Ich sage es ihr so schonend ich kann und sehe Entsetzen in ihren graublauen Augen.
Sie ruft „Oh nein!“, und schlägt die Hände vor den Mund. Ich umarme sie noch einmal, dieses Mal länger. Und siehe da, die Selbstbeschwörung im Auto hatte Erfolg. Meine Augen werden nicht mal feucht, geschweige denn, dass ich heulen muss. Bitte, geht doch.
„Es sind noch Untersuchungen zu machen, das Ergebnis der Biopsie steht noch aus, das Tumorboard muss eine Behandlungsempfehlung liefern.“
Ich erkläre ihr alles, was ich weiß, verschweige aber meine Gedanken über Sterben und Tod. Bis jetzt läuft es prima. Da ich nicht weine, kann sich auch Anna beherrschen. Es ist viel besser so. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn wir hier beide in Tränen erstickt zeternd und plärrend am Boden lägen.
Wegen solcher Schicksalsschläge sind schon ganze Familien zerbrochen. Das hätte mir gerade noch gefehlt. Ich fühle mich bestätigt. Wenn ich die Nerven behalte, regen sich die anderen auch nicht unnötig auf.
Anna, mit der ich seit neunzehn Jahren verheiratet bin, arbeitet in der Pharmaforschung. Eigentlich ist sie Biologin. Sie sagt, die Medizin habe gerade bei Darmkrebs in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht.
Ich weiß, warum sie mir das erzählt. Sie kennt die Geschichte mit meiner Großmutter und will mich beruhigen. Hoffentlich hat sie Recht, denke ich bitter. Anderenfalls muss sie unsere Silberhochzeit in sechs Jahren ohne mich feiern.
Mir fällt ein Arztwitz ein: Fragt ein Patient seinen Arzt, ‚Herr Doktor, wie lange habe ich noch?‘ Sagt der Arzt: ‚Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich an Ihrer Stelle würde mir für den Bus eher keine Jahreskarte mehr kaufen.‘ Haha.
Kurios, dass ich gerade an die Silberhochzeit gedacht habe. Dabei hätten wir überhaupt nicht geheiratet, wenn Anna nicht dringend eine Arbeitserlaubnis gebraucht hätte. Sie ist Polin. Wir hatten uns an der Uni in Göttingen kennengelernt. Ich studierte Jura, Anna schrieb an ihrer Doktorarbeit. Ich traf sie bei der Examensfeier eines Nachbarn im Studentenwohnheim und verliebte mich sofort in sie.
Niemals werde ich vergessen, wie sie aufgebackene Baguettes aus dem Ofen holte und in der Drehung beinahe mit mir zusammenstieß. Anna hat Augen wie das Mittelmeer an seichten Stellen, so ein Blassblau, das ins Graue überzugehen scheint, und flachsblonde, dicke Haare, die sie zu einem Zopf geflochten hatte.
Zuerst ignorierte sie mich hartnäckig, ließ sich aber irgendwann doch zu einem Treffen überreden. Ich versuchte, sie mit Wodka Lemon betrunken zu machen, und scheiterte kläglich. Anna verträgt unglaublich viel Alkohol, sodass am Ende des Abends nicht sie, sondern ich randvoll war. Wenigstens schaffte ich es, mich halbwegs unfallfrei von ihr zu verabschieden. Sie erzählte mir später, dass sie meine Bemühungen an diesem Abend sehr amüsierten.
Ich brauchte also einen neuen Plan und versuchte es mit einer Einladung zum Essen. Erst als ich sie mit Seezunge in Champagnersoße bekochte, nahm sie mich ernst und verabredete sich von nun an öfter mit mir. In mich verliebt hat sie sich wohl aber erst mehrere Monate später. Wir waren zunächst lose verbandelt.
Das änderte sich, als wir zum Spaß auf dem Weg zur Mensa beim Studentenwerk vorbeischauten und durch einen reinen Zufall auf eine wunderschöne freie Wohnung in einer Jugendstilvilla im Göttinger Ostviertel aufmerksam wurden. Es handelte sich um eine Liegenschaft, die das Studentenwerk ursprünglich zum Verkauf vorgesehen hatte, nun aber mit neuen Mietern belegen wollte. Darum gab es für das Haus auch keine Warteliste. Wer sich meldete, konnte sofort einziehen. Frei war allerdings bloß noch die ehemalige Hausmeisterwohnung, wegen der Größe jedoch nur für zwei Mieter. Wir überlegten ein paar Minuten und füllten kurzentschlossen den Antrag aus, weil wir beide in winzigen Wohnheimzimmern hausten, die einzeln mehr kosteten als die große Wohnung geteilt durch zwei. So kam es, dass wir mit einem Mal zusammenwohnten, noch bevor wir ein richtiges Paar wurden. In unserer romantischen Villen-WG wuchs ganz allmählich unserer Liebe.
Fachlich war Anna dagegen überhaupt nicht glücklich, weil sie im Zoologischen Institut von einigen anderen Doktoranden gemobbt wurde. Dabei war sie die Einzige, die bereits als Diplomandin eine echte wissenschaftliche Entdeckung auf dem Konto hatte. Anna forschte nämlich an Heuschrecken, die sie und ihre Kollegen in der Umgebung Göttingens und andernorts einfingen, um die Funktionsweise ihrer Gehirne zu erforschen. Das Ganze lief unter der Überschrift ‚Erforschung neuronaler Netze‘.
Anna hatte bereits im Rahmen ihrer Diplomarbeit den Botenstoff identifiziert, der Heuschrecken zum Singen bringt. Sie hatte dafür die Substanz, die man für gesangsauslösend hielt, einer Heuschreckenart ins Hirn gespritzt, die in der Natur niemals sang und sie mit dem eingesetzten Botenstoff unter Laborbedingungen zum Zirpen gebracht. Die damit verbundenen Erkenntnisse reichten locker für eine Doktorarbeit, sodass Anna sich nicht sonderlich anstrengen musste.
Ein paar ihrer Kollegen machte das offenbar neidisch und die drangsalierten sie, wo es nur ging. Eines Tages besuchte Anna einen Neurobiologenkongress, wo ihr ein befreundeter Wissenschaftler das perfekte Jobangebot machte. Ein Pharmaunternehmen suchte osteuropäische Muttersprachler mit naturwissenschaftlichem Hintergrund für die Durchführung klinischer Studien in Polen, Tschechien, Russland und so weiter. Anna überlegte nicht lange und nahm an.
Leider hatte sie in der großen Freude nicht bedacht, dass ihre Arbeitserlaubnis und auch ihre Aufenthaltserlaubnis sich nur auf die Arbeit als Doktorandin an der Göttinger Uni bezogen. Als sie das erkannte, war es bereits zu spät: Der Arbeitsvertrag war unterschrieben, die Doktorandenstelle gekündigt, Ihr Doktorvater war stinkwütend auf sie. Ihr Arbeitsvertrag war aber ohne Arbeitserlaubnis wertlos. Und ohne Job würde umgekehrt ihre Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert werden, weil Polen damals noch kein Mitglied der Europäischen Union war.
Als sie mir davon erzählte, regte ich mich zunächst furchtbar auf. Volkswirtschaftlich war es doch totaler Irrsinn, auf fremde Kosten bestens ausgebildeten jungen Fachkräften zu verbieten, gut bezahlte Jobs in Deutschland anzunehmen. Im Gegensatz zu den meisten damals massenweise legal einwandernden deutschstämmigen Aussiedlern aus Osteuropa sprach Anna nahezu perfektes Deutsch, würde vom ersten Tag an in die Sozialkassen einzahlen und brachte zudem noch nicht einmal ihre Familie mit. Gar nicht davon zu reden, dass den Job ja ohnehin nur jemand machen konnte, der gar nicht in Deutschland aufgewachsen war.
„Ich muss wieder zurück nach Warschau gehen“, sagte Anna.
„Auf keinen Fall!“, antwortete ich.
Es war zum Haareraufen.
„Lass uns heiraten. Dadurch sind alle Probleme auf einen Schlag erledigt: Als meine Ehefrau bekommst Du automatisch eine Aufenthaltserlaubnis. Damit verbunden ist selbstverständlich eine unbeschränkte Arbeitserlaubnis, denn wer sich rechtmäßig und unbefristet in Deutschland aufhalten darf, hat auch das Recht, sich eine Arbeit zu suchen.“
„Und was ist, wenn es mit uns nicht funktioniert?“, fragte Anna.
„Dann lassen wir uns eben wieder scheiden. Aber ich werde mir von den Behörden nicht vorschreiben lassen, mit wem ich wie lange zusammenleben darf.“
Wir begriffen schnell, dass es für einen Deutschen gar nicht so leicht war, eine Ausländerin zu heiraten. Man stellt sich das wesentlich unkomplizierter vor, als es in Wahrheit ist. Wir benötigten ein Ehefähigkeitszeugnis nach Paragraf 1 Ehegesetz. Wir lernten, dass das erforderliche Dokument in Polen nur ausgestellt werden konnte, wenn wir zuvor ein Ehefähigkeitszeugnis von einem deutschen Standesamt vorlegen würden. Aber wenn es möglich gewesen wäre, das Dokument in Deutschland zu beantragen, hätten wir es ja gar nicht in Polen beschaffen müssen. Nach etlichem Hin und Her mit deutschen und polnischen Bürokraten gab ich schließlich auf. Ein Freund hatte mir geraten, doch ganz einfach in Dänemark zu heiraten, weil das wesentlich einfacher sei. Er musste es wissen, denn er hatte vergangenes Jahr eine Nicaraguanerin geehelicht.
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