„Gehen Sie hier durch!“ Ihr Ton ist feindselig und die Tatsache, dass der Kunde postwendend eine Schimpftirade loslässt, weil ich den Maître sehen darf, er aber nicht, besänftigt ihren Blick in keiner Weise.
Das optische Kraftfeld im Spiegel wird deaktiviert und ich betrete einen winzigen Kontrollraum, von wo aus Jimmy anscheinend das Tun und Wirken in seinem Laden überwacht.
„Was für eine unfähige Kuh! Morgen ist auch noch der umsatzstärkste Tag des Monats! Wenn das alles vorbei ist, schmeiße ich sie raus!“, schallt es mir als Begrüßung entgegen.
„Wie geht es Ihnen, Jimmy?“ Ich versuche den Gedanken zu verdrängen, dass ich mich bereits zum zweiten Mal an diesem Tag in einer höchst explosiven Situation befinde.
„Haben Sie etwas herausgefunden?“, bekomme ich statt einer Antwort.
Ich erzähle ihm, was ich über Valeri Duchasnel erfahren habe und er nickt interessiert, aber teilnahmslos. Als die Sprache jedoch auf Lena Wittgenstein fällt, kneift er hasserfüllt die Augen zusammen.
„Sie beide kennen sich?“
Er nickt heftig.
„Also doch jemand, der Ihnen wenig zugetan ist?“
„Die Frau ist eine Hexe!“
„Wussten Sie, dass sie mehrfach wegen staatsfeindlicher Gesinnung verhaftet wurde?“
Er schüttelt den Kopf, wirkt aber nicht überrascht.
„Schulden Sie jemandem Geld? Ich will eine ehrliche Antwort, Jimmy.“
Erneut schüttelt er den Kopf, und mir bleibt nichts anderes übrig, als ihm zu glauben. Trotzdem nehme ich mir vor, Zuby zu bitten, mir einen Blick in Jimmys Finanzen zu gewähren, sofern das überhaupt möglich ist. Das Bankgeheimnis ist neben dem Geburtsjahr der über Hundertjährigen das größte Heiligtum in den Biosphären.
„Und wie geht’s jetzt weiter?“
„Morgen werde ich Lena Wittgenstein einen Besuch abstatten. Mal sehen, was ich herausfinde. Im Moment ist sie die einzige Spur.“
„Ist das alles?“
„Was erwarten Sie denn?“ Für fünfhundert Eurodollar. „Ich bin erst seit sieben Stunden an dem Fall dran.“
Jimmy verzieht das Gesicht. Keine Ahnung, ob aus Verständnis oder Unmut. Nach unserer kurzen Bekanntschaft würde ich auf Letzteres tippen, dann aber verblüfft er mich.
„Möchten Sie Kaffee? Selbstgebraut, kein Replikat!“
„Gern.“
Zwar drängt es mich, so schnell wie möglich den Abstand zwischen mir und dem Bolzen zu vergrößern, doch einer guten Bohne kann ich nicht widerstehen. Jimmy bittet mich per Handzeichen, ihm zu folgen. Wir durchschreiten eine automatische Tür in der Rückwand des Kontrollraums und gelangen in einen langen Flur, der in den privaten Bereich seiner Wohnung führt, genau gesagt in eine halbrunde Bibliothek, in der hauptsächlich MiniCubes gestapelt sind, aber auch einige echte Papierbücher, was einer Sensation gleich kommt. Ich hätte Jimmy niemals für einen Sammler gehalten. Während Genannter kurz verschwindet, schaue ich mir die zwei Dutzend Bücher in einem eigens dafür gebauten Schrein neugierig an. Ein Titel erregt meine besondere Aufmerksamkeit und ich ziehe die dünnen Handschuhe an, die ich stets bei mir trage, um das Papier vor Keimen und Schweiß zu schützen. In der Regel dienen sie dazu, keine DNA-Spuren zu hinterlassen. Bei dem Buch handelt es sich um Quintessenzen , eine bekannte föderale Schrift. Erstaunlicher als der Inhalt selbst ist die persönliche Widmung des Verfassers Frederico Halini, ehemaliger Oberster Kanzler der europäischen Föderationsregierung. Neugierig blättere ich durch die Seiten, bis ich auf eine Passage stoße, die mich stutzen lässt. Dort, wo von Konkordanz und Solidarität die Rede ist, entdecke ich handschriftliche Randnotizen. „Lebensmotto?“ steht da und etwas weiter unten „unbedingt!“ und „unumstößliche Wahrheit“. Kein Wunder, dass Lena Wittgenstein und Jimmy der Mops wie Feuer und Wasser sind. Föderalismus und Nationalismus sind keine guten Gesellen. Ob die Bolzensache ideologisch motiviert ist?
Da nehme ich neben mir eine Bewegung wahr.„Ihres?“, frage ich so beiläufig wie möglich und zeige auf das Buch in meinen Händen.
Jimmy, der ein Tablett mit zwei Tassen und etwas Gebäck vor sich trägt, nickt. Seine Augen funkeln, als wolle er etwas hinzufügen, doch er verkneift es sich, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Schließlich sitzen wir eine kleine Weile friedlich zusammen und genießen unseren Kaffee. Eine seltene Arabica-Mischung. Ich komme nicht umhin, den außergewöhnlichen Geschmack zu loben.
Als ich wenig später das Haus verlasse, kann ich Jimmys angespannten Blick in meinem Rücken spüren.
Der einzige Luxus in meinem einfach möblierten Apartment zwischen Sphäre1 und City ist die winzige Polymerblase, die mir als Balkon dient. Dort stehe ich jetzt und genehmige mir einen Tabacco-Stick, dabei lasse ich den Blick durch die lichtgesprenkelte Nacht schweifen. Dieser Jimmy ist schon ein eigenartiger Typ. Kleidet sich wie ein Penner, trinkt echten Kaffee und leistet sich die Extravaganz, in Papierbüchern herumzukritzeln. Obendrein scheint er ein politischer Aktivist zu sein ...
Mein unsteter Blick fällt auf eine vorbeischwebende Sky Ad, die für ein teures Parfum wirbt. Womanizer steht da in geschwungenen Buchstaben. Gäbe es noch Vögel am Himmel, würden sie in dieser Sekunde einen nachdenklichen Mann mit Tabacco-Stick im Mundwinkel erblicken, der plötzlich erstarrt, während sich zeitgleich seine Augen ungläubig weiten, um sich dann ruckartig abzuwenden und in die Wohnung zurückzukehren. Was soll ich sagen? In mir ist soeben ein Verdacht aufgekeimt. Ich aktiviere die GCS, lade mir den Bauplan eines dreistöckigen Gebäudes im Zentrum von Sphäre5 herunter und überlege mir eine Strategie, wie ich morgen früh unbemerkt dort einsteigen kann. Danach kontaktiere ich das Institut, in dem tagsüber Kaoris Kind betreut wird.
„Können Sie Shou für die Nacht da behalten? … Das brauchen Sie mir nicht zu sagen! Ich weiß, dass es bereits das dritte Mal ist … Natürlich bin ich mir meiner Verantwortung bewusst, aber heute Abend habe ich etwas Wichtiges zu erledigen … Ja, in Ordnung … Natürlich. Ich danke Ihnen, auf Wiedersehen!“
Ich unterbreche die Verbindung, bevor ich mir weitere Vorwürfe anhören muss. Heute Nacht bleibt mir das qualvolle Starren auf die Zwischenwand erspart, wenn sich Shou nebenan in den Schlaf weint.
Ich bin kein Masochist, aber in einer Welt, die nur aus Lügen besteht, ist physischer Schmerz oft die einzige Wahrheit. So mache ich mich wenig später auf den Weg zu einer Kneipe namens Himmi Herrgott Sakra! im Außenbezirk von München City. Das altmodische Schild aus Leuchtdioden, eine Laus auf einem Bierfass, ist mir von der Tube aus bereits mehrmals ins Auge gestochen. Zur Assimilation zaubere ich mir keine polymeren Makel ins Gesicht wie Augenringe oder großporige Haut, sondern beschränke mich darauf, eine fleckige Stoffhose und eine alte Militärjacke anzuziehen. Meine verwuschelten Haare kämme ich mir ins Gesicht, was mich, wie ich weiß, etwas kindlich aussehen lässt.
Als ich das Himmi Herrgott Sakra! durch die offene Tür betrete, schaut sich niemand nach mir um und so stapfe ich zur Holztheke und bestelle ein Hachinger Bräu. Während ich am groben Gesöff nippe, begutachte ich meine Umgebung. Außer einem Dutzend Männern und Frauen in verschiedenen Stufen der Trunkenheit, die sich auf Holzstühlen um mehrere Tische fläzen, gibt es nicht viel zu sehen. Keine bunten Lichter, keine glatt gebügelten Gesichter, keinen Firlefanz. Ich lasse meinen Blick wandern und entdecke einen Mann mittleren Alters: drahtig, nüchtern, unberechenbar. Für mein Vorhaben ungeeignet. Meine Augen forschen weiter und bleiben an einem Typen hängen; etwa Anfang dreißig, also in meinem Alter. Er ist etwas größer als ich und gut zwanzig Kilo schwerer. Unter seinem Hemd mache ich Muskeln aus. Seine Augen sind leicht glasig, er ist angetrunken, aber nicht so, dass er gleich zusammenklappt. Perfekt.
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