Nein, LaoWai hat keine Bedenken, Veneta in die Pekingoper mitzunehmen, sitzt mit ihr in der vorderen Reihe, dass ihr nichts entgeht. Es ist des Mädchens erster Opernabend, und nun ist der Großvater überrascht, weil das Kind zweimal weint, laut genug, dass sich ihr die Opernfreunde rundum teilnehmend zuwenden: Zu Beginn des Abends, als unter dem schrillen Klang der Flöten und Holzfische ein gewaltiger Krieger mit seinem Schwert zur Rampe tritt. Ach, sie weiß ja nicht, dass der im Gesicht rotbemalte General ein gutmütiger, jedenfalls gerechter Kerl ist. Zum zweiten Mal fließen die Tränen am Ende der Aufführung, als der letzte der Schauspieler die Bühne verlässt, ohne Wiederkehr.
(September 1991)
Als er ihr ein Kästchen mit alter chinesischer Medizin reichte
Keine Zwingen. Keine Schrauben.
Nur Natur.
Ich erfuhr:
Schlucken heißt, du musst dran glauben.
(Peking, den 15.4.1992)
Einmal noch nach Hangzhou
Für Dietmar Beetz und Werner Heiduczek
Die unbekannte Gottheit achte ohne Arg, vor allem wünsche und erhoffe dir nichts. LaoWai weiß es inzwischen, aber doch erst, seit der Himmel, gnädig und ungnädig, eine Sehnsucht gestillt hat: Hangzhou.
Gewiss war es unbedarft, zumindest unbescheiden, die Leitung des chinesischen Schriftstellerverbandes zu bitten, neben den Metropolen am Perlfluss und am Ausgang des Yangzi auch Hangzhou in den Reiseplan zu setzen. Von dort waren erst vor Kurzem die Bilder eines Taifuns um die Welt gegangen, der die Stadt im Frühsommer streifte. Doch die neu geknüpften Bande, die Schriftsteller aus Peking, Shanghai und Kanton mit denen aus Berlin, Leipzig und Erfurt enger verbinden sollten, waren zu unerprobt, als dass der schon betagte Leiter der Auslandsabteilung den Wunsch der drei Deutschen hätte ablehnen wollen. "Schaut, und versucht euer Glück, wir helfen euch."
Denkt LaoWai an Hangzhou, sieht er die Platanen am Ufer des Westsees zerschlagen und zerspellt, niedergebrochen mancher Pavillon, auch in der Altstadt geborstene Bäume, abgestützt und dick mit Hanfseilen umwickelt. Nur alle hundert Jahre kommt solch ein Sturm über die Stadt. Den geduckten Teefeldern unterhalb der Hügel konnte er nichts anhaben.
Ganz still ist das Wasser des Westsees, noch stört der gleichförmige Ruderschlag den Kormoran nicht, im künstlichen See sitzt er auf einer künstlichen Klippe und hält Ausschau nach einem Fisch. Leb' wohl, Kormoran, wir werden dir nicht zu nahe kommen.
Auf dringlichen Wunsch der Gäste - abends Oper. Gespielt wird in einem weiträumigen Saal, weiträumig auch die Bühne. Dreißig Jahre lang ist LaoWai nicht mehr in China gewesen, nun kann er es nicht fassen, dass sich der Zuschauerraum nicht recht füllen will, hier und dort Familien oder Freunde, zumeist aber alte Leute, die dem nicht besonders aufregenden Treiben auf der Bühne distanziert folgen, mit mäßigem Beifall jedenfalls, Verwechslungsgeschichte mit Liebe und Eifersucht, kunstvolle Arien, schmetterndes Holzfischgetrommel - bis sich der Himmel einmischt und ein Wasserschwall auf das Paar stürzt. Noch überlegt LaoWai, dass er solch naturalistischen Bühneneffekt noch nie in einer chinesischen Oper gesehen hat, als ein Raunen durch den Saal geht. Die umworbene Schönheit streift mit gewohnter Geste, nur umständlicher, die durchweichten langen Ärmel zurück, lächelt die Winzigkeit einer Sekunde - heftiger Beifall; LaoWai wendet sich in den Saal, auch dort, verschiedentlich, Wasser von oben. Nun weicht man in den Reihen aus, aber weicht nicht. Und Donnergrollen, der Drachenkönig kehrt zurück.
Anderntags fahren die drei Deutschen im temperierten Gästeauto zum Kloster der Verborgenen Seelen; noch ehe sie in der Eingangshalle den aus einem Kampferstumpf geschnitzten Maitreya zu Gesicht bekommen, tauchen sie in das Geschrei zudringlicher Verkäufer; die bieten Gebetsketten, geschnitzte Buddhas, heiligen Krims an. Gut, einer alten Frau nehmen sie ein Bündelchen Räucherstäbe ab, das wird brüderlich zwischen Erfurt, Leipzig und Berlin geteilt. Schon halten sie die Stäbchen wie es sich gehört. Sie nähern sich der Haupthalle, wo, überwölbt von einem Baldachin, die Figur des Shakyamuni auf dem Sockel thront. Ein Mönch bietet Feuer für die Weihrauchstäbchen. "Nun sollten wir auch beten", sagt Werner H. dem Berliner. "Ja, du zuerst", bekräftigt Dietmar B., "du kennst dich aus".
Weit - in Berlin, Leipzig, Erfurt - die Parteisekretäre (und Bischöfe). LaoWai kniet nieder vor dem riesigen Buddha, beugt sich zur Erde, tausend Gedanken jagen durch den Kopf, wie zufällig das alles, wie flüchtig, beugt sich ein zweites Mal. Werden die zerspellten Bäume je zusammenwachsen? Am End' ist es fast ein Gebet, inbrünstig und still: "Einmal noch nach Hangzhou!"
Die temperierte Limousine bringt die drei rasch aus der Stadt, an Teeplantagen vorbei, Bambuswäldchen. Hinter Reisfeldern der Flugplatz. Abschied wie alle Abschiede. Aber der Flug nach Kanton wird nicht aufgerufen. Dann wird eine Verspätung gemeldet, die Ansage wird wiederholt und wird immer vager. Die es eilig haben, ziehen nervös an ihrer Zigarette, jemand fragt, was CAAC heiße und antwortet selbst: "China Airways always cancel!" Ein ägyptischer Physikprofessor mit Schweizer Pass, der immer mit CAAC fliegt, wenn er zu den Computerspezialisten unterwegs ist, die er ausbildet, ergänzt sarkastisch: "China Airways always crash!"
Ein neues Gewitter zieht herauf. Es ist kein Flugzeug zerschellt, es fehlt einfach eins, das schadhafte zu ersetzen. Nach vier Stunden Wartens wird für diesen Tag der Flug nach Kanton abgesagt. Unter dem Gewitterhimmel retten sich drei Deutsche in ein Taxi. Und nun geht es:
Einmal noch nach Hangzhou.
(1988)
Weng ma mi ba mi hong! ist die Formel stiller Einkehr. Dicht daran, ihr Geheimnis zu erfahren, hat LaoWai unbedacht oder einer schnöden Tasse Kaffees wegen die Glückseligkeit verwirkt. Denn wo begegnet der Mensch, ob Lektor, Bote, Redakteur, Layout-Frau, ob Übersetzerin oder Schreibmaschinenkraft, des Tages stillem Glück? –
In der Zehnuhrpause.
Fünfzehn Minuten gesteht das staatliche Verlagshaus jedermann zu. Du schreitest fröhlich aus dem Arbeitszimmer, hallend singst du in Gang und Treppenflur einen Part Pekingoper; du forderst deinen Nachbarn zu einer Runde Go oder Schach heraus, die Kiebitze beraten dich; du eilst zu deinem Qigong -Lehrer, um zu atmen; du rauchst eine Tabakspfeife; du kletterst unters Dach zum Tanz oder nimmst, lärmend angefeuert, am Pingpong-Turnier gegen die Nachbarstube teil; du greifst zum Schwert, wirst, wenn du dir Mühe gibst, es schwingen wie der Kriegsgott selbst. Das ist, wie alles Übrige, in einer Viertelstunde nicht zu schaffen, und jeder sieht es ein.
LaoWai aber geht eine Tasse Kaffee trinken. Im großen Ess- und Versammlungssaal hat die Leitung des Hauses für eine durch Blumen abgetrennte Ecke eine Konzession vergeben. Dort treffen sich die ausländischen Mitarbeiter verschiedener Nationen, eigentlich arme Schweine (obwohl siebenmal reicher als ihre chinesischen Kollegen), kauen einen Keks und bereinigen, im Unterschied zu den Regierungen, friedlich die Querelen der Epoche.
Auf seinem Wege zur geheimen Weltregierung ist LaoWai auf dem Hofe eines Tages auf Leute jungen und mittleren Alters gestoßen, die in sich gekehrt ein paar einfache, zudem langsame Bewegungsübungen machen, immer wieder angestachelt durch den überraschenden wie erlösenden Ruf hsiang. Das kannst du ebenfalls, denkt er, wird freundlich in die Runde aufgenommen, ruft endlich auch hsiang, was mit nachsichtigem Lächeln quittiert wird - und trollt sich fort zu den Weltproblemen.
Das wiederholt sich zwei, drei Tage, wobei er inzwischen rausgekriegt hat, dass hsiang "Es duftet!" heißt. Damit können, so früh im Jahr, kaum die bescheidenen Hibiskusblüten gemeint sein, denkt er, schon gar nicht ein heranschwebender dunkler Schwaden vom Heizhaus-Duft von innen gewiss, erlöst durch Gemeinsamkeit.
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