Hastig nestelte er an seiner Fracktasche und zog das Kästchen mit dem Ring hervor.
„Er ist zu groß“, stellte er enttäuscht fest, nachdem er ihr den Ring über den Ringfinger gestreifte hatte.
„Steck ihn auf den Mittelfinger“, sagte Madeleine, „wir können ihn später einmal kleiner machen lassen.“
Richard tat, wie ihm geheißen und nahm Madeleine in seine Arme.
„Wie Sie sicher vermuten, wollte ich Sie allein sprechen, Lord Fairfax“, eröffnete Jean-Pièrre das Gespräch.
„Selbstverständlich habe ich damit gerechnet. Ich stehe Ihnen Rede und Antwort. Ihre Schwester hat mir schon gesagt, dass Sie nach dem Tode Ihrer Eltern so etwas wie die Vaterstelle bei ihr vertreten.“
Jean-Pièrre führte Richard an ein Regal, auf dem in teilweise verstaubten Flaschen geschätzte hundert verschiedene Cognacs darauf warteten, verkostet zu werden. Jean-Pièrre griff zielsicher nach einer Flasche und goss von der klaren dunkelbraunen Flüssigkeit großzügig etwas in zwei prachtvolle Kristallgläser.
Der Cognac war über siebzig Jahre alt, wie das Etikett verriet, und schmeckte vorzüglich. Genießerisch sog Richard zuerst den Duft ein und ließ dann das Getränk, das lange vor seiner Geburt hergestellt worden war, zuerst im Glas hin- und herkreisen und dann im Mund hin- und herwandern, bevor er es die Kehle hinabrinnen ließ.
„Ich sehe, ich habe es mit einem Kenner zu tun“, bemerkte Jean-Pièrre zufrieden.
„In der Tat interessiere ich mich für Wein und auch Cognac. Wir Engländer sind nicht solche Banausen, was kulinarische Dinge betrifft, wie in Frankreich immer behauptet wird.“
„Ich kann Ihnen versichern, dass ich diese Auffassung meiner Landsleute nie geteilt habe – Madeleine übrigens auch nicht.“
Richard ahnte, dass sie nun beim eigentlichen Thema angekommen waren und wartete ab.
„Meine Bedenken bezüglich Ihres – Verzeihung – Alters hatte ich Ihnen bereits mitgeteilt. Aber wenn es Madeleine nicht stört, sollte es mich auch nicht stören, wie Sie damals richtig bemerkt haben.“
„Was ist es dann?“ fragte Richard angriffslustiger, als er es beabsichtigt hatte.
„Wenn ich ehrlich bin, vermutlich einfach der Gedanke, dass meine kleine Schwester nicht mehr in meiner Nähe sein wird, ich nicht mehr auf sie aufpassen kann.“
Richard lächelte. „Das wird ab jetzt meine Aufgabe sein, denke ich. Und: England ist nicht aus der Welt … Sie und Ihre Gattin sind uns jederzeit herzlich willkommen. Außerdem musste ich Madeleine versprechen, dass wir jeden Sommer hier verbringen.“
Jean-Pièrre lächelte. „Lassen Sie mich einige Dinge über meine Schwester sagen“, begann er. „Dass ich damals auf Ihr Alter angespielt habe, hat einen gewissen Grund. Sie sind genau das, was man sich unter einem englischen Gentleman vorstellt: distinguiert, aus bester Familie, reich, mit einem gewissen Standesbewusstsein. Und mit erheblichem politischen Einfluss.“
Richard blickte auf.
„Ja, mein lieber Richard, ich habe meine Hausaufgaben gemacht und gebe zu, dass ich Erkundigungen über Sie eingezogen habe, äußerst diskret natürlich. Sie sind, wie man so schön sagt, eine sehr gute Partie. Worauf ich aber hinauswill ist die Tatsache, dass meine kleine Schwester nicht einfach ist. Sie hat Ihren eigenen Kopf und ist sehr selbstständig. Andere würden sagen: kapriziös. Ich fürchte, sie wird sich nicht viel von Ihnen sagen lassen, auch wenn Sie ihr Ehemann sind. Sie ist vielleicht nicht so, wie sich ein Mann Ihrer Generation und Ihres Standes eine Ehefrau vorstellt ...“
„Jean-Pièrre, was ich mir seit dem Tod meiner ersten Frau wünsche, ist erneut eine Partnerin an meiner Seite, kein dekoratives seidenes Sofapüppchen, das man bei offiziellen Gelegenheiten hervorholt, um damit anzugeben und es bewundern zu lassen, um es ansonsten in den Wänden des Hauses einzumauern oder in eine Vitrine zu stellen. Ich bin, wenn ich das so sagen darf, ein erfahrener Ehemann, und ich weiß, dass es in jeder Ehe auch Schwierigkeiten geben kann. Auch mit meiner ersten Frau habe ich bisweilen … diskutiert.“
„Das werden Sie mit Madeleine vermutlich sehr häufig tun müssen. Sie ist sehr selbstständig, und sie hat lange allein gelebt. Sie hat mehr oder weniger immer genau das getan, was sie wollte.“
„Ich werde damit umzugehen wissen“, sagte Richard im Brustton der Überzeugung und genoss den letzten Schluck von dem herrlichen Cognac.
„Sagen Sie nachher bitte nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Ach ja, da ist noch eine Sache ...“
Richard blickte zu seinem zukünftigen Schwager und wartete ab.
„Ich kann Ihnen nicht garantieren ...“
„Was?“
„Dass … äh … dass sie noch Jungfrau ist“, brachte Jean-Pièrre schließlich ein wenig verlegen hervor.
„Nun ... das habe ich auch nicht erwartet, sie ist immerhin über dreißig und eine sehr schöne Frau. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich ihr erster Verehrer bin, wenn ich es einmal so formulieren darf.“
„Dann ist es ja gut. Ich möchte nur nachher keine … Reklamationen.“
Da sprach der Geschäftsmann und Jean-Pièrre merkte an Richards Blick, dass diese Bemerkung eher unpassend war. Er versuchte, es zu überspielen, indem er Richard noch einen Cognac anbot.
„Dann darf ich wohl als Älterer meinem neuen Schwager das Du anbieten“, sagte Richard, um ebenfalls die etwas peinliche Situation zu überspielen. Jean-Pièrre und er stießen an, und nachdem sie den Cognac schweigend genossen hatten, bemerkte Richard: „Wir sollten die Damen nicht länger warten lassen.“
„Nein, das sollten wir nicht. Madeleine ist zuzutrauen, dass sie hier hereinplatzt, wenn es ihr zu lange dauert.“
Gemeinsam gingen sie in den Speisesaal zurück, wo Madeleine und ihre Schwägerin Marie-Ange bereits zum Kaffee übergegangen waren.
Kapitel 1: Die Ankunft
London, August 1902
„Sie kommen. Alle in einer Reihe aufstellen. Sind Ihre Schuhe geputzt, Alfred?“ Der Hausdiener nickte. Dem strengen Blick des Butlers entging leider nichts.
„Es muss alles perfekt sein, wenn die neue Herrin kommt“, dozierte Arthur Hotchkins, „der erste Eindruck ist der entscheidende. Wir wollen uns von unserer besten Seite zeigen, das sind wir unserem Herrn schuldig.“
„Nun ja, eine französische Landadlige, die wird keine so großen Ansprüche haben.“ Mrs. Pemperton, die Köchin, schnaufte ein wenig verächtlich, „außerdem halte ich nicht viel von den Franzosen, die haben keine Moral und so.“
„Wir werden abwarten und uns nicht schon vorab ein Urteil bilden, was uns, nebenbei bemerkt, auch nicht zusteht.“ Die Stimme von Hotchkins rutschte eine wenig in die Höhe, wie immer, wenn er sich genötigt sah, einen der ihm Untergebenen zu ermahnen.
„Hoffentlich kann sie Englisch“, bemerkte Hillary, das Küchenmädchen, „sonst kann man sich mit ihr gar nicht unterhalten.“
„Du wirst sie ganz sicher äußerst selten zu Gesicht bekommen, mein Kind, denn dein Platz ist in der Küche“, wies Mrs. Pemperton das stets ein wenig schmuddelig wirkende magere Mädchen zurecht. Hillary senkte den Blick, denn die Köchin nahm jede Gelegenheit wahr, sie darauf hinzuweisen, dass sie an unterster Stelle in diesem Haushalt stand – nun ja, vielleicht eine winzige Stufe höher als die Scheuerfrau, die einmal in der Woche kam, um die Böden im Souterrain und die Treppenstufen vor dem Haus zu schrubben.
„Ich höre das Automobil, sie kommen!“ Hotchkins postierte sich hinter die Haustür, um sie sofort aufzureißen, sobald die Schritte der Herrschaft auf den oberen Stufen zu hören waren. Richard trug, wie stets am frühen Nachmittag, einen eleganten Cut. Madeleine hatte das Londoner Wetter ein wenig zu kühl eingeschätzt und über das lindgrüne, raffiniert geschnittene, elegante Reisekleid eine weiße Nerzstola gelegt. Gekrönt wurde das Arrangement von einem großen, in der Farbe des Reisekleides gehaltenen Hut, der mit einer großen weißen Satinschleife garniert war. Mrs. Pemperton und die anderen weiblichen Hausangestellten sogen bei diesem eindrucksvollen Auftritt ihrer neuen Herrin hörbar Luft ein.
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