Es regnete, und ein kühler Herbstwind drückte die Tropfen hart gegen die Scheiben, an denen sich Wasserstraßen bildeten, die vom Windstoß in unterschiedliche Richtungen gedrückt wurden. War der Stoß besonders heftig, dann wackelte das Fenster im Schloss, dessen abgegriffener Schließer sich aus der Rahmenhalterung lockerte, und das anschlagende Wasser aus der dunklen, tiefhängenden Wolke drückte sich in Schichten quer über die Scheibe. Es war Donnerstag, der Tag an dem der Postmann mit der dicken Posttasche an der Lenkstange des Fahrrads gewöhnlich die Post brachte. Luise Agnes hatte den Frühstückstisch gedeckt und sich die weiße Strickjacke über die violettfarbene Bluse gezogen. Sie stand an der kleinen Anrichte in der Küche und brühte den Kaffee auf, dessen Bohnen brasilianischer Herkunft in einer Bremer Großrösterei verarbeitet und verpackt sie in Großmutters Kaffeemühle mit dem Kurvenschwengel und dem Drehknopf gemahlen hatte. Sie hatte die Eier fürs Rührei schon geschlagen und wartete auf das Erwachen ihres Mannes, um das Frühstück mit ihm gemeinsam zu nehmen, dem, wie an jedem Morgen, eine Bibellesung vorausging und die Auslegung des gelesenen Textes durch ihren Mann folgte. An diesem Morgen ließ das Erwachen auf sich warten, und Luise Agnes hatte volles Verständnis dafür. Sie nahm ihren Platz am Frühstückstisch ein, schob den Teller und das Besteck zur Seite und setzte ihre Häkelarbeit an einer weißen wollenen Decke mit der Hingabe der werdenden Mutter fort, die sie dem gewünschten und hoffentlich gesund ankommenden Nachwuchs als schützenden Wärmemantel widmete. Je weiter die Arbeit an der Decke fortschritt, desto öfter sah sie ihr Kind schon darin eingewickelt. Sie freute sich, Mutter zu werden, doch sollte es noch sieben Monate dauern, bis sie ihren Prinz oder die Prinzessin in der mütterlichen Sänfte tragen konnte.
In ihrer Arbeit hörte sie dem Klatschen des Regens gegen die Scheibe zu, wechselte mit ihren Gedanken vom Kind zum Ehemann und werdenden Vater und wieder zum Kind, dass sie Eckhard Hieronymus erst wahrnahm, als er schon neben ihr stand. Er hatte sich den dunkelblauen Morgenmantel übergezogen und die Füße ohne Socken in seine Lieblingschlappen gesteckt, an denen sich die dünne Ledersohle unter den Filzkappen zu lösen begann. Er küsste seine Frau auf die Stirn, als er den Morgengruß mit "meine liebe Frau, ich wünsche Dir einen wunderschönen guten Morgen" nicht fertig ausgesprochen, sondern beim Wort "wunderschönen" abgebrochen hatte. Beide maßen der Morgenbegrüßung mit dem Aufeinanderzugehen die elementare Bedeutung der äusseren wie inneren Zusammengehörigkeit zu, und diese Begrüßung hielten sie auf eine herzlich schöne Weise ein. Beide wussten, wie wichtig der Zusammenhalt und das Aussprechen des Wunderbaren in der Zusammengehörigkeit ist, das der täglichen Erneuerung und gegenseitigen Versicherung bedurfte, zumal in außergewöhnlichen Zeiten wie dieser mit der Schwangerschaft und dem beruflichen Ringen. Luise Agnes legte die Häkelsachen auf den Nebenstuhl, die begonnene Kinderdecke auf ihren Schoss, griff nach seiner Hand und strich ihm zärtlich mit dem Daumen über den Handrücken. Dann sah sie zu ihm auf und sagte, dass er nun etwas erholt aussähe, wenn auch die Rötung aus seinen Augen noch nicht gewichen war. Es war gegen zehn Uhr morgens, der Regen klatschte unverändert heftig gegen die Scheiben, und die Windböen säuselten vor ihnen auf und ab. Auf den Fensterbänken waren zusammengerollte Handtücher ausgelegt, damit das eindringende Wasser nicht die Wände runterlief. "Ich habe uns einen starken Kaffee gemacht." Sie zog die Kaffeemütze von der Kanne und schenkte den Kaffee ein, wobei sie mit der Tasse ihres Mannes begann, der sich auf seinen Stuhl ihr gegenüber an den kleinen Tisch setzte, die Handbibel schon in der Hand hielt und darin zu blättern begann, während Luise Agnes etwas Milch und einen Löffel Zucker in seine Tasse tat und im Kaffee verrührte. Sie wunderte sich nicht, dass Eckhard Hieronymus am 1. Korintherbrief festhielt und aus dem 9. Kapitel las: "Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht unsern Herrn Jesus gesehen? Seid nicht ihr mein Werk im Herrn? Bin ich andern nicht ein Apostel, so bin ich doch euer Apostel; denn das Siegel meines Apostelamts seid ihr in dem Herrn."
Er sah auf, blickte über den Tisch, streifte den Augenblick seiner jungen Frau, die ihm mit dem Lächeln der Unschuld entgegensah, und las dann die letzten Verse vor: "Alles tue ich um des Evangeliums willen, auf dass ich seiner teilhaftig werde. Wisset ihr nicht, dass von denen, die in der Kampfbahn laufen, nur einer den Siegespreis erhält? Darum laufet so, dass ihr den Preis erlangt! Jeder, der da kämpft, enthält sich aller Dinge, damit er einen vergänglichen Kranz empfängt, wir aber einen unvergänglichen. Ich laufe nicht aufs Ungewisse, fechte nicht wie der, der in die Luft schlägt. Ich züchtige meinen Leib und zähme ihn, dass ich nicht den andern predige und selbst verwerflich werde." Eckhard Hieronymus klappte die Bibel zu, fasste die Hände seiner Frau, die ihm Luise Agnes über den Tisch reichte, und sprach ein kurzes Morgengebet, in dem er den Herrn für den Beistand im Leben beider dankte, ihn um Schutz und Führung der Familie, um eine komplikationslose Schwangerschaft und um den Frieden in der Welt bat, dass er die Geißel des Hungers und der Gewalt von den Menschen nehme.
Sie nahmen das Frühstück ein und sprachen über alltägliche Dinge. Dabei erwähnte Luise Agnes, dass er nun dringend einen schwarzen Anzug brauche. Sie habe das Geld für den Schneider zusammengespart und mit ihm einen Termin zum Maßnehmen vereinbart. Er sagte, dass es ihm in zwei Wochen passe, weil er dann seine Bestellungen aufgearbeitet und wieder Luft habe, sich zudem leere Seiten im Kundenbuch für besondere Anlässe reserviert habe. Eckhard Hieronymus setzte die Kaffeetasse ab und stellte die existentielle Frage, ob denn ein neuer Anzug wirklich nötig sei. Er verwies auf die Notwendigkeit einiger Möbelstücke, der erneuert werden mussten, wie zum Beispiel den alten Tisch und die Stühle im Wohnzimmer, die noch aus der Studienzeit stammten, an denen sich die Lehnen an drei der vier Stühle bewegten und auch einige Beine aus den Fugen gingen. Das sei eine Anschaffung, die erforderlich sei, wenn Gäste oder Menschen aus der Gemeinde kämen, die man auf die Wackelstühle nicht setzen könne. Und für beides reiche das Geld nicht aus. Er machte ein ernstes Gesicht, und Luise Agnes sah seine Betroffenheit, wie sie immer aufkam, wenn es um geldliche Dinge ging, um die Bezahlung größerer Vorhaben, wie sie ein neuer schwarzer Anzug und ein Tisch mit vier Stühlen waren. "Wichtiger ist der Anzug", meinte sie, "wenn du deine Vorstellungsbesuche machst, musst du ordentlich gekleidet sein. Mit dem jetzigen Anzug kannst du dich nicht mehr sehen lassen, die Jacke ist zu eng, die Hosenbeine sind zu kurz, und über dem Gesäss ist ein Flicken aufgenäht. Damit kannst du nicht mehr gehen." Eckhard Hieronymus aß die Marmeladenschnitte zu Ende, putzte sich den Mund ab, leerte die Kaffeetasse, faltete die Serviette zusammen und schob sie in den Serviettenring. In der anschließenden Textbetrachtung des verkürzt gelesenen 9. Kapitels aus dem 1. Korintherbrief, ging Eckhard Hieronymus auf das Damaskuserlebnis der Erleuchtung des Apostels Paulus ein, wo ihm der Herr auf dem Wege erschien, das Licht seine Augen blendeten, dass er für Tage nicht sehen konnte. Am neuen Glauben, den ihm der heilige Geist tief ins Herz pflanzte, hielt Paulus unerschütterlich bis an sein Lebensende fest. Er war der wortgewaltige Verkünder des neuen Testaments, ein unerschrockener Kämpfer gegen das babylonische Treiben der Menschen nach Lust und äußerem Reichtum mit ihren Anfälligkeiten und Sünden jeglicher Art. Paulus war der vorausschauende Apostel mit der Einsicht in die Tiefen des gesellschaftlichen Durcheinanders mit ihren Folgen. Er war kompromisslos in der Klarstellung des Wortes, wenn es vom Ballast der Falschheit, jeglicher Art von Entstellung und selbstsüchtigen Verdrehung zu säubern war. Paulus befand sich zeitlebens in der Kampfbahn und schonte sich als Kämpfer nicht. Er war ein mutiger Fechter, der mit seinem Degen nicht in der Luft herumschlug, sondern die Degenspitze auf das Herz der Menschen gerichtet hielt, wenn er sie zur Besserung ermahnte. In diesem Kampf blieb er unermüdlich, denn ihm ging es um den unvergänglichen Siegeskranz des Glaubens. Eckhard Hieronymus drückte die Bewunderung vor diesem entschlossenen und furchtlosen Kämpfer aus; er sagte, dass er den Apostel Paulus in seiner Glaubensfestigkeit und seinem Eifer, das Wort des Herrn zu predigen, sich als Vorbild nehme, wissend, dass er wohl kaum an seine Wortgewalt herankommen werde. Doch wolle er ihm nacheifern, sich nach Kräften bemühen, ein guter Pfarrer für die Gemeinde zu sein. Er sei entschlossen, das Wort und die Wahrheit des Herrn zu verkünden, die Gemeinde auf die Folgen der Sünden und auf das Liebesangebot des Herrn hinzuweisen, der die Sünden vergibt, wenn der Mensch sie bereut und bereit ist, Babylon den Rücken zu kehren, und sich bemüht, auf den Weg der Wahrheit, der mit harten Steinen gepflastert ist, zurückzukommen.
Читать дальше