Sinrot und Herr Schilling sahen sich an. Herr Schilling zupfte an seinem Revers, als spannte es über dem Bauch (was es im Übrigen tat), und räusperte sich. Das Zusammenspiel des weichen Gesichts und der unsteten Augen legte Unruhe nahe.
Ängstliche Unruhe , dachte Sinrot. Und verständnislose Leere. Im Kopf. Diesem verschimmelten. Ah, wie ihn das doch angeekelte, diese erbärmliche Dumm... Lediglich den Arm bewegend zog Sinrot sein Taschentuch hervor und hielt es sich erneut unter die Nase. Auf jeden Fall stank sie. Ob sie auch ansteckend war, diese Dummheit? Sinrot nahm einen tiefen, reinigenden Atemzug durch das Tuch und nickte. Davon könnte man ausgehen, vergegenwärtigte man sich die epidemische Verbreitung dieses unschönen Phänomens. Genau. Er sollte vorsichtig sein. Ein Virus genügte ihm!
Sinrots Blick verfinsterte sich.
Ärgerlich, dieses behördliche Kasperletheater! Gerade jetzt hätte er Besseres zu tun, als mit diesem Seppel seine Zeit zu ... Ja, gerade jetzt könnte er sich nochmals seinem Problem widmen, dieser Virus–Geschichte, diesem Verdopplungsdesaster auf den Grund gehen! Und was machte er? Jetzt? Hier? Seine Zeit mit diesem seppeligen Schimmelschilling verplempern! Na ja, ewig konnte es nicht mehr dauern, dieses Theater –, wenn dieser Nasenhaarbär mal endlich voranmachte! Sinrot presste die Lippen zusammen und steckte sein Taschentuch weg. Dieser Schilling begriff aber auch gar nichts! Unangenehm, solche Massen überflüssiger Dummheit!
Nach einer Weile fühlte sich Sinrot bemüßigt, Herrn Schillings situativem Verständnis „ein bisschen auf die Sprünge zu helfen“:
„Die Beschreibung des Bildes ist übrigens abgeschlossen, Herr Kommissär. Hat sie Ihnen gefallen?“
„Durchaus präzise, die Beschreibung“, nickte Herr Schilling, „Gut gemacht, Herr Sinrot.“
Sinrot war abgestoßen: Er benötigte Schillings Lob nicht! Jener betrachtete den dichten Haardschungel, der aus den Nasenlöchern seines Gegenübers quoll. Unästhetisch! Unvollkommen! Sinrot verspürte einen Ansatz von Ekel.
„Nun denn“ beendete Herr Schilling das Schweigen, „Dann wollen wir mal zur Interpretation des Bildes schreiten.“
„Zum Spekulativen.“
„Auch, wenn Sie es so nennen möchten, ist es so nicht“, berichtigte Herr Schilling Sinrot, diesen fixierend. Sinrot schaute apathisch durch ihn hindurch. Plötzlich fragte Herr Schilling: „Also: Von wem, denken Sie, wurde diese Frau fotografiert?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“
„Dann ‚spekulieren‘ Sie mal.“
Herrn Schillings Augen funkelten wieder, diesmal aber gespannt, was Sinrot indes nicht berührte, da er keinesfalls hier sei, diesen Überflüssling zu unterhalten, doch empfinde ersich nun unterhalten. Sinrot legte daher seine „Spekulation“ zum Thema dar:
„Von einem Mann vermutlich.“
„Ach. Wie kommen Sie denn darauf?“
„Sollte ich meine ‚Spekulation‘ etwa begründen?“
„Natürlich. Wir wollen uns doch ein wenig kennenlernen.“
Derartige „Jovialitäten“ waren nicht nach Sinrots Geschmack:
„Ich lege keinen Wert auf Ihre Bekanntschaft.“
„Das ist mir egal. Also, was bewegt Sie zu diesem Schluss?“
„Die Gladiole“, antwortete Sinrot phlegmatisch, „Denn es macht den Anschein, die Dame freue sich, die Blume bekommen zu haben, sie halten zu dürfen. Und bei Personen ihres Schlages – ich halte sie für eine durchschnittliche, recht simple Person – verursacht der ‚romantische‘ Kontakt zum anderen Geschlecht, welcher üblicherweise mit Blumengaben einhergeht, schlichte Freude.“
„Interessant“, lächelte Herr Schilling. Sinrots Blick leerte sich. „Und warum“, nahm Herr Schilling den Faden wieder auf, „hat dieser unbekannte Fotograf der Frau geradeeine Gladiole geschenkt? Wollte er ihr damit etwas Bestimmtes sagen?“
„Sie unterstellen symbolischen Charakter des Geschenks?“
„Ja. Das regt die Phantasie an.“
Sinrots Oberlippe wölbte sich degoutiert.
Für wen dieser Dummhansel ihn hielt, brauchte ihn nicht zu kümmern. Aber zu versuchen, jede Handlung, die man nicht verstand, mit irgendeiner volkstümlichen Symbolik zu assoziieren, erreichte noch nicht einmal das Niveau des Trivialen. Wenn dieses Spatzenhirn jedoch eine Symbolik wollte, konnte er ihm ruhig eine hinwerfen, wobei er sinnvollerweise davon absehen sollte, die des Schwertes auszubreiten. Besser beschränkte er sich auf die des Gemeinen, die in jeder Schundgazette zu eruierende. Zudem wollte er den armen Schilling doch nicht überfordern!
Sinrot erläuterte folglich behutsam:
„Naheliegend ist, dass der gemutmaßte Herr der Dame nicht nur eine wie auch immer geartete ‚Zuneigung‘, sondern ebenso seine ‚Wertschätzung‘ bekunden wollte. Die Wertschätzung ihrer unabhängigen und starken Persönlichkeit. Denn symbolisch wird die Gladiole ‚gemeinhin‘ mit diesen Attributen belegt.“
„Schön. Können Sie sich auch eine andere Symbolik vorstellen?“
„Man kann sich vieles vorstellen, Herr Schilling, was ich derweil nicht elaborieren möchte. Ich beginne mich zu langweilen.“
„Mögen Sie Gladiolen?“
„Frische, feuchte schon“, entgegnete Sinrot kalt. Herr Schilling schluckte. „Wann schaut eigentlich der gute Hauptkommissar Wimmer noch mal vorbei?“, erkundigte sich Sinrot mitfühlend.
Frankfurt, Montag, 19. Juli 2010, 21:20 Uhr, Sinrots Büro
Sinrot saß, die Arme hinterm Kopf und unter losen Lidern heraus den Sonnenuntergang betrachtend, in seinem Schreibtischsessel. Es war kühl und roch nach Kaffee. Die Deckenbeleuchtung war ausgeschaltet, der Laptop lief. Arbeitete Sinrot in den Abend hinein, bevorzugte er dieses Beleuchtungssetting. Er konnte sich dann besser auf den Bildschirm konzentrieren – und bedurfte er eines erholsamen Blickes, spendete der Abendhimmel, ohne von dieser grellen Deckenbeleuchtung gestört zu sein, deutlich üppigere Regeneration. Sinrot schaute auf die Uhr.
Wann kam der Kerl denn endlich? Der war schon fünf ...
Sinrot horchte auf. Über den Marmorboden des Foyers schlurften schwere Schritte. Die Tür zu seinem Büro hatte Sinrot offen, die von Frau Messerschmidts Vorraum zum Foyer angelehnt gelassen, damit er nicht verpasse, wenn Herr Mayer (einer der beiden Wachmänner, die in dieser Nacht Dienst hatten) vorbeikomme. Sinrot stand auf, nahm, als wäre er in wichtiger Obliegenheit unterwegs, eine Akte in die Hand und schlich in den Vorraum. Er stellte sich mit der rechten Schulter an die Tür zum Foyer und versetzte den Kopf durch annähernd S–förmiges Verschieben des Halses leicht zur Seite, sodass das rechte Ohr wie ein Lauschtrichter knapp über der Tür zu schweben kam. Sinrot horchte. Die Schritte näherten sich, das Ohr zuckte – und erstarrte.
Jetzt musste Mayer am Büro vorbeilaufen! , dachte Sinrot. Die Schritte entfernten sich. Sinrots Ohr entspannte, er öffnete die Tür einen Spalt, und lugte hinaus. Tatsächlich! Mayers Fettarsch! Der war wirklich spät dran heute, doch gekommen!
Behutsam schloss Sinrot die Tür und ging zurück in sein Zimmer, wo er sich an den Schreibtisch setzte. Er zog sein Handy aus der Innentasche seines Sakkos, überprüfte, ob es angeschaltet war, und legte es vor sich auf den Tisch. Ruhig nahm er den Hörer des Tischtelefons ab, tippte eine Nummer ein, und wartete.
„Guten Abend Herr Lippert!“, sagte er auf einmal, horchte, griff sein Handy, und schickte eine SMS ab. Herr Lippert war der zweite Wachmann. Er wechselte sich mit Herrn Mayer bei den Rundgängen ab. Mit dem Anruf in die Sicherheitszentrale hatte Sinrot gewartet, bis er Herrn Mayer auf Patrouille wisse und er folglich Herrn Lippert am Apparat habe. Diese „kommunikative Präferenz“ Sinrots hing mit einer „kreativen“ Eigenart Herrn Lipperts zusammen: Reproduzierbar malte dieser Figürchen auf die Schreibtischunterlage, wenn er telefonierte, und hatte dabei die Überwachungsbildschirme nicht im Auge. Sinrot wusste um diese Eigenart, weil er selbst sie jüngst bemängelt hatte. Und er machte sie sich nun zunutze, um Herrn Lippert entgehen zu lassen, was er ihm entgehen lassen wolle. „Genau der!“, sagte Sinrot, seinen Namen bestätigend, „Herr Lippert, ich hab da ein kleines Problem: ...“ Sinrot war unterbrochen worden. Er lächelte verständnisvoll wie der liebende Vater, der dem Sohn das vorlaute Geplapper, dessentwegen man ihm besser eins hinter die Löffel geben würde, dass es nur so krache, gerne durchgehen lasse, weil dummerweise die Großtante im Raum sei und zusehe. „Ja, es ist spät“, kam er wieder zu Wort, „und ja, ich bin noch im Büro. Es geht um Folgendes: Mir ist der Schlüssel zu meinem Aktenschrank abgebrochen und ich bräuchte dringend eine Akte ...“ Wieder war Sinrot unterbrochen worden. Aber auch diese Unterbrechung nahm er gelassen, ja, sie kam ihm sogar entgegen, denn sie schenkte ihm willkommene Zeit. „Ja, ich weiß, dass Sie kein Schlüsseldienst sind“, sagte er unvermittelt, „Die Akte brauche ich trotzdem!“
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