Das Mädchen mit den abrasierten Haaren starrte ihn fassungslos an. »Willst du uns etwa so eine abgefahrene Story auftischen von Teenagern, die sich im Wald verlaufen haben und dann auf Hexen und Monster stoßen?«
Michael schüttelte den Kopf. »Nein, das will ich nicht. Ihr wolltet doch wissen, wo wir sind, und ich kann und will euch auch gar keine heile Welt vorspielen. Denn die Gefahren, von denen ich gerade gesprochen habe, sind real.«
Neles Augen hatten sich bei seinen Worten geweitet. Sie klammerte sich noch fester an Piet, sodass dieser keine Luft mehr bekam und sich von ihr befreite.
Das aufgeregte Mädchen fing lauthals an zu heulen, sodass Mia sie genervt anfuhr: »Jetzt beruhig dich mal wieder. Glaub dem Spinner kein Wort. Der verarscht uns doch nur.«
Piet schüttelte ungläubig den Kopf. »Ich weiß nicht. Von was für Gefahren sprichst du? Was kann so gefährlich sein, dass wir sogar davor fliehen müssen?«
Michael seufzte laut. Er hätte den Kids gerne eine Erklärung erspart. Aber sie mussten Bescheid wissen.
Mia schüttelte den Kopf. »Ihr seid die Freaks, nicht ich. Ihr seid echt Spinner. Ich werde jetzt zurückgehen. Kommst du mit, Luca?« Sie wartete gar nicht erst die Reaktion des korpulenten Jungen ab, drehte sich von den anderen fort und ging in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Mit einem großen Sprung war Michael vor ihr und versperrte ihr so den Weg. Er sah ihr Erstaunen über seine Beweglichkeit.
»Auch wenn du mir nicht glauben willst, ihr seid im Schattenreich gelandet, und die Schatten sind sehr unangenehme Zeitgenossen, denn sie waren es, die Nele so durchdrehen ließen.«
Für einen Bruchteil blickten ihn ihre schokobraunen Augen ungläubig an, dann verfielen sie und auch die anderen in heiteres Gelächter.
Michael verdrehte genervt seine Augen. »Komisch sind andere Dinge. Vor euch steht kein Pausenclown. Ich will euch helfen, und ihr nehmt mich nicht für voll. Am liebsten würde ich euch eurem Schicksal überlassen, aber das kann ich nicht. Ich fühle mich, obwohl ihr so frech zu mir seid, verantwortlich für euch.«
Das Mädchen legte den Kopf leicht schief, als würde es über eine Entscheidung nachgrübeln, dann verzogen sich seine Lippen zu einem stummen Wort: Na gut!
Das war immerhin schon einmal ein kleiner Anfang. Innerlich atmete er erleichtert auf. Diese Bande in Sicherheit zu bringen war ja schwieriger, als einen Sack Flöhe zu hüten. Er wusste schon, warum er nicht Kindergärtner oder sogar Lehrer werden wollte.
»Okay, nun mal zu den Fakten. Ich habe euch keinen Scheiß erzählt. Normalerweise landet man hier nur, wenn man stirbt.«
Nele gab einen spitzen Schrei von sich, den Michael instinktiv mit einem lauten Knurren beantwortete.
»Nele, ich weiß, dass die Situation, in die ihr geraten seid, alles andere als schön ist, aber reiß dich zusammen. Ich habe keine Lust, dass die Schatten uns entdecken und wieder auftauchen. Ihr könnt bestimmt zurück in die Welt der Sterblichen, und ich kenne auch den Weg. Nur …« Michael hielt inne, sah alle nacheinander direkt und ernst an.
»Was … nur?«, fragte ihn Mia herausfordernd.
Michael holte tief Luft, bevor er weitersprach: »Nur müssen wir es auch bis zu diesem Übergang schaffen. Dieses Land birgt Gefahren, die selbst ich noch nicht alle kenne. Ich kann euch nur versprechen, mein Möglichstes zu tun, um euch zu retten.«
Er sah den Kindern an, dass seine Antwort sie regelrecht geschockt hatte. Aber die Wahrheit war besser als irgendwelche Illusionen und eine damit verbundene Unachtsamkeit.
In der Hölle
Der Teufel lachte sich ins Fäustchen und murmelte: »Die beiden sind erstmal beschäftigt. Die kleine Wölfin soll mir zeigen, wie groß ihre böse Ader wirklich ist. Dagegen war ihr Maulwurfspiel bei den Werwölfen der reinste Kindergarten.«
Er rieb sich die Hände bei dem Gedanken an seine genialen Pläne. Ach, es ist so schön herrlich, böse zu sein. Was entging den sittsamen Kreaturen doch für ein Spaß. Und einen Mordsspaß würde er sich mit dem nächsten Schachzug gönnen. Es ist fantastisch, die beiden Holzköpfe dabei zu beobachten, wie sie das Herz der kleinen, weißen Hexe knacken wollen. Diese Trottel!
»Ei der Daus.« Der Teufel klatschte vor Entzücken in die Hände. Er würde ein Rennen um die Hexe veranstalten. Böse gegen Böse, und beide Deppen ahnten es noch nicht, dass sie gegeneinander antraten. Auch wenn der Gefallene einen kleinen Vorsprung hatte, könnte ihn sein Gegner schnell einholen. Erst recht, weil er den Baron mit Nunzia ja erstmal auf eine falsche Fährte geschickt hatte.
»Ich bin doch einfach genial und der Beste!«
In freudiger Erwartung trat er vor den großen Spiegel, zupfte sein blutrotes Halstuch zurecht und rief sie: »Natalja, meine wunderschöne Medusa, hast du dich nun genug in deinem Blutrausch ausgetobt?«
Die Medusa war in der Tat zu Hause. Sie lag betrunken von dem Blut ihrer Opfer, die sie heute getötet hatte, auf ihrem riesigen Bett. Immer noch trug sie das köstliche Aroma ihrer zwei Opfer, auf der Zunge. Er hatte recht, es fühlte sich für sie wie ein Rausch an. Als er sie rief, riss sie die Augen auf, sah sich hektisch nach ihrem Spiegel um, der im Zimmer stand, und sprang von ihrem Bett.
»Wie lange bist du schon hier?«, fragte sie ihn mit zitternder Stimme.
Er antwortete ihr mit schallendem Gelächter, das ein Unwohlsein in ihr hervorrief.
»Meine Liebe, ich bin doch stets bei dir. Es scheint mir, deine Opfer waren stark alkoholisiert, sodass dir ein bisschen die Orientierung fehlt.«
Natalja spürte, wie sie errötete, und verfluchte sich für diese Schwäche. Ich bin kein Mensch! Warum passiert mir das?
»Warum ich dich sprechen wollte …«, ging der Herrscher der Hölle über ihre Verlegenheit hinweg.
Die Medusa strich ihr kurzes, enges Seidenkleidchen glatt und trat vor den Spiegel.
»… meine Liebe, dein Gesicht ist noch blutverschmiert.«
Die Gorgone wischte sich instinktiv über ihren Mund, wusste aber, dass sie das getrocknete Blut so nicht abbekommen würde.
»Ich will dich nicht weiter auf die Folter spannen. Ich bin hier, weil ich dir ein großes Freundschaftsgeschenk machen möchte«, säuselte der Prinz der Dunkelheit.
Seine Worte irritierten die Medusa, und ihre unzähligen Schlangen zeigten das, indem sie sich wild auf ihrem Kopf wanden.
»Oh, wie großzügig. Welches Geschenk denn?«, fragte sie mit Bedacht.
Der Teufel ergötzte sich an ihrem Anblick. In seinen Augen war sie wunderschön. Das lag auch daran, weil die Schlangen sie auf eine besondere Art und Weise miteinander verbanden. Ein rassiges Weib mit interessanten Fähigkeiten. Er antwortete ihr nicht mehr.
«Willst du mir nicht sagen, von welchem Geschenk du gesprochen hast?«, bohrte sie zuckersüß nach.
Er besann sich, löste sich von ihrem attraktiven Aussehen, und konzentrierte sich auf das Gespräch.
»Doch, natürlich. Ich will dir ein bisschen helfen, dich an den weißen Hexen zu rächen.«
Natalja stutzte. Sofort kehrte der Gedanke an Michael Graf und diese dämliche Freyja Rose zurück. Hass flammte wie ein Inferno in ihr hoch.
»Zuerst will ich den Werwolf«, rief sie fordernd.
Der Teufel war froh, ihr nicht gegenüberzustehen, denn er war sich sicher, dass ihr ungeschützter Blick doppelt gefährlich war. Aber auf der anderen Seite des Spiegels konnte ihm die Medusa nichts anhaben.
»Natti, ich weiß doch, wie gerne du dich an erster Stelle an dem Lykaner rächen möchtest. Aber ich muss dir, so leid es mir tut, die traurige Mitteilung machen, dass das bereits eine andere Exfreundin von ihm erledigt hat.«
Er hatte sie mit Absicht Natti genannt, so wie es Graf immer getan hatte. Er wollte ihren Hass ins Unermessliche schüren.
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