Höhere „emotionale Impulse“ hatten bei Sinrot also keine Chance. Keine Chance also für Sinrots künstlerische Neigung, zur Berufung zu erblühen. Keine Chance also für Sinrot zu sehen, dass es mehr geben könnte im Leben als ein Plus in der Bilanz. Keine Chance also für ihn zu verstehen, dass sein Leben auch Erfüllung hätte sein können. Doch eine Chance hatte er! Und die bestand in dem, was gleich geschehen würde, wenn er sein Büro beträte: Er würde sich selbst begegnen. In Fleisch und Blut!
Inwieweit sollte darin eine Chance bestehen? Ganz einfach: Er und sein anderes Selbst würden feststellen, dass sie nun doppelt in ein und derselben Realität existierten. Und schnell würden sie begreifen, dass sie jetzt nicht einfach doppelt zur Arbeit erscheinen könnten, dass sie jetzt nicht einfach der einen Frau, die sie hatten, ein doppelter Ehemann sein könnten, dass sie jetzt nicht einfach ihr eines, aber nun doppelt vorhandenes Leben doppelt leben könnten, denn für dieses eineLeben gab es nun einmal nur einenRahmen, nur eineRealität. Und genau aus dieser Einsicht ergäbe sich eine zwingende Konsequenz und mit dieser eine Chance:
Einer der beiden würde einen anderen Weg gehen müssenals der andere! Während der eine sein bisheriges Leben „weiterleben“ würde, würde der andere ein neues finden müssen. Aus dieser Notwendigkeit wiederum würde sich dieChance für jeden Sinrot ergeben, denn jeder Sinrot würde „sich selbst“ (im anderen!) beobachten können. Ohne vagen Emotionsnebel. Ohne madiges Rumoren. Gleichsam in einem experimentellen Setting. Sachlich und sezierend. Jeder der beiden würde hierbei feststellen, was ihm im Vergleich zum anderen fehle auf „seinem“ Weg, und instinktiv das einzig „wahre Gefühl“ „fühlen“, zu dem er in der Lage war: Neid. Neid, auf den Vorteil des anderen. Jeder der beiden würde also über „natürlich“ empfundenen Neid „fühlen“ können, dass es jenseits der eigenen objektivierbaren Vorteile noch anderes gebe, das zum Wohl der eigenen Person beitragen könne. Wäre ein einzelner Sinrot ohne Doppel nie in der Lage gewesen, eine alternative Erfüllung seines Lebens zu erkennen, würde dem gedoppelten sein Doppel genau die Krücke sein, ihm dieses Erkennen zu ermöglichen. Und nachdem wir nun um diese Mechanik wissen, können wir mit Sinrot dessen Büro betreten, die Szene also weiterlaufen lassen:
Sinrot sah Sinrot über einem Dokument vertieft an seinem Schreibtisch sitzen und blieb stehen. (Der Einfachheit halber sei der zuletzt in den Raum gekommene Sinrot schlicht Tornis genannt.) Wie im Reflex drehte sich Tornis nochmals zu Frau Messerschmidt um, ließ sie wissen, dass er jetzt nicht gestört werden wolle (sie hatte wieder eine diskretere Gesichtsfarbe angenommen und nickte verlegen), und warf die Tür hinter sich zu. Sinrot hatte diese schon sich öffnen hören, aufgeblickt, und erstaunt Tornis die Anweisungen in den Vorraum geben sehen. Nun schloss Sinrot seinen Mund und die beiden starrten einander an.
Das Cholesterin war doch okay gewesen. Ebenso Elektrolyte und Serumproteine. Handelte es sich hier um einen Scherz?
Sinrot erhob sich aus seinem Schreibtischsessel, kam bedachtsam hinter seinem Glasschreibtisch hervor und ging fünf Schritte auf Tornis zu. Auch dieser näherte sich seinem Gegenüber fünf Schritte an. Mit reglosen Mienen blieben sie einen Meter voneinander entfernt stehen und sahen sich in die Augen. Die seltenen Lidschläge glichen ihren Rhythmus einander an. Die feingeschnittenen Nasenflügel hoben und senkten sich sanft mit der Atmung. Die schmalen Lippen lagen still aufeinander.
„Wer sind Sie?“, fragte Sinrot plötzlich.
„Was machen Sie in meinem Büro?“, entgegnete Tornis prompt.
Sekunden verstrichen. Die beiden musterten einander. Einmal strich der Blick auf die Krawattennadel des Gegenübers – die gleiche Krawattennadel! Weißgold mit Saphir! –, einmal glitt er über dessen „Schmiss“ – und die gleiche Narbe! –, und schließlich verharrte er wieder in den winzigen Pupillen. Widerwille wich Entsetzten, Entsetzen Erstaunen. Aber Sinrot und Tornis begannen, das Wesentliche der Situation zu begreifen:
Der Kerl da, der war so echt wie er! Und jeder der beiden überlegte: Eigenartig. Obwohl er sich sicher war, sich selbst in die Augen zu sehen, verspürte er keine Sympathie für sein Gegenüber. Seltsam, denn er mochte sich, dachte er. Doch nun empfand er nichts. Gut, Reserviertheit, womöglich auch Befremden. Aber eigentlich empfand er nichts. Merkwürdig. Das musste an der besonderen Situation liegen. Man steht sich schließlich nicht jeden Tag gegenüber! Interessantes Phänomen.
„Ich schlage vor, wir lösen dieses Problem gemeinsam“, sagte Sinrot unvermittelt.
„Ich stimme mit Ihnen – ach, was sag ich denn da? – mit dirüberein“, entgegnete Tornis, und schloss: „Aber setzen wir uns erst mal.“
Sinrot nickte. Ihm und Tornis war emotional, gar impulsiv zu reagieren suspekt wie dem Asketen das Fleisch. So wunderte es nicht, dass sie sich rasch von dem Schock ihres Aufeinandertreffens erholt hatten und harmonisch in ihren gewohnten „Modus operandi neutralis“ überglitten. Sinrot drehte sich um und sie steuerten gemessenen Schrittes ihren Schreibtisch an. Ohne das Momentum seiner Bewegung zu variieren, zeigte Sinrot auf einen der Gästesessel davor und schlug Tornis „neutral“ lächelnd vor:
„Hier, bitte schön!“
Tornis blieb stehen, sah Sinrot, der ihn nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen hatte, starr an, wies auf die Sitzpolster zweier Sessel, und sagte bestimmt:
„Setzen wir uns lieber hierhin.“
Sinrots Momentum gefror. Er hatte gerade an seinem Schreibtisch Platz nehmen wollen. Seine Fingerspitzen stützen sich noch auf die Tischplatte. Er zögerte, richtete sich auf und sagte:
„Gut.“
Er kam hinter dem Schreibtisch hervor und die beiden nahmen, einer dem anderen gegenüber, in den Sesseln Platz. Argwöhnisch beäugten sie einander. Und ihre Gedanken kreisten um dieselben Fragen: Eindeutig sitze er sich selbst gegenüber und betrachte sich– aus der Distanz. Gleichzeitig aber befinde er sich – in sich selbst, der Person also, die er gerade denke und in diesem Sessel sitzen spüre, derweil selbst nicht betrachte. Und betrachte er sich selbst (beiden schaute jetzt auf ihre Knie), sei nichts – außer der Perspektive – anders am Eindruck seiner selbst. Genau. (Und sie sahen sich wieder in die Augen.) Beide Eindrücke schienen gleich, beide Perspektiven echt. Und in keiner fühle er sich näher oder weiter von sich selbst entfernt. Heiße dies, dass er sich selbst nah sei? Oder bedeute es Distanz? Gewöhnungsbedürftig jedenfalls, diese Situation.
Ihre Blicke verfinsterten sich, denn ein jeder vermutete, dass seinem Gegenüber die gleichen Fragen im Kopf herumspukten wie ihm selbst, was beide verunsicherte, ihnen ein Gefühl der Nacktheit gab. – Diese Situation war in der Tat gewöhnungsbedürftig! – Beiden rückten ihre Krawatte zurecht und sahen einander an.
„Wann warst du zuletzt hier?“, unterbrach Sinrot die Stille.
„Vor einer halben Stunde“, antwortete Tornis ob der Frage überrascht, denn dies habe er sich nicht gefragt! Sinrots Stirn legte sich in Falten. Sofort hatte er sich vergegenwärtigt, selbst genau solange nicht in seinem Büro gewesen zu sein, bevor er gerade eben dorthin zurückgekehrt war. Tornis hatte das Stocken seines Gegenübers registriert und fragte gespannt: „Warst duwährend dieser Zeit hier?“
„Nein. Ich bin gerade erst zurückgekommen.“
Sie sahen einander scharf an.
„Und wo warst du?“, hakte Tornis ungeduldig nach.
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