die Butter.
»Danke, Junge.« Term konnte die Bezeichnung nicht ausstehen »Steck sie an meinen Lebensbaum an. Die gelbe Öffnung ist es.«
»Weiß ich. Das weiß doch jeder. Auf der Kapsel ist auch extra ein gelbes Symbol.« Term war genervt. Die Alten mussten immer alles erklären. Immer und immer wieder. Die Flüssigkeit war braun-weiß und sehr dick. Langsam floss das Geschmacksimitat durch die Schläuche. Wieder beobachtete Term den Alten. Menschen reagierten auf Kaffee und Kuchen. Sein Vater atmete laut und glücklich aus nach einem ersten Nippen. Seine Mutter biss gerne auf frisches Obst. So, dass es knack machte. Seine Oma wurde richtig aufgedreht vor Freude, wenn sie Sahne aß – wahrscheinlich hatte Term seine Sahnesucht von ihr. Jonas, sein Schulfreund, verzog dagegen das Gesicht, wenn er Kaffee trank. »Ist ne bittere Sache, aber die Mädels finden‘s gut. Du lehnst dich an die Mauer, nimmst lässig die Tasse und nickst den Mädels zu.« Term war nicht ganz überzeugt von Jonas‘ Mädelsgeschichten. Der Punkt aber war: Jonas Körper reagierte auf Kaffee.
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