Solltest du weiterhin das Reich der Schatten ohne meine ausdrückliche Genehmigung verlassen, wirst du Freyja Rose niemals wiedersehen.
Nutze die Zeit sinnvoll und bestehe die Prüfung, vielleicht bekommst du dann eine Chance.
Mehr nicht, kein Hinweis, wie er die Zeit nutzen sollte, kein Hinweis auf den Verfasser der Botschaft, und vor allen Dingen kein Hinweis auf die genannte Prüfung. Was war damit gemeint? Er konnte sich überhaupt keinen Reim auf die Worte machen.
Aber Michael nahm die Warnung ernst und kehrte zurück in die verhasste Welt der Schatten, wo niemand mit ihm sprach, bis sich eines Tages einige Kinder an den verlorenen Ort verirrten und er um ihr Leben bangte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er den Kontakt mit den Schatten gemieden. Aber er wusste auch nicht, ob sie der kleinen Gruppe von Halbstarken, er schätzte sie zwischen zehn und dreizehn Jahren, gefährlich werden konnten. Bisher hatte er keine Werwölfe und auch keine Menschen zu Gesicht bekommen, und er hatte sich schon gefragt, ob er der Einzige in dieser trübseligen Welt war. Er konnte nicht verhehlen, dass er sich im ersten Moment über ihr Auftauchen gefreut und sich gewünscht hatte, dass sie ihn sehen konnten. Als Geist, in der normalen Welt, hatte ihn niemand gesehen, und die Erfahrung, sich unsichtbar zu fühlen, war ein schreckliches Gefühl gewesen.
»Hallo«, begrüßte er die Kids, als er zu ihnen trat.
Schrecken spiegelte sich in ihren weit aufgerissenen Augen, und Michael war bewusst, dass sie ihn sehen konnten.
Zum Glück verwandle ich mich, seit ich von der Welt der Lebenden verschieden bin, nicht mehr in meine Wolfsgestalt. Es fühlte sich zwar oft so an, aber Michael wusste, dass er die Gestalt eines menschlichen jungen Mannes trug. Er hatte es in der Wasseroberfläche eines Gewässers überprüft und war jetzt froh, dass es so war.
»Ich wollte euch nicht erschrecken.« Um seine Worte zu bekräftigen, hob er beschwichtigend die Arme.
»Wo sind wir?«, fragte ein Mädchen mit langen blonden Haaren. Sie nestelte an dem Rucksack herum, den sie abgestellt hatte, und holte ein Handy heraus.
»Ich glaube nicht, dass du hier Empfang hast«, informierte Michael sie.
Das Mädchen schaute ihn ungläubig an. »Wir sind zwar mitten in einem Wald, aber Empfang haben wir doch wohl. Wie sieht es denn bei dir aus, Luca?«
Ein korpulenter Junge mit einer knallbunten Brille tippte ebenfalls etwas in sein Mobiltelefon. Als das Mädchen ihn ansprach, sah er auf. »Es kann schon gut sein, was er sagt. Ich habe keinen einzigen Balken.«
Das Mädchen sah Michael irritiert an, und ehe sie ihm eine Frage stellen konnte, tat er es: »Wo kommt ihr denn her?«
Die Blonde zuckte mit den schmalen Schultern, und Michael beobachtete, dass sie gegen Tränen ankämpfen musste.
Der Junge, den sie Luca genannt hatte, antwortete stattdessen: »Das letzte, woran ich mich erinnern kann, ist, dass wir während der Nachtwanderung in einem Tunnel waren.«
»Stimmt«, meldete sich jetzt der zweite Junge. Er wirkte im Gegensatz zu Luca sportlich, und auch seine moderne Frisur zeigte, dass er großen Wert auf sein Äußeres legte.
»Stimmt, Piet. Der Seglitz ist vorausgegangen, und dann war da dieses Geräusch, als würde Metall auf Metall schlagen«, erzählte nun auch das andere Mädchen, das mutiger als ihre Klassenkameradin zu sein schien.
Sie trat sogar auf Michael zu. »Ich sagte noch zu unserem Prinzesschen, das wäre der Seglitz, also unser Klassenlehrer, sie solle sich nicht in ihr Höschen machen.«
»Du hast gut reden«, mischte sich Nele ein.
»Mia hat doch recht. Du hast Panik geschoben und bist auf einmal losgerannt - und dann auch noch in die entgegengesetzte Richtung«, erklärte Luca.
»Das kann doch schon mal vorkommen«, versuchte Michael zu schlichten. Ein Streit der Teenager war alles andere, was er jetzt gebrauchen konnte. Er sah Nele an, dass sie Luca für seine Worte hasste.
Luca schien das nicht großartig zu interessieren. Er erzählte weiter: »Unser Sportass ist nun einmal superschnell, und ich konnte nicht mit ihr mithalten.«
Der andere Junge lachte laut auf. »Das kommt von zu viel Pommes und Burgern, dass sage ich doch immer, du Nerd.« Seine Worte klangen abfällig und ließen deutlich erkennen, wie die beiden zueinander standen.
»Und was heißt hier Sportass? Ich bin auf jeden Fall schneller als Nele. Aber als ich ihren Arm zu fassen bekam, war da dieser Nebel, und wir stoppten automatisch. Auf einmal waren Luca und Mia auch da. Wir hielten uns alle aneinander fest. Und urplötzlich waren wir hier.«
»Wir hielten uns nicht fest«, kommentierte Mia seine Worte. »Nele klammerte sich an meine Hand, und Luca musste mich halten, sonst wäre ich gestürzt. Plötzlich war ich für das Prinzesschen gut genug.«
Michael sah dem Mädchen an, wie wütend sie über die Mitschülerin war.
Nele kämpfte immer noch gegen ihre Tränen an. Ihr Blick klebte fragend an Michael, als erwarte sie von ihm eine Antwort.
Michael konnte sich das alles selbst nicht erklären. Sind die vier gestorben und können mich deshalb sehen und auch hören? Aber warum sollten sie gestorben sein - und woran überhaupt? Er konnte sich einfach keinen Reim darauf machen.
Mia hatte die ganze Zeit hasserfüllt Nele angeschaut, nun ließ sie den Blick wieder zu Michael gleiten. »Du hast uns immer noch nicht gesagt, wo wir hier sind«, maulte sie und spielte dabei mit einer Strähne ihres schwarzen Haares. Ihre Haare waren auf dieser Seite lang, dafür waren sie auf der anderen Seite bis zur Kopfhaut abrasiert.
Was soll ich denen jetzt erzählen? Die Antwort, das wusste er, wäre viel zu krass und vor allen Dingen auch schwer zu glauben.
Alle Augenpaare waren nun auf ihn gerichtet. Sie erwarteten eine Antwort.
Ehe er sich eine halbwegs vernünftige und glaubhafte Geschichte einfallen lassen konnte, drehte sich urplötzlich alles um ihn. Er bekam Schweißausbrüche, und Übelkeit überfiel ihn. Michael wusste, was das bedeutete. Gefahr!
In der Unterwelt
Er löste die blutrote Krawatte und warf sie gedankenlos neben seinen kunstvoll geschnitzten Thron, der aus menschlichen Knochen bestand. Dieser war wirklich ein Meisterstück, das Lob musste er dem Erschaffer des einzigartigen Kunstwerkes ehrlich zollen. Das graue Jackett landete auf der Krawatte, und nachdem er die Knöpfe des blütenweißen Hemdes mehr oder weniger aufgerissen hatte, sah man auch die massiven Ketten, die bis zu dem prallen Bauch fielen. Ebenso die goldenen Ringe, die seine Brustwarzen zierten.
Seine Gedanken waren noch bei der gerade abgehaltenen Pressekonferenz. Diese Narren! Sie hatten ihn tatsächlich gefragt, wo er denn als Bundeskanzlerkandidat so oft hin verschwinden würde, dass man meinen könnte, die Erde hätte ihn verschluckt? Er hatte gelacht, in die Runde der geifernden Journalisten geblickt und geantwortet: »Na, da haben Sie aber den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich schmore natürlich in der Hölle.« Alle waren in heiteres Gelächter ausgebrochen und hielten diese Antwort, wie alles, was er von sich gab, für absolut genial und humorvoll. Sie nannten ihn sogar einen Mann des Volkes.
»Diese Narren. Sie erkennen selbst dann den Wolf nicht, wenn er in Wolfsgestalt vor ihnen steht. Sie sind blind und dämlich.«
Lediglich seine Parteifreunde, das heißt, seine Lakaien, die sich deren Körper bedienten, wussten, dass er die Wahrheit gesprochen hatte. Ihr Lachen war echt, im Gegensatz zu sonst, wenn sie die Menschen mit schönen Worten manipulierten und so in Sicherheit wiegten.
Was für ein mieses Schaffenswerk, der Adamit . Er schüttelte genervt den Kopf und ließ seinen Blick auf eine gewölbte Scheibe an der Decke gleiten. Sternbilder waren darauf zu erkennen. Die Jungfrau, der Löwe und andere. Nachdenklich rieb er seinen Schlangenring, um den ihn die ganze Unterwelt beneidete, an den Lippen.
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