»Aus alledem entnehme ich, dass Sie …«
»…an Gott glauben? Vielleicht glaube ich eher an die Kraft des Guten.«
»Welcher Art sind diese – nun, ja, sagen wir mal tieferliegenden Widersprüche?«
»Die gesellschaftliche Entwicklung ist gesetzmäßig nicht bestimmbar. Zu viele nicht auf Regeln bestimmbare Faktoren. Eine Ordnung, eine naturgesetzliche Entwicklung vom qualitativ Schlechteren zu einem höherwertigen Gesellschaftszustand ist nirgends nachweisbar. Die Parteiendiktatur ist der Totengräber der sozialistischen Gesellschaft. Und das Menschenbild des dialektischen Materialismus ist eine lächerliche Simplifikation.«
»Damit gingen Sie auf offenen Konfrontationskurs?«
»Ja, zunächst einmal beschwor man mich, da ich ein Vertreter der moralischen Aspekte des Kommunismus sei, der sich für die Befreiung der unterdrückten Klassen einsetzte:
Abweichlertum und Skeptizismus könnten auf die Dauer keine Weltanschauung der Völker sein. Sie töteten die Kultur und verhinderten jeden Fortschritt. Ich erwiderte: Die Person sei nicht allein Produkt und Funktion der Gesellschaft. Sie sagten: Darüber könne man reden. Der Marxismus habe auch seine individuellen Seiten. Als sich zwei Zirkel an meiner Universität bildeten, bot man mir eine kleine Datscha und den Posten des Bürgermeisters in einem Dorf bei Starachowitze an, von Warschau und Krakau etwa gleich weit entfernt.«
»Man wollte Sie aufs Land abschieben?«
»Sie nannten es eine ‘zuvorkommende Regelung’«, nickte Kofler, »und deuteten an, ein solches Angebot zeuge durchaus vom Wohlwollen der Partei.«
»Wie kamen Sie zur Gewerkschaftsbewegung?«
»Obwohl ich mit ihren Gedanken sympathisierte, war nicht ich es, der den ersten Schritt unternahm. Man trat an mich heran. Ich wurde einer ihrer Berater. Aber nicht für sehr lange. Eines Tages warf man mir die Scheiben ein, verwüstete meinen Garten und zündete mein Auto an. Damals begriff ich, dass ich in ihren Augen zu weit gegangen war, und ich kehrte an die Universität zurück.«
»Sie übernahmen den Lehrstuhl für Sozialpsychologie.«
»Weil ich hoffte, man könne Ideen auch auf andere, weniger augenfällige Weise unters Volk bringen.«
»Und man ließ Sie lehren?«
»Ja … anfangs ließ man mich gewähren.«
»Gut, schließen wir dieses Thema für heute ab.« Ich nahm eine Fotografie aus der Mappe, die vor mir lag. »Gestern konnte ich beobachten, dass Sie Rechtshänder sind? Sie schrieben an Ihrem Buch.«
»Stimmt«, nickte er.
»Auf diesem Foto – es zeigt Sie, wie Sie Ihre Ernennungsurkunde an der Krakauer Universität gegenzeichnen – sind Sie Linkshänder.«
Kofler nahm das Blatt und betrachtete es. Für einen Agenten, der sich durchschaut fühlen musste, hatte er sich erstaunlich gut in der Gewalt. Immerhin schützte er Verblüffung vor. Er musterte die Aufnahme wieder und wieder und schüttelte den Kopf, schließlich nahm er seine dünne Drahtbrille heraus.
»Merkwürdig«, sagte er. »Das überrascht mich in der Tat. Die Aufnahme muss aber fünf Jahre alt sein.«
Es war deutlich zu sehen, dass er mit der linken Hand unterschrieb. Das Bild war von der linken Seite aufgenommen. Seine rechte Hand war verdeckt. Es gab eine Schrift im Hintergrund, die bewies, dass die Schwarzweißaufnahme nicht, wie man hätte argwöhnen können, spiegelverkehrt vom Negativ kopiert worden war.
»Haben Sie dafür eine Erklärung?«
»Ich bin etwas … überrascht«, erklärte er und hob den Kopf.
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