Diese Tränentüte wollte sich wirklich um jede Arbeit drücken! , schüttelte er den Kopf. Doch was sollte es, dieses Mal. Sinrot schaute auf die Uhr. Noch dreißig Sekunden müsste er diesen Trottel hinhalten. Na, besser fünfzig. Sicher war sicher.
Eine Minute zuvor im zweiten Souterrain der „RTO–Bank“
Die Hände in den Hosentaschen und eine flache Kakerlake vor seinen Füßen betrachtend lehnte Tornis mit dem Rücken an der Wand eines weißen, hellbeleuchteten Flurs. Er wartete auf eine SMS von Sinrot.
Nachdem an diesem Morgen beide begriffen hatten, dass es sie nun in zwei Versionen gab in dieser Realität, hatte sich die Frage gestellt, wie diese zwei Versionen aus der Bank heraus kämen, ohne Aufsehen zu erregen. Ein „doppelter Sinrot“ wäre schwer zu begründen gewesen. Klar war: Sie mussten warten, bis alle Mitarbeiter das Haus verlassen hatten. Doch auch dann bestand ein Problem: Der Flur zu den Tiefgaragen und diese selbst waren mit Kameras überwacht. Sinrot und Tornis hatten sich daher das Manöver mit dem Aktenschrankschlüssel ausgedacht: Wäre Herr Lippert durch Sinrots Anruf von den Überwachungsbildschirmen abgelenkt, könnte sich Tornis unbemerkt zu seinem Wagen begeben und auf dem Rücksitz verstecken.
Unvermeidbares Manko des Plans war, dass Tornis’ Weg von dem Flur, der zu der Tiefgarage führte, bis zu seinem Wagen, der eben in der Tiefgarage stand, auf jeden Fall im System aufgezeichnet würde. Dieses Manko wog indes nicht schwer, denn niemand würde die Aufzeichnung kontrollieren, ereignete sich in dieser Nacht nicht noch eine Katastrophe in der „RTO–Bank“, wovon jedoch kaum auszugehen war. – Tornis’ Handy vibrierte.
Eine SMS! , lächelte er. „Nokia“ war wirklich zuverlässig. Geräte dieser Firma funktionierten sogar in einer anderen Realität! Wie alles, was Tornis bei seiner Dopplung am Leib getragen hatte, hatte sich auch sein Handy mit ihm gedoppelt, und dies habe er begrüßt, nicht nur, was das Handy betreffe, denn es wäre ihm doch unangenehm gewesen, die gute Messerschmidt mit seiner Nacktheit konfrontiert haben zu müssen. Tornis nahm sein Handy aus der Innentasche seines Sakkos und schaute nach: Ah ja! Die Nachricht von seinem zweiten Handy, einem „Ericsson“, das, wie es aussah, nicht minder zuverlässig war in fernen Realitäten. Aber wichtiger: Sein Alter–Ego sprach nun mit Lippert, dieser Pfeife, und zwar in dieser Realität.
Tornis löschte die SMS – man wisse nie, welche fehlende Spur man irgendwann willkommen heiße! –, steckte sein Handy ein, ging den Flur entlang und bog nach drei Metern in einen anderen, den überwachten Flur ein, der zu den Tiefgaragen führte. Gespannt fixierte er die Stahltür zur Garage. Er sah auf seine Uhr:
Vierzig Sekunden. Genügend Zeit!
Tornis hatte die Stahltür hinter sich gelassen. Den Wagen, einen schwarzen „Audi A8“, hatte er zehn Meter von ihr entfernt geparkt. Er zog den Schlüssel aus der Hosentasche, rotierte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, und klickte aus der Entfernung die Wagentüren offen. Er näherte sich dem Fahrzeug.
Auch in dieser Realität ein schöner Wagen! , dachte er. Ärgerlich presste er die Lippen zusammen. Eine Schande, dass er sich in seinem eigenen Wagen verstecken musste. Auf der Rückbank ! Na ja, lange müsste er dort ja nicht bleiben, wenn sein Alter–Ego diesen Mayer wie geplant zügig abfertigen würde.
Zweieinhalb Minuten später in Sinrots Büro
Die Hände hinterm Kopf saß Sinrot an seinem Schreibtisch und betrachtete unter entspannten Lidern heraus den Sonnenuntergang. Er hatte das Gespräch mit Herrn Lippert gerade beendet. Jetzt wartete er auf Herrn Meyer, der wegen des Aktenschrankschlüssels gleich vorbeikommen würde, – und natürlich auf Tornis’ SMS, die bestätigen würde, dass dieser nun sicher auf der Rückbank weilte. Skeptisch hob Sinrot die rechte Braue und schaute auf die Uhr.
Es ließ sich aber Zeit, sein Neben–Ich. Hoffentlich war nichts schiefgegangen! Aber was sollte schon schiefgegangen sein? Und hätte Lippert es auf einem der Überwachungsbildschirme entdeckt, hätte er garantiert auf dem Handy angerufen, ob Mayer nun doch nicht für den „Schlüsseldienst“ zu kommen brauche. Furchtbar, diese beiden. Die waren wirklich faul wie ...
Plötzlich klingelte Sinrots Handy. Er schaute überrascht – war das Lippert?! –, zog sein Handy aus dem Sakko und betrachtete das Display. Nun schaute Sinrot noch überraschter:
Sein Neben–Ich!
Kopfschüttelnd nahm Sinrot das Gespräch an und sagte:
„Wieso rufst du an? Ich dachte ...“ (War Sinrot diese Unterbrechung recht?) Seine Augen verengten sich und in geordneter Anspannung richtete er sich in seinem Sessel auf. „Im Kofferraum?“, fragte er auf einmal mit einer Vibration in der Stimme, als stürzte sie gerade in sich zusammen, seine Ordnung. Er horchte – das Handy eng ans Ohr gepresst –, stand auf, und fuhr sich mit der Linken durch die Haare. Getrieben lief er durch den Raum. „Scheiße!“, platzte es wie gespien aus ihm heraus. Er blieb stehen, sah, den Atem hinter zusammengekniffenen Lippen eingekerkert, auf seine Uhr und fuhr hektisch fort: „Ja, ja, ist klar. Keine Sorge. Ich krieg das hin. Noch ist ja Zeit. Bleib einfach, wo du bist.“
Sinrot beendete das Gespräch, steckte bedachtsam sein Handy ein, und überlegte:
Bis Mayer wegen des abgebrochenen Schlüssels kommt, werden bestimmt noch fünf Minuten ins Land ziehen. Zeit genug.
Sinrot pfiff die Luft aus und eilte in den Vorraum seines Büros. Flimmernd wie ein Strichcodescanner hetzte sein Blick über Frau Messerschmidts Arbeitsplatz.
Dreieinhalb Minuten zuvor in der Tiefgarage
Als Tornis seinen „A8“ erreichte, ließ er den Schlüsselhalm geschickt in die Innenfläche seiner Rechten rotieren, während seine Linke sich nach dem Griff der hinteren Tür ausstreckte.
„Guten Abend Herr Sinrot“, kikerikite es unverhofft von der Seite, „Noch im Hause?“
Er drehte sich entgeistert um. Frau Messerschmidt stöckelte knöchern auf ihn zu. Offenbar war sie verblüfft, ihn so spät noch an diesem Ort anzutreffen. Säuerlich lächelnd zog sich ihr Gesicht wie eine leergesaugte Brötchentüte zusammen.
„Wie sie sehen“, entgegnete Tornis perplex, doch gefasst, trat einen Schritt vor und blieb neben der Fahrertür stehen. Einem Blitz gleich war ihm die Essenz der Situation ins Bewusstsein geschossen: Die hatte was im Büro vergessen! Er musste unbedingt verhindern, dass sie seinem Alter–Ego dort in die Quere kam! Aber wie? – Erst auf Zeit spielen! Allerdings nicht auf zu viel Zeit, denn Lippert musste jeden Augenblick wieder die Bildschirme begaffen. „Das ist ja eine Überraschung“, sagte Tornis also, und ergänzte streng: „Was machen Siedenn noch hier, zu solch später Stunde?“
Frau Messerschmidt errötete wie eine Frühpubertierende, die man beim Zuknöpfen ihrer Bluse ertappt hatte. Sie stotterte:
„Ich, ich, ich hab meine Blutdrucktabletten vergessen. Also, in der Mittagspause war ich einkaufen und hab meine Einkauftasche oben stehen lassen, als ich nach Haus bin. War heute etwas ...“
„Aber Frau Messerschmidt!“, unterbrach Tornis sie mit väterlicher Wärme in der Stimme, „Sie brauchen sich doch bei mirnicht wegen derartiger Details zu rechtfertigen“, und er beruhigte sie wohlwollend schmunzelnd: „Das kann jedem passieren!“
„Ich dacht ja nur“, meinte sie erleichtert, wenngleich verlegen zu Boden schauend.
„Ist schon gut“, nickte Tornis, der jetzt eine Idee hatte, wie die Lage zu entschärfen sei. „Dann gehen Sie mal besser. Ist schon spät.“
„Ja“, atmete sie auf, „Und schönen Abend noch, Herr Sinrot.“
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