Das Flackern hatte aufgehört. Schläge, Stöhnen, Schnaufen. Ein Augenblick der Ruhe. Und ein schleifendes Geräusch, als ob ein schwerer Sack über rauen Boden gezogen würde. Wieder Ruhe. Und nach einem Moment ein plumpsendes Geräusch, als hätte man ein totes Schwein auf das Trottoir geschmissen.
Das Licht flackerte und man sah den Riesen mit den Schultern gegen die Wand der Tordurchfahrt gestaucht. Seine Brust war wulstig angewinkelt gegen den Bauch, der sich auf den fleischigen Lenden über den Boden geschoben hatte. Arme und Beine lagen schlaff wie angestochene Weinschläuche auf dem Pflaster. Der schlanke Mann, in der Hocke über den Riesen gebeugt, hatte das Kanteisen in dessen Magengrube und seine Stirn gegen dessen Stirn gedrückt. Das Gesicht des schlanken Mannes glänzte rot. Das Rot lief auf das Gesicht des Riesen herab.
Wieder war es dunkel. Schnaufen, Stöhnen, in der Klanglage variierendes Wimmern. Das Wimmern hörte sich ungut an, vermittelte die Abwesenheit jeder Hoffnung, gar verzweifeltes Wissen. Wieder ein Schlag, gefolgt von Stille.
„Du hast dir den Falschen ausgesucht, Fettsack!“, flüsterte es gepresst. Wimmern. Noch unguter, wenn man das so sagen kann, aber man kann das so sagen, denn eine Steigerung gibt es bei diesen Eigenschaften immer. Kristallen hörte man ein glitschiges Geräusch, als zöge man zwei blutnasse Sirloin–Steaks auseinander, und erneut flackerte das Licht und beide Männer waren zu sehen. Der Riese lag in die Ecke zwischen Wand und Boden gequetscht, der schlanke Mann beugte sich nach wie vor oder wieder über ihn und hatte das Kanteisen mit der Rechten in dessen Magengrube gestemmt. Die linke, nassrote Hand hielt sich der Mann an die Schläfe. Das glitschige Geräusch hatte vermutlich von dort gestammt. Und dunkel war es. „Du hast mir mein Gesicht ruiniert, du Rotz!“, flüsterte es. Wimmern, dann Ruhe. Schließlich ondulierte sich wieder Wimmern in die Ruhe. „Du hast Glück“, flüsterte es, „Du hast deinen Fettarsch voll Glück.“ Ein Schlag, Knacken und knisterndes Knirschen, als zerquetschte man eine Handvoll Erdnüsse, oder wie von zerbröselnden Zähnen, und nochmals Wimmern, feucht, blubbernd. „Glück, dass wir’s hier nicht lauschig haben“, flüsterte es. Ein Schlag, Prusten, Stöhnen, Wimmern. „Glück, dass wir hier nicht wirklich entre nous sind“, flüsterte es. Ein Schlag, Gurgeln, Wimmern. „Glück, dass ich dich hier nicht länger herumverenden lassen kann!“, flüsterte es.
Lauteres Wimmern. Und Flackern, diesmal heller, fast grell, sodass man glasklar sah – die Essenz der Szene war perfekt getroffen! –, wie der schlanke Mann mit aller Wucht und beiden Händen das Kanteisen nach oben in die Magengrube des Riesen presste, hebelte, rüttelte. Die Augen des Riesen waren aufgerissen, der Mund klaffte modrig wie ein zerfetztes Schlammloch. Das Gesicht des schlanken Mannes glänzte rot und verzerrt. Dunkelheit. Und ein schmatzendes Geräusch, und aushauchendes Ächzen. Das schmatzende Geräusch hatte von dem Kanteisen hergerührt, das sich, nachdem seine aufgestaute Kraft sich in der Perforation von Hemd und Haut entladen hatte, durch das subkutane Fettgewebe des Riesen gebissen hatte, und durch die Bauchmuskeln, das Zwerchfell, den Herzbeutel, den rechten Herzventrikel, die Lungenstammarterie und schließlich den Aortenbogen. Das aushauchende Ächzen hatte von dem Riesen hergerührt, als er mit dem letzten Biss sein Leben ausgehaucht hatte.
Nun folgte Stille und dieser Knirschen, als stünde jemand auf. Das harte Klacken von Ledersohlen auf Stein. Aus dem Dunkel der Einfahrt schob sich der Schatten des schlanken Mannes auf die Telefonzelle zu. Er riss die Tür auf, schritt hinein. Man hörte das federnde Klicken, das die Hörergabel beim Abheben des Hörers verursacht hatte. Das metallische Klirren von Münzen, das trockene Klicken der Wahlknöpfe, und schließlich genervtes Schnaufen. Der Mann schien zu warten, dass sein Anruf angenommen würde. Das Licht flackerte und man sah die Stirn des Mannes (ab den Brauen war das Gesicht von einem Plakat, das auf der Telefonzelle klebte, verdeckt). Über die linke Stirn verlief eine klaffende Wunde, in deren Tiefe man Knochen erkannte. Nach drei Sekunden Dunkel sagte der Mann mit ebener Stimme:
„Hallo Ortwin. Tut mir leid, dich zu wecken, aber ich brauch deine Hilfe.“ Nach einer Pause hob er nochmals an: „Hab Scheiße gebaut, nichts Schlimmes, aber mit meiner besseren Hälfte könnt’s Probleme geben. Erklär ich dir später. – Ist Paul da?“ Pause. Dann sagte der Mann: „Gut. Also, hör mir jetzt bitte genau zu. ...“ Die Zellenbeleuchtung flackerte. Das Rot der Wunde glänzte kalt.
Frankfurt, Montag, 19. Juli 2010, 10:27 Uhr, RTO–Bank Tower
Die linke Augenhöhle war gerahmt vom Halbmond einer Narbe, der sich von der Stirn über die Schläfe bis unter das Jochbein zog. „Mein Schmiss!“, wie Gerhard Sinrot auf Nachfrage erläutert haben würde. Nun indes hatte er nichts zu erläutern. Er schwieg. Herr Pechthold starrte ihn an.
Das Fenster spiegelte sich scharf in Sinrots graublauen Iriden. Die filigranen Nasenflügel hoben und senkten sich sanft mit der Atmung. Die hochmütig geschwungenen Lippen ruhten aufeinander. Mit kaum sichtbarem Beben hob die obere sich rechts verächtlich an und er fragte Herrn Pechthold leise, aber streng:
„Bitte?“
Herr Pechthold duckte sich, rückte seine Brille zurecht, wirkte nervös, wie immer, wenn Sinrot im Raum war. Es war die Furcht des Schafs, um das der Wolf strich. Zögerlich sah Herr Pechthold wieder auf zu Sinrot.
Dieser stand schlank und erhaben wie ein Denkmal seiner selbst vor dem Schreibtisch. Das feinkörnige Grau seines Anzugs schimmerte wie samtgebürsteter Granit. Die Arme verschränkt, hatte er den kantigen Schädel nach hinten geneigt. Sein kurzes Haar glitzerte wie schwarzer Edelstein. Seine Miene verströmte Frost. Starr. Lichtlos. Sinrots Nasenspitze senkte sich, als erschnupperte er das „Befinden“ seines Gegenübers. Er fixierte Herrn Pechtholds Glatze, die glänzte, und auf ihr eine Schweißperle. Herr Pechthold sammelte sich, hüstelte.
„Na ja“, antwortete er mit einer Stimme, die fast in sich zusammenbrach, „ich meine, wir sollten da ein wenig nachhaken. Mir erscheint das ein bisschen wackelig, das Ganze.“
Sinrot sah Herrn Pechthold in die Augen. Herrn Pechtholds Lider zitterten. Sinrots lagen schlaff auf den Augäpfeln. Er dachte:
Was wagte der sich überhaupt, zu widersprechen, dieser Wicht! Doch recht hatte er: Diesen Kredit würde man besser nicht geben! Richtig erkannt. Das war schon eine Leistung für ein Wesen mit einer ranzigen Nuss auf dem Hals! Dieser dumme Nusskopf. Aber war der Einwand relevant? Diesen könnte er, Sinrot, bei Bedarf schließlich spielend hinwegfegen! Nichtsdestoweniger: Warum die zwar geringe, doch spürbare Mühe eines Disputs? Was hätte er denn davon, wenn Schmauchs den Kredit bekämen? Gut, Emma hatte ihn gebeten, obwohl auch sie nichts davon hätte. Oder? Ach, egal!
Sinrots Oberlippe hob sich leicht und er erwiderte väterlich:
„Machen Sie sich keine Sorge, mein guter Pechthold. Wenn ichIhnen sage, wir können diesen Kredit geben, dann könnenwir ihn auch geben. Nicht wahr, Herr Pechthold?“ Herr Pechthold blinzelte ergeben hinter seiner Brille, die jetzt das Licht der Neonröhren verblitzte. Sinrot zuckte mit der rechten Braue in Richtung des Füllers, den Herr Pechthold genau parallel zum rechten Rand des Kreditvertrags platziert hatte. Herr Pechthold nahm den Füller in die Hand. Sinrot lächelte mitleidig. „Haben Sie sonst noch eine Frage, HerrPechthold?“
„Im Augenblick nicht, Herr Sinrot.“
„Nun, melden Sie sich einfach, wenn etwas ist.“
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