Mein Peiniger stieß mich auf einen Leiterwagen, und ich hörte Hekates leise Stimme: «Komm an meine Seite, Alishia. Sonst fällst du noch vom Wagen.«
Ich krabbelte trotz der furchtbar schmerzenden Arme auf die Stimme zu. Holz und vereinzelte Strohhalme konnte ich unter meinen Fingern spüren. Ich setzte mich neben Hekate und erwiderte ihren Händedruck, als sie nach meiner Hand griff.
Eine Stimme rief: »Die Säcke bleiben auf den Köpfen! Wer es wagt, sie abzunehmen, wird sofort hingerichtet.« Die Stimme war beherrschend, sodass ich keinen Zweifel daran hegte, dass er die Drohung wahr machen würde.
Der Wagen, der von einem schnaufenden Pferd gezogen wurde, setzte sich in Bewegung.
Apollonia schien sich ihren Knebel aus dem Mund entfernt zu haben, denn sie schimpfte leise Flüche vor sich her, die ich aber nicht verstehen konnte, da sie in einer für mich fremden Sprache waren. Hekate und ich schwiegen den ganzen Weg. Ich versuchte krampfhaft zu erspüren, wo wir uns befanden. Ich kannte meine Heimatstadt doch, musste es mir dann nicht gegeben sein, so etwas erfühlen zu können? Ich seufzte innerlich und zweifelte wieder einmal an meinen magischen Fähigkeiten.
Wir hielten an. Ich lauschte den Geräuschen der Umgebung. Vogelgezwitscher, das Rascheln der Bäume. Wir waren in einem Wald, mehr konnte ich nicht feststellen. Ich hatte überhaupt keine Orientierung, war nur heilfroh, dass Hekate bei mir war.
Wie geht es Mama und meiner Schwester gerade? Die Frage flammte nur für den Bruchteil einer Sekunde in meinem Kopf auf, dann packte mich jemand am Arm und zog mich von dem Leiterwagen. Als ich glaubte zu fallen, hielt mich jemand an den Armen und half mir, sicheren Halt unter den Füßen zu bekommen.
»Hier Euer versprochener Lohn«, hörte ich eine tiefe Stimme, die mir aber nicht unsympathisch war. Sie hatte etwas Beruhigendes an sich.
Wir wurden in eine Hütte geführt. Ich klammerte mich an Hekates Hand und war ihr dankbar, als sie sie mir nicht entzog und sie stattdessen drückte, als wollte sie mir sagen: »Keine Angst, wir stehen das gemeinsam durch. Glaube immer an die Kraft der Rose.«
Die Tür wurde hinter uns geschlossen, und ich hörte schwere Schritte, die sich in der Wohnkammer bewegten und um mich und meine Urgroßmutter herumzulaufen schienen.
»Ihr könnt die Leinensäcke nun entfernen«, befahl uns die beruhigende Stimme.
Ich zögerte erst, aber als Hekate mich losließ, um sich den Sack vom Kopf zu ziehen, tat ich es ihr gleich und befreite mich ebenfalls von dem Tuch, das meinen Mund verschlossen hatte. Das Sonnenlicht, das meine Augen traf, blendete mich im ersten Moment. Ich schloss die Augen und spürte in meine Umgebung hinein. Außer Apollonias Aggressivität nahm ich keine feindseligen Emotionen wahr. Ich spürte Sorge, Neugierde, Hoffnung, Angst, Verzweiflung und bedingungslose Liebe. Für einen kurzen Moment sog ich die Gefühle der Anwesenden in mich auf, dann wagte ich es erneut, meine Augen zu öffnen.
Das Erste, was ich sah, war ein Mann, der mich um gute zweieinhalb Köpfe überragte. Seine warmen Augen blickten mich direkt an, und sie spiegelten Hoffnung und die bedingungslose Liebe, die ich zuvor gefühlt hatte. Ich schenkte ihm ein Lächeln, das er kurz erwiderte.
Während er weiter zu Hekate schritt, sah ich mich in der Kammer um. Da war ein großes Holzbett, das fast den ganzen Raum einnahm. Eine rote Brokatdecke mit vielen Stickereien verdeckte einen schmächtigen Frauenleib, von dem das eingefallene Gesicht, das eher einem Totenschädel glich, bleich hervorstach. Ich trat näher an das Bett, und die Person schlug die Augen auf, sodass ich erschrak und zurücktaumelte. Dabei stieß ich gegen Apollonia, die überhaupt nicht reagierte und genau wie ich die eingefallene Gestalt entsetzt betrachtete.
Ich erschrak, als der Mann sich neben mich stellte und mir seine Hand auf die Schulter legte. Seine Miene war nun ernst und besorgt.
»Ihr fragt Euch bestimmt, wer ich bin und warum ich Euch aus eurem Gefängnis freigekauft habe.«
Hekate trat an das Bett, griff eine zierliche Hand und fühlte nach dem Puls.
»Ihr wollt Rettung für die Kranke«, antwortete sie ihm und legte die Hand behutsam unter die Decke zurück.
»Ihr seid der Ritter von Schönburg«, entgegnete Apollonia, von der ich immer noch nicht das Gesicht sehen konnte, weil ihr struppiges Haar es überwucherte. »Bei Zeus, ich hörte von Euch.«
Der Mann gab einen Laut des Erstaunens von sich.
»Wie habt Ihr mich erkannt? Ihr dürftet bisher nicht in den Genuss gekommen sein, mich ohne meine Rüstung zu Gesicht bekommen zu haben.«
Die dunkelhaarige Hexe lachte schrill, sodass ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Mir fiel auf, dass der Ritter verlegen wurde, seine Gesichtsfarbe verfärbte sich rötlich, und seine vorher ruhige Stimme klang nervös. Es lag eine immense Spannung in der Luft, die schwer zu ertragen war.
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