Im Vestibül, wo Gustav Klimts „Dame mit dem Fächer“ hängt, lasse ich meine Jacke zurück, bevor ich auf die breite marmorne Treppe mit den goldenen Verzierungen in der Mitte der Halle zuschreite. Wieder unterbreche ich Regency , um mich zu vergewissern, dass die Treppe wirklich existiert und ich nicht ins Leere trete. Ein absurder Reflex, aber ich kann nicht anders. Verblüfft muss ich feststellen, dass der ausschweifende Luxus um mich herum Fakt ist, deshalb beende ich fürs Erste das Virtual-Environment-Programm. Das Restaurant im ersten Level ist hell erleuchtet und schwirrt von heiterer und zusammenhangloser Konversation. An den Wänden hängen vergilbte Magazinseiten mit Fotos von deutschen Leinwandstars aus der längst vergangenen Ära des 2-D-Films mit Vornamen wie Til, Moritz oder Veronica, die außerhalb der Biosphären niemand mehr kennt. Einige der in Seide rauschenden Gäste speisen an Tischen, die von Silber und Porzellan nur so funkeln, andere sind um ein Buffet versammelt und nippen an ihren Gläsern. Als passionierter Koch, der ich bin, erkenne ich auf Anhieb hausgemachtes Birchermüsli, Avocado-Aufstrich und Stockfisch in Senfcrème. Sehnsüchtig denke ich an die letzten Monate zurück, als ich bei einem Millionär in Hanseapolis anstellig war und dort die teuersten Nahrungsmittel verarbeiten durfte. Und das in einer Stadt, in der gewöhnlich die Massen mit billigen Proteinriegeln und Algengratin abgespeist werden.
Durch eine Flügeltür rechts von mir erblicke ich einen kleinen Salon, der sofort geschlossen wird, als man meiner ansichtig wird. Etwas unschlüssig bummle ich herum, als sich mir eine spindeldürre Frau in einem fliederfarbenen Hosenanzug in den Weg stellt. Sie hat eine Haut wie Alabaster, dünne blutleere Lippen und einen harten Blick. In das graue Haar hat sie nach der neuesten Mode ein lila Tuch aus Gaze geflochten. Als ihre Augen beifällig über meine Erscheinung schweifen, frohlocke ich. Die erste Hürde wäre genommen.
„Kann ich Ihnen behilflich sein, Herr …?
„Verdict. Lucio Verdict. Ich möchte den Supervisor sprechen.“
„Ich bin Lena Wittgenstein“, kommt es schroff zurück, als ob damit alles erklärt sei. „Was kann ich für Sie tun?“
„Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen. Ich werde Sie auch nicht lange behelligen.“ Ich setze ein elfenhaftes Lächeln auf. „Gestern Abend gegen neun Uhr hat einer Ihrer Gäste beim Verlassen Ihres Etablissements versehentlich das Monokel meines Klienten eingesteckt. Der Herr hatte lange, weiße Haare und trug einen gelb-orange gestreiften Anzug mit dunkelroter Halsbinde. Mein Klient ist über den Verlust seines Kommunikators sehr betrübt. Vielleicht können Sie mir helfen, den Herrn ausfindig zu machen, damit ich die Affäre schnell und ohne Aufsehen bereinigen kann.“
„Das wird jemanden wie Sie vielleicht nicht interessieren, aber in unserem Haus herrscht Diskretion.“
„Selbstverständlich“, gebe ich mich zuvorkommend. „Aber bedenken Sie bitte, dass der Geschädigte ein ehrenwerter Gast Ihres Hauses ist.“
„Wer ist der Unglückselige?“
„Jimmy Marquard.“
„Dieser Haarfledderer?“ Ihrem Ton nach zu urteilen hält sie Jimmy für eine Lebensform, die knapp über einer Kakerlake rangiert. „Man kann ihn wohl kaum als ehrenwerten Gast des Leopold bezeichnen!“
„Und doch darf er hier speisen.“
Kurzes Schnauben, aber keine Antwort.
„Welchem Gönner verdankt er dieses Privileg?“
Ein argwöhnischer Blick trifft mich.
„Ich verstehe. Diskretion.“ Obwohl ich die Antwort bereits kenne, kann ich mir die folgende Frage nicht verkneifen. „Darf ich den gestrigen Video-Stream des Eingangs einsehen?“
Die Empörung steht der Gegenseite deutlich ins Gesicht geschrieben und ich beschließe, noch einen drauf zu setzen.
„Das braucht doch niemand zu erfahren“, flüstere ich und ziehe den Siegelring von meinem Finger, um ihn unauffällig zu überreichen.
Mit zusammengekniffenen Augen beugt sich Lena Wittgenstein nach vorne, bis sich unsere Nasen beinahe berühren. Ihr Parfum drängt sich mir gnadenlos auf und ich kann ein Niesen nur mit Mühe unterdrücken.
„Wagen Sie es nicht, mich zu beleidigen, Sie miese, kleine Ratte!“, entgegnet sie mit gefährlich leiser Stimme. „Oder dieses respektable Haus. Wenn Sie nicht sofort die Biege machen, rufe ich die Security!“
Interessante Wortwahl für die Leiterin eines altehrwürdigen Privatklubs. Ich stecke den Siegelring wieder an und verbeuge mich artig, bevor ich den Rückzug antrete. Die Xanthippe will ich etwas genauer unter die Lupe nehmen, und ich weiß auch schon, wer mir dabei helfen wird.
„Hallo Zuby.“
Über den Neurokommunikator könnte ich an jedem beliebigen Ort den Kontakt zu meiner Ex-Kollegin herstellen, doch in meinem Büro erscheint es mir am Klügsten, zumal es abhörsicher ist. Sofern so etwas überhaupt möglich ist, wenn man sich die GCS mit zehn Milliarden anderen Menschen teilt.
„Luc, was für eine nette Überraschung!“ Eine unscheinbare Frau mit warmen, dunklen Augen ist mitten im Zimmer aufgepoppt. Sie wirkt ehrlich erfreut.
„Lucio“, verbessere ich sie und lächele.
„Ich verstehe.“ Kurze Pause. „Wie geht’s dir? Ich habe gehört, du hast den Dienst quittiert.“
Ich zucke lediglich mit den Schultern. Quittiert worden wäre wohl die treffendere Bezeichnung.
Weil Zuby eine intelligente Frau ist, wechselt sie das Thema. „Wie lange ist es her? Drei Jahre? Haben wir damals nicht diesen Saukerl von Finanzminister mit der Hand in der Unterhose eines Jungen erwischt? Es war in Zürich, glaube ich.“ Sie lacht und ihre Augen blitzen hart auf.
Erneut verkneife ich mir die Antwort. Eine weitere Erinnerung, auf die ich gern verzichten würde.
„Mari hat’s gefreut“, setzt Zuby in heiterem Ton fort. „Ein Störenfried weniger auf ihrer roten Liste.“
Als ich den Namen der Frau höre, die mich eiskalt abserviert hat, nachdem ich ihr über zehn Jahre treu gedient habe, kommt mir die Galle hoch. Vielleicht ist Zuby doch nicht so intelligent, wie ich dachte. Andererseits hat sie schon immer gern Spielchen gespielt. Ich nehme es ihr nicht übel. Wir beide sind uns diesbezüglich sehr ähnlich.
Sie scheint mir die Gedanken von den Augen abzulesen, denn in diesem Moment huscht ein ernster Ausdruck über ihr Gesicht. „Ok, lassen wir den Smalltalk. Wie kann ich dir helfen?“
Das ist das Stichwort und ich lege los.
3. Ein Geschenk des Hauses
Unweit vom Seeshaupter Rondell führt eine zypressengesäumte Allee schnurgerade zu einem weißen, klassizistischen Haus mit hohen schmalen Fenstern: das Beau Rivage , ein Asyl für Extrakte, in dem eine Handvoll Patienten rund um die Uhr von einem Pflegepersonal aus Fleisch und Blut betreut wird. Extrakte sind Individuen mit einem besonderen Talent oder außergewöhnlichen Aussehen, die für viel Geld die Rechte an ihrer Person abtreten und pixeligen Abbildern menschlichen Daseins ihre Seele vermachen. Vor über zwanzig Jahren hat Valeri Duchasnel, der weißhaarige Unbekannte aus dem Leopold, ein begnadeter Sänger und Gitarrist, genau das getan und damit die beispiellose Karriere von KennyD geebnet, einem weltbekannten Cyber-Rockstar. Noch heute singt dieser mit Duchasnels Stimme, betört mit dessen tiefgründigen Künstleraugen ein Milliardenpublikum und vollbringt wahre Wunder auf der Gitarre. Im Gegenzug sind Duchasnels eigene Gehversuche auf der Bühne kläglich gescheitert. Niemand hat ihn sehen oder hören wollen. Wie viele andere Extrakte auch hat er die Erkenntnis niemals verwunden, dass die Welt ihm ein Trugbild vorzieht, und ist schließlich im Beau Rivage gelandet. Inzwischen gaukelt ihm sein Verstand vor, KennyD zu sein. Wie mir Zuby wenig später versichert – als inoffizielle Mitarbeiterin des Europäischen Verwaltungsrats verfügt sie über vertrauenswürdige Quellen – ist Valeri Duchasnel ein harmloser, wenn auch wohlhabender Irrer, der dreimal in der Woche Freigang hat.
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