Plötzlich kam mir eine Idee, die vielleicht zur Entwirrung meiner Geschichte beitragen könnte. »Kennst du Blitz und Donner?«, fragte ich sie zaghaft.
Sie nickte, überging Apollonias Knurren und antwortete mir mental. »Aber sicher kenne ich unsere Zaubervögel. Seit ich mich erinnern kann, hängt ihr Käfig in Mamas Kammer.«
Ich atmete erleichtert auf. »Gut, kennst du auch ihre goldenen Eier?«
Hekates grau-grüne Augen weiteten sich für einen Moment.
»Sie haben noch nie Eier gelegt. Meine Mutter, Xenia, erzählte mir immer nur, sie wären so wertvoll und mit Gold nicht aufzuwiegen. Sie und Großmutter Ilse warten sehnlichst auf Nachwuchs.«
»Es wird noch einige Jährchen dauern«, gab ich zur Antwort.
Die richtigen Jahreszahl vermied ich tunlichst. Ich würde es ihr nicht verraten, genau wie meinen richtigen Namen.
Dieses Mal verließ ein erstaunter Laut Hekates Mund und lenkte Appolonias Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Woher weißt du das?«
Ich zog scharf die Luft ein, blickte sie unbeirrt an.
»Ich komme aus der Zukunft.«
Hekate riss nun vor Verwunderung an ihren Ketten, was ihr augenscheinlich Schmerzen bereitete, denn ihre Miene verzog sich für einen Bruchteil dementsprechend.
Ehe sie etwas dazu sagen konnte, klärte ich sie weiter auf: »Ich kenne auch Zeratostus. Der Mistkerl hat meine Mutter entführt und 400 Jahre in die Zukunft verschleppt. Ich konnte sie mit der Kraft der Rose befreien. Gemeinsam konnten wir Zeratostus bannen. Ich denke, das ist der Grund, warum er hier, in deiner Zeit, nicht mehr auftaucht. Denn der Dämon konnte durch die Zeiten wandern, und jetzt, wo wir ihn gebannt haben, kann er es nicht mehr.«
Hekate schüttelte über das eben Erfahrene ungläubig den Kopf. Ich sah ihr an, dass sie mit sich rang, meine Geschichte, die sich ja sehr unglaubwürdig anhörte, zu glauben.
»Habe ich das richtig verstanden? In der Zukunft legen Blitz und Donner Eier? Und du sagst, dass sie von goldener Farbe sind?«
»Nein«, verbesserte ich sie sofort. »Die Eier legten sie, um mich vor dem Tod auf dem Scheiterhaufen zu bewahren. Mit ihrer Hilfe bin ich dann ebenfalls durch die Zeit gereist und so in die entfernte Zukunft gelangt.«
»Das klingt unglaublich, Alishia. In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen wir beide?«
Sie stutzte, und mir war klar, dass sie sich das Hirn über diese Frage zermarterte. Aber ich durfte ihr nichts sagen.
»Das kann ich dir noch nicht sagen, weil ich die Vergangenheit somit vielleicht verändere, und das wäre sicherlich nicht gut. Lass es uns dabei belassen, dass wir Blutsverwandte sind.«
Sie nickte. »Du hast sicherlich recht. Aber das Ganze ist wirklich sehr verrückt. Ich bin froh und dankbar, dass du zu uns gekommen bist. Gemeinsam werden wir einen Weg aus dem Turm finden.«
»Ja, das werden wir. Aber es ist schon lustig, dass wir beide gleich alt sind.«
Zeitgleich lachten wir schallend los. Wir störten uns nicht an Apollonias Geknurre und ihrem lauten: »Ruhe! Das ist ja nicht zum Aushalten. Habt ihr denn den Verstand verloren, ihr dummen Hexen?«
Wir beachteten ihre gemeinen Worte gar nicht und amüsierten uns köstlich über die Tatsache, dass wir im gleichen Alter waren.
»Wo sind denn Blitz und Donner?«, fragte ich meine Urgroßmutter, als wir uns einigermaßen beruhigt hatten.
»Bei meiner kleinen Katharina und den Dryaden. Ich wusste mir keinen anderen Rat, und ich war froh, dass sich die Dryaden schon öfter um mein Baby gekümmert haben.«
Kurz dachte ich daran, ihr zu erzählen, dass Blitz und Donner ein Ei sogar ausgebrütet hatten und aus diesem die Wiedergeburt ihrer Tochter in Form eines Drachens geschlüpft war. Aber ich beschloss, diese Tatsache erst einmal für mich zu behalten. Ich hatte Hekate bereits mit sehr vielen Neuigkeiten verwirrt. Das reichte erstmal. Nun wollte ich mehr über diese Dryaden, ihre Mutter und auch über ihre Großmutter erfahren, da öffnete sich laut quietschend die Tür zu unserem Gefängnis.
Im Schattenreich
Ein Schatten oder mehrere mussten sich in unmittelbarer Nähe aufhalten. Noch konnte er sie nicht sehen, aber die Anzeichen waren untrüglich.
Nele war die Erste, die auf die Schatten reagierte. Sie fing an, mit ihren Fäusten unkontrolliert gegen den Kopf zu schlagen. Piet versuchte sie zu stoppen, doch als wäre sie ferngesteuert, ließ Nele sich nicht davon abbringen.
I ch muss die Kinder in Sicherheit bringen. Etwas anderes kam für Michael nicht infrage. Er konnte niemanden um Rat bitten, musste sich einfach auf sein Bauchgefühl verlassen.
»Ich zeige euch den Weg, der nach draußen führt«, erklärte er, ohne über seine eigenen Worte weiter nachgedacht zu haben.
»Was ist mit der Mobbingtante los, und wer bist du überhaupt?«, fauchte ihn Luca an.
Das merkwürdige Verhalten seiner Schulkollegin schien ihn zu ängstigen. Hektisch huschten seine Blicke zwischen Nele und Michael hin und her.
Michael war nicht in der Lage, ihm seinen Namen zu nennen, denn er musste gegen einen heftigen Brechreiz ankämpfen.
Piet musterte ihn argwöhnisch. »Wir gehen nirgendwo mit dir hin, wenn du uns nicht sofort sagst, wer du bist und wo wir hier sind. Was hast du mit Nele gemacht?«
Die Kinder erwiesen sich als sturer, als er es sich vorgestellt hatte, und jetzt gab Piet ihm auch noch die Schuld an Neles irrsinnigem Verhalten. Ohne weiter nachzudenken, packte Michael das sich nun immer fester gegen den Kopf hämmernde Mädchen. Sie war für ihn ein Fliegengewicht. Er rannte los, in der Hoffnung, die anderen drei würden ihm folgen. Sie strampelte, und Michael musste seinen Griff verstärken, damit sie sich nicht von ihm befreien konnte. Nach ein paar Metern blieb er stehen, sah sich um und war beruhigt, dass sie ihm tatsächlich folgten, um ihre Freundin zu befreien. Der Zweck heiligt die Mittel, sagte sich Michael und lief erneut ein Stück, bis er die Übelkeit nicht mehr spüren konnte.
Keuchend erreichten ihn die drei Jugendlichen. Wut funkelte in ihren Augen, und Michael konnte es ihnen nicht einmal verdenken. Er hatte schließlich Nele verschleppt. Jedenfalls musste es für die Kids so ausgesehen haben. Das Gesicht des brillengesichtigen Jungen glich einer überreifen Tomate. Er japste und prustete. Die anderen beiden krümmten sich vor Seitenstichen. Auch sie wirkten erschöpft.
Michael half Nele, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Sie schien verwirrt und lief sofort zu Mia, die vor ihr zurückwich. Nele versuchte sie zu umarmen.
Mia wehrte sie mit den Worten ab: »Jetzt bin ich aufeinmal gut genug? Vergiss es! Du hast mich immer nur wie Dreck behandelt. Meinetwegen hätte der Typ dich sonstwo hinbringen können. Ich bin ihm nur gefolgt, weil er den Ausgang kennt.«
Über Neles Gesicht liefen Tränen. »Kannst du mir nicht verzeihen?«
Mia schüttelte sturr den Kopf. »Seit der zweiten Klasse terrorisierst du mich mit deinen Freundinnen. Und jetzt bin ich gut genug, vergiss es, Prinzesschen.«
»Hey, komm mal wieder runter«, mischte sich Piet ein, der seinen Arm um Nele gelegt hatte.
»Das war klar, dass du kleiner Wixer zu der Tussi hältst«, fauchte ihn Mia an.
Ehe Michael dazwischen gehen konnte, wandte sie sich an ihn. »Was sollte das, du Arschloch?«, fauchte sie ihn kampfeslustig an.
Michael verkniff sich ein Schmunzeln. Das kleine Menschenkind wollte sich tatsächlich mit ihm anlegen. Es war lachhaft. Aber die Situation, in der sie sich befanden, war alles andere als komisch.
Er räusperte sich, ehe er sich mit leiser und ruhiger Stimme vorstellte: »Ich heiße Michael, und ich wollte euch keine Angst machen. Aber hier gibt es Wesen, die wirklich gefährlich sind. Ihr habt es doch an Nele gesehen, oder nicht? Habt ihr im Ernst geglaubt, ich hätte sie derartig manipuliert, dass sie sich selbst geschlagen hat?«
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