Erneut halte ich inne und überlege. Alles in allem neigt der Schreiber zu Konservativismus, was auf die meisten hier zutrifft. Das Papier ist ein Vermögen wert, also geht es um einen tief gehegten Groll. Ich bin noch nicht lange hier, aber ich weiß, dass es drei Dinge gibt, bei denen die Sphärenbewohner wenig Spaß verstehen: Bonität, äußere Erscheinung und innere Sicherheit. Ich schaue mir die Botschaft näher an:
Sei willig, brüll‘ bis vier,
tust du‘s nicht, dann explodier‘.
Wenn dir dein erbärmliches Leben teuer ist,
versuche nicht, den Bolzen zu entfernen.
Die erste Zeile kommt mir entfernt bekannt vor. Ein kurzer Blick in der GCS bestätigt meine Vermutung. Da hat jemand Wilhelm Buschs bekannten Vers „Sei wütend, zähl‘ bis vier, tust du’s nicht, dann explodier‘“ kurzerhand umgedichtet. Die vertraute Anrede zeugt von mangelndem Respekt, das „erbärmlich“ spricht eine klare Sprache. Die Wortwahl „teuer“ statt „lieb“ lässt mich aufhorchen. Vielleicht hat Jimmy einen Kunden oder Bekannten geprellt. Routinegemäß gehe ich Buschs Biographie durch, ohne jedoch eine erkennbare Verbindung zu finden, also beschließe ich, dem Leopold einen Besuch abzustatten.
Beim Hinausgehen verriegele ich die transparente Eingangstür meiner Parzelle, die sich daraufhin automatisch verdunkelt und lasse mit einem dumpfen Gefühl des Versagens meinen Blick über die goldene Inschrift schweifen. „Lucio Verdict. Problemlöser“, steht da in schlichten Lettern. Problemlöser . Ich nehme an, Elias Kosloff hätte die Bezeichnung „Ausputzer“ bevorzugt ...
Die Nachbarbüros werden von einer stark schwitzenden Advokatin, einem cholerischen Spediteur und anderen interessanten Gestalten bevölkert. Bis dato hat mir mein perfektes Lächeln dort wenig Sympathiepunkte eingebracht und als ich an ihren offenen Türen vorbeischlendere, sonne ich mich in widerwilliger Bewunderung.
Sphäre5 ist wie eine Käseglocke, die von einem mächtigen Wall umschlossen wird, nur dass hier nicht Schimmelkäse und Gouda verderben, sondern Menschen. Der äußere Gürtel, in dem vorzugsweise Industrie und Gewerbe untergebracht sind, erinnert optisch an die geflochtene Lehne eines altmodischen Plastiksessels. Das aufgeblähte Dach ist von einem farbigen Polymerstreifen durchbrochen und während ich den Gang hinuntergehe, zeichnet die senkrecht strahlende Sonne eine Linie auf dem Boden. Ein kreischbunter Wegweiser in dieUnendlichkeit.
Durch eine der zahlreichen Passagen dringt Stimmengewirr an mein Ohr. Ich löse mich von der hypnotischen Linie, gehe dem Geräusch nach und gelange so auf die vordere Galerie, wo sich Menschenmassen drängen, um in den zahllosen 24/7-Restos und Geschäften ihr Geld zu verprassen. Im Vorübergehen mache ich einen Krämerladen aus, der vorgibt, Antiquitäten zu verkaufen, sowie eine große !NR! Filiale. In den Isar Auen ist die Marke !NR! des Topdesigners Nathan Rehm der Renner. Kaum jemand, der nicht mindestens ein gebrandetes Retrofit trägt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass !NR! für I.N.R.I. steht – Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum. Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren verkommt das Christentum in der Europäischen Föderation zur Bedeutungslosigkeit. Einer Kirche offen anzugehören, ist in diesem Teil der Welt verpönt, doch so leicht brechen die Menschen nicht mit alten Gewohnheiten, und wo früher einmal silberne Kreuze die Hälse der Gläubigen geschmückt haben, sind es jetzt sündhafte teure Seidentücher von !NR! .
Kurz verweile ich, die Hand auf der Balustrade, und schaue nach unten. Das Innere der Biosphäre ist terrassenförmig angeordnet, wobei mehrere Ringstraßen die Levels miteinander verbinden. Sie alle führen ins zentrale Prinzregenten-Viertel. Dort muss ich hin. Ich könnte eine Equipage nehmen – offene Inhouse-Scooter, die mit Helium-3 betrieben werden und Platz für bis zu zwanzig Personen bieten –, doch ich entscheide mich für den Hoverlift. Er ist nicht sehr bequem, dafür aber um ein Vielfaches schneller und schon bald rausche ich an verheißungsvoll klingenden Straßen und Plätzen vorbei: Ostersee-Boulevard, Tutzinger Dreieck, Alter Münchner Weg, Seeshaupter Rondell …Der Blick aus der verglasten Zelle ist halb so eindrucksvoll, wie man vielleicht glauben mag, was daran liegt, dass die Häuser aus quadratischen Hartgummimodulen bestehen, während billige Farne zu Grünanlagen zusammengeschart wurden, die jeder Fantasie entbehren. Als würde man durch das Eins-zu-eins-Modell einer Stadt wandeln, das niemals fertig gestellt wird. Der Gedanke deprimiert mich. Ich aktivere meinen Neurokommunikator, gebe den Zugriffscode für Regency ein, dem hiesigen Virtual-Environment-Programm, und plötzlich ist alles in Bewegung: Florale Mosaike kriechen über den grauen Beton, roter Sandstein kraxelt die Wände hoch, während sich Bougainvilleas über steinerne Balkone ergießen und kupferne Schornsteine nach den Wolken greifen. Der Himmel über meinem Kopf steht der Pracht am Boden in nichts nach: Pinselstriche in Hellgrün, Gelb und Orange leuchten auf tiefblauem Fond. Es vergehen nur wenige Sekunden, bis ich sehe, was alle sehen, und mein Herz zieht sich unwillkürlich zusammen. Ich vermisse den Schatten in den Gesichtern und Gassen der HafenCity …
Ursprünglich standen die Isar Auen nicht auf meiner Wunschliste für einen Neuanfang, doch nachdem mir einer meiner wenigen Freunde völlig überraschend seine Zweitwohnung kostengünstig angeboten hat, habe ich meine Pläne noch einmal überdacht. Zumal die hiesigen Schulen einen erstklassigen Ruf genießen und ich Kaori versprochen habe, mich gut um ihren Sohn zu kümmern. Ein Versprechen, das ich um jeden Preis zu halten gedenke.
Kaoris blutüberströmtes Gesicht drängt sich gewaltsam in meine Gedanken und ich richte schnell meinen Blick wieder nach draußen, wo ich zwischen zwei Häusern eine Wasserstelle entdecke, an deren Ufer sich Enten und Pfaue tummeln. Die Vögel sind genauso wenig real wie der Obstverkäufer an der Ecke davor. Mein Instinkt sagt mir, dass dort ein getarnter Security steht. Die sorgfältigen Sicherheitsmaßnahmen offen zur Schau zu stellen, wäre schier zu vulgär.
Als ich aus dem Lift steige, weist mir ein weißer Königspudel den Weg zum Leopold . Zur Auswahl stünden noch eine Libelle und ein englischer Bobby, doch der Pudel ist mein bevorzugter City-Guide. Sein kahl geschorenes Hinterteil heitert mich jedes Mal auf. Je näher ich dem Zentrum komme, desto erlesener mutet die Gesellschaft an. Menschliche Ausdünstungen sucht meine Nase hier vergeblich. Als wären die Herrschaften in Formaldehyd getränkt worden. Zu der gepflegten Erscheinung gehören regelmäßige Sitzungen im Defroisseur, einer hautstraffenden Photon-Kapsel, und die Gesichter, die mich umgeben, sind engelsgleich, wenn auch von vergreisten Augen durchlöchert. Viele von ihnen tragen Monokel oder Lorgnons, in denen ein Virtueller Kommunikator eingebaut ist, das Vorgängermodell meines Neurokommunikators.
Schon bald erreiche ich das Leopold . Vor dem schmiedeeisernen Portal fahre ich mir noch einmal durch die Haare, streiche meine Jacke glatt und rücke meinen !NR! Siegelring zurecht, dann trete ich einen Schritt vor, um gescannt zu werden.
„Sie haben keine Reservierung“, ertönt prompt eine Stimme aus dem Off.
„Ich bitte um Vergebung“, antworte ich der unsichtbaren Person am Monitor. „Aber ich möchte den Supervisor in einer wichtigen Angelegenheit sprechen. Es geht um die Sicherheit einer seiner Gäste.“
Wie zu erwarten war, öffnet sich bei meinen letzten Worten das Tor anstandslos. Unter meinen Füßen knirscht es leise, als ich den kurzen Weg zum Haus gehe. Obwohl ich weiß, dass der Kies nicht real ist, fühlt er sich echt an. VAs, Virtuality Architects, genießen zu Recht ein hohes Ansehen.
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