In der Nacht gibt es endlich Regen.
Mario kann sich kaum erinnern, dass er sich über Regen so freuen konnte. Doch nach der anhaltenden brütenden Hitze auf der Insel, der mittäglichen Flucht vor der unbarmherzigen Naturgewalt Sonne, dem dauernden Schwitzen, selbst in der Nacht, ist der Regen und die Kühle der Pyrenäen eine Wohltat.
Hoch oben in den Bergen schlagen sie ihr Nachtlager auf. Sie haben einen Bauern gefragt. Der brachte gerade seine Kühe in den Stall und war gut drauf. Er erlaubte ihnen eine Übernachtung neben seiner Scheune. In der Nacht fallen die ersten Regentropfen. Mario liegt ausgestreckt und wohlbehütet im Kombi. Die Regentropfen trommeln auf das Blech. Sonja schläft vor dem Zelt und merkt erst mal gar nix. Birgit muss sie wecken und ihr klar machen, dass sie draußen auf Dauer nass wird.
Am Morgen ist die Aussicht grauverhangen und regennass. Am Abend hatten sie noch einen weiten Blick in die wunderbare Landschaft. Eine Wohltat, die Autofahrt, gestern noch durch sonnenverbranntes und strohtrockenes Land. Heute grüne Wiesen und richtiger Wald, fast wie im Allgäu. Es ist eine tolle Strecke über Foix nach Toulouse und von da nach Bordeaux runter an den Atlantik bei Hourtine Plage.
Dort ist der Sommer wieder im vollen Gange. Sonja macht mit Mario noch zwei weitere Wochen Camping-Urlaub an Marios Lieblingsmeer. Birgit hat sich mit ihrem Freund Chris abgesetzt. Dessen Familie hat in der Nähe ein Ferienhaus.
Sonja ist gleich bei ihrem ersten Bad fast abgesoffen. Sie muss von Rettungsschwimmern aus der tückischen Strömung gezogen werden. Jetzt liegt sie geschockt neben Mario am Strand. Der hatte neulich auch einen Schreck beim Baden bekommen. Eine giftige Medusa Qualle vergällte ihm das Schwimmen im warmen Mittelmeer. Die Kniekehle tat ihm tagelang weh, jede Bewegung brannte.
Am Abend entspannen Sonja und Mario bei einem leckeren französischen Menü und einer Flasche Bordeaux. Danach gibt’s einen langen Strandspaziergang in der untergehenden Sonne. Die Ebbe zieht den Atlantik Richtung Westen. Jetzt sitzt Mario reichlich müde in den Dünen und schaut aufs Meer hinaus. Er kann sich noch immer nicht von der vollmondbeschienen Landschaft trennen. Also holt er sich seinen Schlafsack runter an den Strand und schläft dort. Die Brandung begleitete seine Träume. Am Morgen weckt ihn ein früher Sonnenstrahl. Es wird gleich wieder warm. Also schält er sich aus dem Schlafsack und springt nackt in die Fluten. Das ist ein Leben!
In der dritten Nacht am Strand passiert es dann. Das Meer holt ihn. Vielmehr versucht es ihn zu holen. Hat aber nur seine Unterhosen bekommen. Mario hört die starke Brandung in der Nacht. Denkt sich aber nichts weiter dabei. Plötzlich wird er von einem ungewöhnlichen Geräusch geweckt. Zum Glück hat er einen leichten Schlaf. Und er sieht die mondbeschienen Wellen auf sich zu rauschen. Seine Reaktionszeit ist optimal. Noch bevor die Wellen ganz bei ihm sind, ist er aus dem Schlafsack geschlüpft und steht nun bis zum Hintern im Wasser.
Sein Krempel macht sich gerade davon. Der Rucksack schwimmt auf der linken Seite, seine Hosen mit dem Autoschlüssel drin auf der rechten, der Schlafsack in der Mitte. Es gelingt Mario alles aus dem fortströmenden Wasser zu fischen. Nur die Unterhose ist verschwunden. Jetzt ist er nass und wach. So trottet er zurück zum Campingplatz und legt sich zum Schlafen in den engen Kombi. Als Sonja am Morgen von seinem Abenteuer hört, kann sie nicht mehr aufhören zu lachen. Mario findet die Geschichte schließlich auch ganz witzig.
auf dem Weg zum Strand steht eine Telefonzelle.
Von dort ruft Mario einige Tage später seinen Bruder in Deutschland an. Und er bekommt den Schreck seines Lebens. Denn sein Brüderchen teilt ihm mit: "In deiner Wohnung haben die Bullen eine Hausdurchsuchung gemacht. Sie haben Drogen gefunden. Manfred hat gegen dich ausgesagt. Bleibe im Ausland. Du wirst per internationalen Haftbefehl gesucht."
Mario ist wie betäubt. Die Telefonzelle steht so, dass er aufs Meer hinaus schauen kann, die Sonne versinkt gerade im Westen. Seine Knie werden weich und mit dem Rücken an die Scheibe gelehnt, rutscht er auf den Betonboden. In dieser Nacht kann er nicht schlafen. Und so kuschelt er sich das erste Mal bei einer der Freundinnen an.
Er spürt, dass etwas Schreckliches über ihn herein bricht. Sein Bruder sagte, er solle im Ausland bleiben. Gegen Mario bestünde ein Haftbefehl. Doch der kann es nicht glauben. Das ist doch nur ein Trick der Bullen. Die spielen ein Spiel mit uns. Manfred hat nicht gegen mich ausgesagt! Zumal Mario 100% sicher weiß, dass er keine Drogen in seiner Wohnung deponiert hat - tausend pro. Die haben mir was untergeschoben! Ich brauche einen guten Anwalt. Das wird sich bestimmt aufklären. Das wäre doch gelacht. Und all das kommt ihm vor, wie in einem dieser seltsamen Alpträume.
So fährt er am nächsten Tag mit bis zum Zerreißen gespannten Nerven über die französische deutsche Grenze nach Frankfurt zurück. Die Ladys hat er vor der Grenze in den Zug gesetzt. Sie sollen nicht in die Sache verwickelt werden.
Nach drei Monaten, an der Luft, in schönsten Landschaften mit weitem Horizont, versteckt er sich in einer Frankfurter Wohnung. In seiner aufkommenden Paranoia sieht und hört er überall Bullen. Mario nimmt Kontakt zu einer Anwältin auf, die ihm sein Börsenfreund empfohlen hat. Als erstes übergibt er ihr 20 000 Mark, die sie für ihn aufbewahren soll. Er will nicht, dass die Polizei die beschlagnahmt. Dann legen sie ihre Vorgehensweise fest. Ein Sparbuch mit 40 000 Mark ist per Post auf dem Weg zu seinen Eltern. Die sollen es für ihn aufbewahren. Noch wissen sie von nix.
Die Anwältin trifft sich mit dem Staatsanwalt und dem Haftrichter. Danach verspricht sie Mario, dass er gute Chancen hätte, bis zur Verhandlung frei zu bleiben, wenn er sich selber stellen würde. Hört sich verhältnismäßig gut an, wie er findet. Am anderen Morgen fährt er mit der Tussi von Anwältin zum Haftrichter. Eine Stunde später sitzt er in der Zelle. Mario wird direkt in das Hochsicherheitsgefängnis in Preungesheim gebracht. Das hat die gleich Bauweise wie Stammheim, in der damals Bader, Meinhof und die ganze Blase gestorben sind.
Sein Zellengenosse ist ein Gauloises ketterauchender Doppelmörder, der ihm stolz von den tödlichen Fußtritten berichtet, die er seinen Opfern beigebracht hat. Hochsommerliche Temperatur, die Luft in der engen Zelle ist zum Schneiden. Mario liegt bald auf dem Boden der Zelle, dicht bei der Stahltür, weil von dort etwas „frischere“ Luft einströmt.
Die Staatsanwaltschaft wirft Mario die Gründung einer internationalen Vereinigung zum Zwecke der Drogenkriminalität vor und den Umsatz einer riesigen Menge Haschisch. Darüber hinaus besteht der dringende Verdacht auf Handel mit Kokain. Fluchtgefahr besteht ihrer Meinung nach sowieso, obwohl er sich aus dem Ausland heraus selbst gestellt hat. Und einen festen Wohnsitz hat er auch vorzuweisen. Also schlug die schwere Eisentür hinter ihm zu.
Marios Welt bricht zusammen
Das ist jedoch nicht das Ende. Seine Anwältin lässt sich kaum sehen. Und Mario muss aus der U-Haft heraus seine Unschuld beweisen. Obwohl die Abhörprotokolle und einige belastende Zeugenaussagen von einem ganz anderen Mario sprechen, kann er das natürlich nicht aus seiner Zelle heraus widerlegen. Er ist angeklagt, aufgrund der glaubwürdigen Aussage seines Freundes Manfred. Und Mario kann es immer noch nicht glauben. Noch immer vermutet er einen Trick der Polizei. Er macht keine Aussagen. Doch für die Kripo und den Staatsanwalt ist er so was wie ein Mafiaboss. Mario könnte sich die Haare ausraufen. Er kann nichts tun außer warten. Doch das ist hart. Er kann sich nicht konzentrieren. Das Lesen fällt ihm schwer. Die Augen schmerzen schnell. Sie sind nicht an das ständige Neonlicht gewöhnt. Seine Gedanken drehen sich im Kreis. Die Zeit tropft wie heißes Blei in seine Stirnhöhle, verursacht dumpfen Kopfschmerz, der nicht mehr aufhört.
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