„Weißt du, an was mich diese Situation denken lässt?“
„Nein“, entgegnete Tornis gespannt.
„An alternative Realitäten.“
„An alternative Realitäten?“, wiederholte Tornis, erstaunt, „seine“ Erleuchtung aus „anderem“ Munde vernommen zu haben.
„Ja, an alternative Realitäten“, bestätigte Sinrot.
„Verstehe“, nickte Tornis, „Du denkst an diese Variante der ‚Multiverse–Theorie‘, wonach sich die Realität bei jeder Entscheidung zwischen A und B in alternative Realitäten spaltet, und zwar in eine, in der es nach A, und eine, in der es nach B weitergeht.“
„Genau“, sagte Sinrot, „Auf diese Weise würden mit der Zeit unendlich viele Realitäten geschaffen, die alternativ, parallel also, nebeneinander existieren.“
„Diese Erklärung war unnötig!“, brummte Tornis mürrisch, und dachte: Für was für einen Idioten hält mich dieser Idiot da überhaupt?
„Ist ja gut!“, beschwichtigte Sinrot, „Jedenfalls weißt du, worauf ich hinauswill: Nach dieser Theorie wäre es möglich, dass unsere Entscheidung über den Schmauch–Kredit der Knackpunkt ist, die Entscheidung also ein Gabelungspunkt war, an dem unsere vormals einzige Realität zu zwei alternativen wurde, für jeden von uns eine.“
„Meinetwegen. Aber das erklärt einenPunkt nicht ...“
„Lass mich raten!“, unterbrach Sinrot Tornis, „Nach dieser Hypothese dürften wir uns hier gar nicht gegenübersitzen, da jeder von uns in seiner eigenen Realität weitermachen müsste, ohne vom anderen zu wissen.“
„Du triffst es!“, seufzte Tornis und ergänzte mit gerunzelter Stirn: „Also vermutest du dasselbe wie ich.“
„Ja. Dass irgendetwas an diesem Gabelungspunkt Schmauch–Kredit nicht funktioniert hat, und zwar damit, ...“
„... dass sich unsere Realitäten sauber voneinander gespalten haben, in jeweils eine für mich und eine für dich!“, vervollständigte Tornis Sinrots Satz, und gab zu bedenken: „Wobei der eigentliche Fehler bei der Spaltung unserer vormals gemeinsamen Realität kurz nachder Gabelung aufgetreten sein muss, denn ...“
„... sonst wären wir uns schon an Pechtholds Tür begegnet!“, vervollständigte nun Sinrot Tornis’ Satz. Sinrot kniff die Augen zusammen und schloss: „Unsere Realitäten müssen folglich einige Sekunden nebeneinander existiert haben, bevor das Malheur passierte!“
„Sehe ich genauso“, nickte Tornis.
Wie ausgewrungen hingen sie in ihren Sesseln und wussten nicht, was es momentan noch zu besprechen gäbe. Plötzlich beugte sich Sinrot vor und tippte Tornis an die Schulter.
„Lass das!“, fauchte ihn Tornis, in seinem Sessel hoch fahrend, an, „Ich hasse betatschen. Das müsstest du doch wissen!“
„Ich weiß es!“, beruhigte ihn Sinrot lächelnd, „Wollte nur sehen, ob du wirklich der bist, der du zu sein scheinst, und nicht bloß eine Art Fata Morgana.“
„Witzbold. Ich bin so wenig Fata Morgana wie du. Wir sind echt, verdammt! Und beide hier! In ein und derselben Realität!“
Sinrot nickte und die zwei sanken in ihre Sessel zurück. Ihre Blicke divergierten.
Sinrot starrte durch die Fensterwand nach draußen. Von hier oben hatte man eine Aussicht auf die Frankfurter Skyline bis hin auf die Höhen des Taunus. Herrlich! , dache er. Vielleicht sollte er doch noch mal wandern gehen. In letzter Zeit war er arg zugeschüttet gewesen mit Arbeit, hatte sich mit nichts anderem beschäftigt als mit der Bank. Bank, Bank, Bank!
Tornis beachtete ihn nicht, sondern stierte gedankenverloren auf eine weißblütige Gladiole, die in einer pyramidenförmigen Edelstahlvase auf einer Glasvitrine gegenüber der Fensterwand stand. Seine Frau hatte ihm die Blume (sie stammte aus ihrem Garten) ins Büro geschickt. Tornis fixierte eine der Blüten. So strahlt wahre Schönheit! , dachte er. Sein Blick glitt auf ein Bild, das neben der Blume hing, ein Replikat des Otto Dix Gemäldes „Die sieben Todsünden“. Tornis fokussierte die Nase des Geizes, die Augen des Neids, die Hörner des Zorns, den Mund des Hochmuts, die Sichel der Trägheit, den Schlund der Völlerei, und die Zitze der Wollust. Er lächelte. Im wahren Kunstwerk strahlte auch das Hässliche schön! Schade, dass er nicht mehr selbst malte. Was alles könnte er erstrahlen lassen! Ach „erstrahlen lassen“! Erstehen lassen könnte er ...
„Wie hat Frau Messerschmidt reagiert, als sie dich gesehen hat?“, unterbrach Sinrot Tornis’ „kreative Einkehr“.
Tornis schaute überrascht zu ihm hinüber und sagte:
„Sie dachte, ich sei schon in meinem Büro. Hab ihr einfach noch ein bisschen Urlaub empfohlen und darauf bestanden, dass sie sich einen Termin bei Teufel nimmt. Der solle sich mal um ihre verzerrte Wahrnehmung kümmern.“ Sinrot schien nicht überzeugt, was Tornis auffiel: „Um diese Dame brauchst du dir den Kopf nicht zerbrechen. Die haben wir doch im Griff!“
„Hast wahrscheinlich recht“, nickte Sinrot.
Tornis Blick hing wieder an dem Bild. Sinrot wirkte nachdenklich. Nach einigen Sekunden runzelte er die Stirn, richtete sich in seinem Sessel auf und sagte:
„Unsere Rekonstruktion der Ereignisse legt nahe, dass wir uns in meiner Realität befinden. Aber eben diese Ereignisse lassen mich gegenwärtig an jeder Rekonstruktion sowie an darauf beruhenden Schlüssen zweifeln. Wir sollten also klären, in welcher Realität wir uns befinden, tatsächlich.“
Tornis nickte. Sinrot stand auf, stellte sich an den Schreibtisch, griff den Telefonhörer und tippte eine Nummer ein. Er wartete mit ausdrucksloser Miene. Am anderen Ende der Leitung meldete sich jemand. Sinrot antwortete mit ebener Stimme:
„Schön, dass ich Sie gleich an der Strippe habe, Herr Pechthold. Könnten Sie mir bitte diese Schmauch–Sache noch mal vorbeibringen?“ Er horchte. Nach einem Moment sagte er missmutig: „Klar. Ich wollte trotzdem ein Detail nachsehen.“ Er horchte. Auf einmal sagte er: „Gut. Bis gleich.“ Lautlos legte er den Telefonhörer auf die Gabel, setzte sich und eröffnete Tornis ernst: „Tatsächlich in meiner: Der Kredit ist abgelehnt.“ Tornis pustete gereizt. Sinrot empfahl: „Am besten wartest du im Boudoir, bis Pechthold weg ist.“ (Mit „Boudoir“ hatte er ein Ruhezimmer gemeint, das neben seinem Büro lag. Gelegentlich zog er sich dorthin zurück, wenn er einen „Tapetenwechsel“ benötigte oder bei Musik und Cognac entspannen wollte.)
Tornis nickte, erhob sich, und schritt gemessen der Tür zum Boudoir entgegen. Als er die Gladiole passierte, zuckte sein rechtes Unterlid und unvermittelt – wie ein Krokodil aus Starre auf sein Opfer schießt – schlug er mit dem linken Handrücken kurz und scharf – und knapp über den Vasenhals zielend – auf den Stiel der Blume, sodass dieser sauber wie von einem Skalpell durchtrennt am Rand der Vase abschor und der einen Meter lange Blütenstand zu Boden fiel. Zwei Blüten waren – matt zur Seite gleitenden Ärmchen gleich – von dem auffedernden Blütenstand abgetropft. Tornis verschwand im Boudoir. Das Türschloss klackte.
Sinrot schüttelte den Kopf. Er stand auf, hob die Blüten und den Blütenstand auf, klemmte ihn in den Vasenhals neben den abgesunkenen Stiel und steckte sie in die Außentasche seines Sakkos. Sich sammelnd rückte er seine Krawatte zurecht und nahm an seinem Schreibtisch Platz. Seine Lider erschlafften.
Mainz, Donnerstag, 23. September 2010, 16:40 Uhr
Kommissar Schillings Blick bohrte sich in Sinrots stecknadelkopfgroße rechte Pupille, die wie ein sauberes Einschussloch präzise in der Mitte der reglosen, graublauen Irisscheibe lag. Herr Schilling fühlte sich hoffnungslos begraben unter dieser graublauen Eisplatte, ertrinkend, erfrierend, durch das Loch in einen zufälligen, nicht zu verstehenden Kosmos starrend. Sein Blick klammerte sich an den Rand der Pupille. Vielleicht konnte er dort eine Regung wahrnehmen, ein Zucken, ein Zittern. Doch nichts. Nicht die Resonanz eines Pulsschlags. War Sinrot tot? War er der Tod?
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