Der Kontrast zu Hanseapolis könnte nicht größer sein. Während der Moloch zwischen Nord- und Ostsee mit seiner wolkenkratzenden Silhouette kokettiert und von Gleitern, Lufttaxen und Frachtern millionenfach umschwärmt wird, ist das höchste Bauwerk in den Auen der Schinken Tony am Stachus, ein dreihundert Meter hoher Maibaum. Die weitläufige Region verdankt ihren Namen dem leeren Flussbett der Isar – ein Schmiss im Antlitz einer Landschaft, die zu lange der Sonne ausgesetzt worden ist. Von oben betrachtet gleichen die Auen einem braun marmorierten Vlies, aus dem ein Kind mutwillig drei große Löcher herausgeschnitten hat, um sie mit bunten Luftballons zu füllen. Nachdem Sonne und Wind aus Starnberger, Ammer- und Chiemsee jegliches Leben ausgesaugt hatten, bis nur noch leere Augenhöhlen übrig blieben, hat man auf dem trockenen Grund sieben Biosphären erbaut – im Volksmund „Karbunkel“ genannt: künstliche Blasen, gefüllt mit einem Sauerstoff-Kohlendioxid-Luftgemisch, das in Europa zuletzt vor dem Industriezeitalter eingeatmet wurde. Jede von ihnen ist einzigartig: Sphäre1 im nördlichen Teil des ehemaligen Ammersees zum Beispiel ist mit seinen Weizenfeldern, Pappelhainen und Holzhäusern von kitschiger Schäferromantik geprägt, während Sphäre5 am südlichen Bogen des Starnberger Grabens, wo sich mein Büro befindet, durch breite Alleen und prachtvolle Villen besticht. Die knapp fünfhunderttausend Einwohner sind mit viel Geld und Lebenserfahrung gesegnet; das Durchschnittsalter hier beträgt zweiundneunzig Jahre. Junge Leute dürfen sich den Alten nur mit Sondergenehmigung oder Arbeitserlaubnis nähern. Ich besitze beides.
Nördlich der „Karbunkel“ hockt München City wie eine fette Spinne in einem Netz aus Polymerröhren – die Tube –, deren Expressbahnen das Zentrum mit dem Rest der Welt verbinden. Die Stadt zählt rund fünf Millionen Einwohner und gehört damit zu den kleinsten Metropolen in der Europäischen Föderation. Das Kind und ich wohnen in einer der kleineren Siedlungen zwischen City und Sphäre1 . Unser neues Zuhause liegt am Tube-Abschnitt 15, Apartment 1443. Mir kommt es vor, als würde sich in den Isar Auen alles unweit irgendeiner Expressbahn befinden. Da hier praktisch keine Flugaktivitäten stattfinden, steigt und fällt das öffentliche Leben mit dem Pulsieren der Tube.
2. Sei willig, brüll’ bis vier
Scharfe Sprengsätze verursachen bei mir gewöhnlich Juckreiz an schwer zugänglichen Stellen, und als Jimmy mein Büro verlässt, atme ich befreit auf. Eigenartig, dass die Detektoren im Gebäude nicht angeschlagen haben. Ob der Sprengsatz über eine Tantal-Ummantelung verfügt hat? Ich habe den Bolzen scannen wollen, doch Jimmy ist über die Tatsache, dass ich sein prominentestes Stück anfassen wollte, dermaßen in Panik geraten, dass ich mich schließlich mit einer 3-D-Aufnahme habe begnügen müssen.
Bei näherer Betrachtung des Bildes entpuppt sich der Bolzen als ein antikes Exemplar zur Verankerung von Metallteilen, und ein bildlicher Eins-zu-Eins-Vergleich mit einem Musterprodukt aus der GCS offenbart keinerlei äußerliche Unterschiede. Ich bin nicht wirklich überrascht und mache mich an die Analyse des handgeschriebenen Schriftstücks. Zu diesem Zweck krame ich aus der letzten Kiste einen Gegenstand heraus, einem Fingerhut nicht unähnlich, nur länger und aus weichem, netzartigen Gewebe: ein Analyzing Pocket System. Über den Neurokommunikator öffne ich das APC-Programm und aktiviere die entsprechenden Sensoren, dann stülpe ich mir den „Fingerhut“ über den rechten Zeigefinger und wische über das Blatt Papier. Schon werden die einzelnen Pigmente mikrochemisch untersucht, gleichzeitig wird die Struktur des Papiers abgetastet. Während die Analyse läuft, gebe ich gedanklich einen neuen Befehl ein und streiche über die blaue Tinte, dann nehme ich den „Hut“ vom Finger. Bis die Ergebnisse da sind, rufe ich Jimmys transkribierte Antworten auf dem Transfer ab.
„Ich kann mir nicht erklären, wie das passiert ist. Meine Wohnung besitzt ein Hightech-Sicherheitssystem, außerdem habe ich normalerweise einen leichten Schlaf. Mein Laden ist Bestandteil meiner Wohnung. Es war gar nicht so einfach, dafür eine Genehmigung zu erhalten. Ich verfüge über zweihundert Quadratmeter eigenen Raum.“ Obwohl die Worte gedanklich verfasst sind, glaube ich Jimmys Gebrüll immer noch zu hören. „Und das als Zugereister!"
Auf meine Frage, wie sein gestriger Tag verlaufen ist, hat er Folgendes geantwortet: „Ich war wie immer von 8 bis 21 Uhr im Laden.“
Ob es Ärger mit einem Kunden gegeben habe?
„Verdammt noch eins, nein! Ich bin bei meiner Kundschaft sehr beliebt!!!“
Trotz der drei Ausrufezeichen – wie zum Geier hat er sie zustande gebracht? – bezweifle ich das. Gutmenschen wachen selten mit einer Bombe auf der Brust auf. Dann habe ich wissen wollen, was er nach 21 Uhr gemacht hat.
„Ich habe mich frisch gemacht und bin zum Essen ins Leopold . Wie jeden Dienstag. Es ist ein exklusiver Privatklub auf dem Kaiserdamm. Einige meiner Kunden haben sich dafür eingesetzt, dass ich einmal die Woche dort einkehren darf. Ein großes Privileg!“
Ob dort irgendetwas Ungewöhnliches passiert sei?
„Eigentlich nicht. Außer, dass sich ein Mann an meinen Tisch gesetzt hat, den ich noch nie zuvor gesehen habe. Er hat sich mir als Kenny vorgestellt. Ein gut aussehender Bursche. Tolle Haare! Lang und weiß, leicht wellig. Zu seinem gelb-orange gestreiften Anzug trug er eine dunkelrote Halsbinde. Hey, hören Sie mir überhaupt zu?“
Was dieser Kenny gewollt habe?
„Nur reden. Hauptsächlich über die wachsende Kriminalität.“
Das wundert mich nicht. Seit Bestehen der Biosphären ist die Verbrechensrate Hauptgesprächsthema. Die Menschen haben eine regelrechte Paranoia entwickelt, was die verstärkte Präsenz von Sicherheitskräften erklärt, auch wenn wir noch nicht solche Verhältnisse haben wie in Sphäre7 . Der Polizeichef von Herrenchiemsee regiert dort mit eiserner Faust.
„ Nach dem Essen bin ich nach Hause gegangen. Es muss so gegen elf Uhr gewesen sein. Mein Laden liegt am Löwenbrunnen, exakt dreihundertvierundfünfzig Meter vom Leopold entfernt. Ich hab’s mal abgezählt.“
Ob ihm dieser Kenny gefolgt sei?
„Keine Ahnung. Ich habe mich etwas schlapp gefühlt und war froh, als ich endlich zu Hause war.“
Was er mit schlapp meinte?
„Leicht duselig. Ich bin sofort ins Bett gefallen. Wenn ich es mir recht überlege, war das schon etwas ungewöhnlich.“
Ob ihm dieser Kenny etwas ins Essen oder in sein Getränk gemischt haben könnte?
„So ein vornehmer Herr? Das kann ich mir nicht vorstellen.“
Ob er Feinde habe und schon einmal bedroht worden sei?
„Nein! Ich habe keine Familie, außerdem werde ich von meiner Kundschaft geachtet. Sie müssen mir aus diesem Schlamassel helfen, Verdict! Ich weiß nämlich nicht, wie lange ich das …“
Eine tonlose Stimme über InterCom, dem allgegenwärtigen Knopf im Ohr, reißt mich aus meiner Betrachtung heraus. „APC-Analyse von Papier und Tinte abgeschlossen.“
Der darauf folgende Bericht wartet mit einer kleinen Überraschung auf: Das Papier ist sehr alt und stammt aus der Zeit um 1880, vor allem aber weist es jede Menge DNA-Rückstände auf. Begierig über diesen Pool an Möglichkeiten gehe ich die Liste durch. Namen liefert das Programm nicht, dafür aber Jahreszahlen und ich werde in meiner Euphorie gebremst. Ich muss blinzeln. Die Bewohner von Sphäre5 mögen zwar ihre beste Zeit hinter sich haben, doch einen hundertachtzigjährigen Greis – der Junior auf der Liste – werde ich sogar hier schwerlich finden. Etwas enttäuscht lehne ich mich in meinem Sessel zurück. Das wäre auch zu einfach gewesen. Nach einer kurzen Pause wende ich mich der Tinte zu. Die königsblaue Paste ist gut hundertfünfzig Jahre jünger als das Papier und wurde, wie alle Tintenarten aus dieser Epoche, am Schwarzen Meer hergestellt.
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