Natürlich hatte es im Vorfeld, nachdem der junge Herr, David Fairfax, das Personal darüber informiert hatte, dass sein Vater überraschend in Frankreich geheiratet habe, Spekulationen darüber gegeben, wie die neue Mylady wohl sein würde. Lady Margaret, die erste Frau von Lord Fairfax, von der der noch im Elternhaus lebende Sohn und auch eine in Australien lebende verheiratete Tochter stammten, war eine schöne, schlanke, hochgewachsene blonde Patrizierin mit überaus aristokratischen Gesichtszügen gewesen, die leider vor einigen Jahren an einer schweren, kurzen Krankheit verstorben war. Nun war eigentlich davon auszugehen gewesen, dass der Herr sich eine ähnlich schöne Frau in seinem Alter erwählt hatte. Man hatte natürlich auch gehofft, dass die neue Herrin des Hauses der englischen Sprache mächtig sein würde, worüber der junge Herr den Butler aber bereits beruhigt hatte.
„Die adligen Familien in Frankreich haben meistens englische Gouvernanten, so dass die Kinder unsere Sprache sehr früh lernen“, hatte er Mr. Hotchkins wissen lassen.
Diskret, aber einige auch mit unverhohlener Neugier, betrachteten die Dienstboten nun die elegante Erscheinung, die graziös an der Seite ihres Ehegatten die Treppe zur Haustür hinaufschritt. Vor der Tür hielt der Hausherr seine frisch Angetraute zurück.
„Moment, Madeleine“, sagte er und lächelte. Dann reichte er dem Butler Gehstock und Zylinder und schlang den rechten Arm um ihren Oberkörper, nahm mit dem linken ihre Beine und trug sie über die Schwelle. Die Bediensteten mussten lächeln, wagten aber sonst keine Gefühlsäußerung.
Als Richard Madeleine im Vestibül wieder absetzte, konnten die Angestellten sie genauer betrachten: eine Schönheit, zweifellos, aber ganz anders, als man erwartet hatte. Dass sie ihrem Ehegatten gerade einmal bis zur Schulter reichte, war das, was am wenigsten überraschte. Denn auch ansonsten war sie das genaue Gegenteil von Lady Margaret: Im Gegensatz zur ersten Ehegattin, die über einen weißen, fast durchsichtigen Teint verfügt hatte, hatte Lady Madeleines Haut eine eher bräunliche, beinah in den Olivton gehende Farbe, was mit Sicherheit der in Südfrankreich glühenden Sonne geschuldet war und sich im englischen Klima vermutlich bald geben würde. Das Haar war von einem tiefen Schwarz, ebenso wie die Augenbrauen und Wimpern, wobei erstere zu einem schlanken, eleganten Bogen gezupft waren und letztere eine überaus verführerische Länge aufwiesen. Das Bemerkenswerteste aber waren die flaschengrünen Augen – Katzenaugen, wie Mrs. Pemperton später im Souterrain sagen würde. Am meisten überrascht war man indes über das Alter der neuen Herrin, die mindestens zwanzig Jahre jünger war als ihr Ehegatte.
„Hoffentlich bekommt er keinen Herzinfarkt, wenn sie … wenn er zu ihr ins Bett … “, lästerte Alfred, als sie sich im Aufenthaltsraum für die Dienstboten später unterhielten, doch er konnte seinen Satz nicht beenden, denn Mr. Hotchkins fuhr energisch dazwischen: „Das reicht, Alfred!“ „Wenn sie was?“ fragte Alicia, die noch nicht viel mit Männern zu tun gehabt hatte, naiv, doch die Antwort auf diese Frage wurde ihr an diesem Tage nicht zuteil.
„Willkommen zu Hause, Mylord. Mylady, herzlich willkommen in Ihrem neuen Heim. Und unseren allerherzlichsten Glückwunsch zu Ihrer Vermählung.“ Hotchkins verbeugte sich formvollendet: „Das Personal ist vollständig versammelt.“
„Danke, Hotchkins.“ Richard nickte dem Butler huldvoll zu und begann, Madeleine das Personal vorzustellen und Madeleine bemühte sich, sich die Namen sofort zu merken, was ihr auch gelang, da sie ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte.
„Ich bedanke mich für den freundlichen Empfang“, Madeleine lächelte mindestens ebenso huldvoll wie Richard. „Und ich bin sicher, dass wir gut miteinander auskommen werden.“
„Die spricht aber gut Englisch!“ raunte Hillary der Köchin, wie sie meinte, leise, aber doch so laut zu, dass Richard und Madeleine es hören mussten, „und wie eine Bäuerin sieht sie auch nicht aus!“
Dass sie sich für diese Bemerkung unweigerlich einen schmerzhaften Stoß in die Rippen von Mrs. Pemperton zuzog, wäre ihr ihm Vorhinein bewusst gewesen, wenn sie ein wenig intelligenter gewesen wäre. Madeleine beschloss, diese eigentlich freche Bemerkung nonchalant zu ignorieren. Außerdem hatte sie damit gerechnet, dass das Personal im Vorfeld Vermutungen über ihre Herkunft und ihren Charakter angestellt haben würde. Stattdessen ging sie einen Schritt auf Miss Parker zu, die Richard ihr als ihre zukünftige Kammerzofe vorgestellt hatte. Ihre eigene Zofe hatte nicht nach England mitkommen wollen, weil sie kein Englisch sprach. Madeleine bedauerte das sehr, denn sie war eine geschickte Friseuse, der es nie an Phantasie fehlte, wenn es darum ging, Madeleines hüftlanges rabenschwarzes Haar kunstvoll zu gestalten.
„Ich erwarte heute Abend noch mein übriges Gepäck – es wäre sehr schön, wenn Sie sich um meine Kleider kümmern würden, sie werden in den Koffern arg zerdrückt sein. Die Herren“, sie nickte zu Alfred Wilkins und dem Butler, „werden Ihnen sicher mit dem Tragen behilflich sein. In den Kisten sind Bücher, die können Sie in die Bibliothek stellen und öffnen, sortieren werde ich sie selber.“
„Selbstverständlich, Mylady“, sagte Miss Parker, bei der es sich um eine ältliche Jungfer von kleiner Gestalt mit säuerlich verkniffenem Mund handelte, und machte einen Knicks.
„Wir sollten ins Wohnzimmer gehen, David wartet sicher schon auf uns“, bemerkte Richard und nahm Madeleine den Nerz von den Schultern, um ihn Hotchkins zu reichen.
Madeleine hatte vor diesem Augenblick die größte Angst gehabt. Wie würde Richards Sohn sein? Und vor allem: Wie würde er auf sie reagieren? Immerhin hatte sie mit Richard auch einen erwachsenen Stiefsohn geheiratet und eine Tochter, die aber weit weg mit ihrer Familie in Australien lebte.
Forschen Schrittes trat Richard auf eine der vielen Türen in der Einganghalle zu, so dass Hotchkins Mühe hatte, ihm zuvorzukommen, um ihm die Tür zu öffnen. Eigentlich hatte Madeleine erwartet, dass David seinem Vater ähneln würde, doch der sehr schlanke junge Mann – durchaus gutaussehend mit einem kleinen Schnurrbart – war offenbar mehr nach seiner Mutter geraten. Er war noch einen halben Kopf größer als Richard und überragte sie, Madeleine, also um eineinhalb Köpfe. Als sie eintraten, beeilte er sich, sich vom Sofa zu erheben, wo er in einer Zeitung gelesen hatte. Vater und Sohn umarmten sich.
„Herzlichen Glückwunsch, Vater“, sagte er und klopfte Richard auf den Rücken. Richard versteifte sich dabei ein wenig, was Madeleine mit einem gewissen Staunen zur Kenntnis nahm.
„Danke, mein Junge. Das ist Madeleine“, sagte er ein wenig steif und bedeutete mit einer Geste Madeleine, näher zu kommen.
David trat auf sie zu, nahm ihre rechte Hand und deutete einen zarten Handkuss an. Als er sich wieder aufrichtete und ihr in die Augen sah, zuckte so etwas wie ein Blitz durch ihre Adern. David sah ihrem Mann zwar äußerlich nicht besonders ähnlich, aber er war irgendwie doch seines Vaters Sohn, eine jüngere Ausgabe von ihm.
Und auch David schluckte, bevor er mit etwas rauer Stimme herausbrachte: „Herzlich willkommen, liebe Stiefmutter.“ Er zwinkerte ihr zu.
„Wage es ja nicht, mich so zu nennen!“
Madeleine zwinkerte ebenfalls, und sie bemerkte, dass David ihre Hand noch immer in der seinen hielt. Erst langsam ließ er sie los und zuckte erst zurück, als Madeleine ihm ihre Hand rasch entzog, weil sie Richards Blick in ihrem Nacken brennen spürte, und für einen Augenblick trat eine ein wenig peinliche Stille ein.
Hotchkins rettete die Situation, indem er Champagner kredenzte.
„Ich dachte mir, ein kleiner Willkommenstrunk wäre recht“, sagte David mit Blick auf den Butler, und immer noch mit etwas belegter Stimme, wendete sich an Madeleine und fragte, „du trinkst doch Champagner?“
Читать дальше