Blende - Zwischenzeitlich hatte er sich von einem „Freund“ beraten lassen.
Der war als Broker auch an der amerikanischen Börse tätig. Und handelte mit Optionen auf Termin. Mario legte bei ihm 18 000 Mark an. Es machte Spaß. Er musste immer am Ball bleiben. Verregnete es irgendwo in der Welt die Sojaernte, dann konnte er auf steigende Preise gehen. War irgendwo eine politische Krise abzusehen, gab es bestimmt etwas daran zu verdienen. Es war etwas wie ein Monopolyspiel. Sie mussten nur schnell genug sein. Und sie waren schnell. Auf dem Papier hatte er nach wenigen Wochen 25 000 Mark gemacht.
Blende - Manchmal ist es besser zu reisen als anzukommen.
Mario packt zwei Freundinnen in seinen VW Passat Kombi und fährt mit ihnen nach Figueras, Dalis spanische Heimat. - Als er die Landschaft dort sieht, kann Mario einige Bilder von Dali gut verstehen. Manche Felsformationen der Bucht meinte er darauf erkannt zu haben. Das Dali-Museum ist den Abstecher jedenfalls wert. Später gehts über Barcelona nach Mallorca. Am Hafen von Barcelona lässt er seinen Kombi stehen. Auf der Insel fährt er lieber mit dem Roller. Sie verbringen schöne Wochen. Die Mädchen machen einen Sprachkurs am Pool und Mario die Insel unsicher.
In Sollér steht das Haus von Jürgen, einem Freund, bei dem er unterkommt. Jürgen und Mario sitzen mit Erdbeeren und Sahne vor dem Fernseher. Boris Becker gewinnt das erste Mal in Wimbledon. Draußen knallt der Planet und es hat 35 Grad im Schatten.
In den darauf folgenden Nachrichten erklärt man der uninteressierten Weltbevölkerung, dass Präsident Reagan einen Pickel auf der Nase hat. Man vermutet es sei Krebs. Der Dollar stürzt ab. Mario hat ihn teuer eingekauft. Er ruft seinen Broker an. „Verkaufe!“ Er antwortet: "Nein warte - der Dollar erholt sich wieder." Mario vertraut.
Er tritt auf die Terrasse und bewundert mal wieder den Blick auf die hohen Berge, die Sollér umgeben und das Meer, das sich blau an die Küste wälzt. Das Städtchen unter ihnen hat Atmosphäre. Die Sonne scheint wie jeden Tag von einem königsblauen Himmel. In der Nacht tanzt über ihnen die ganze Sternenpracht.
Und Mario bekommt ein Gefühl von kommendem Unheil. Einige Wochen nach Marios Besuch, stürzt Jürgen mit seiner Enduro in eine tiefe Schlucht und verabschiedet sich so von diesem Planeten.
Blende - Schreib dein Leben auf ein Stück Papier
und warte bis die Zeit vergeht.
Aber Mario hat keinen Bock zu warten
und zuzuschauen wie die Zeit vergeht.
Stattdessen macht er eine Wanderung die Küste lang. Eine Dreiermövenkombination segelt durch das Postkartenidyll. Das Meer, heute am Horizont etwas dunstverhangen, liegt blau, mit glitzernden Schmetterlingen bevölkert und leicht gekrümmt vor seinen Füssen, die wiederum auf der schroffen gelblichen, steil abfallenden Klippe stehen.
Der Planet knallt wiedermal, it's Siestatime.
Und zu all dem hängt der Rote Hugo tot im Seil,
Die Leiche stinkt nach Shit.
Und man wartet bis die Zeit vergeht.
Nein, er wartet nicht bis die Zeit vergeht.
geht am Abend vor sich hin pfeifend die Straße zum Hafen von Soller´ hinunter. Die Sonne versinkt mit lautem Orange im Blau des Mittelmeers. In seinen Augen spiegelt sich die Silhouette des kalkweisen, im spanischen Baustil gehaltenen Fischerdorfes im Vordergrund. Hohe zerklüftete Felszacken, steil ins Meer stürzend, reflektieren im Hintergrund das Abendlicht und machen so das Bild perfekt.
In der Hafenkneipe Da Sancho leiht sich Mario von einem Bekannten einen schicken Benz mit Ledersitzen und ner geilen Musikanlage und macht mit Jürgen die Insel für Tage unsicher. Bezahlt wird mit antörnenden Naturalien.
Auf der Fahrt finden sie immer wieder idyllische Buchten zum Verweilen. Am Abend haben sie ein leckeres Gambasgrillen mit allem Drum und Dran am Strand. Was meint Wein, Salat, Joints, Sommer und Frauen. Uli, das schlanke Mädchen mit dem interessanten Gesicht und dem lustigen Lächeln und Andrea aus Hamburg sind dabei. Die haben sie vorgestern beim Trampen aufgegabelt. Später gesellen sich noch die Friedberger Punks dazu.
Der fette Mond steht hell und klar und zieht seine Spur über das ruhige Meer. Aus den Boxen des Benz tönen die „Simple Minds“. Und Mario findet den Schlüssel zu Ulis Herz und Bauch. Also nimmt er sie bei der Hand und baut in seinem Zelt einen Schlafplatz für zwei.
Sie wollen sich´s gerade richtig gemütlich machen, Haut an Haut, da hört Mario lautes Geschrei. Er ist stoned und anderweitig interessiert. Doch das Geschrei wird immer hysterischer. „Feuer, Feuer, es brennt“, ruft es. Jetzt sieht er den grauen VW-Bus der drei blonden Mädels, die mit einem langhaarigen Typ unterwegs sind. Einige Augenblicke vorher ist der Bus noch an seinem Zelt vorbeigerollt. Jetzt steht er nicht weit entfernt, mit geöffneter Motorklappe am Heck und herausschlagenden Flammen.
Endlich hat Mario die Lage geschnallt. Am besten wäre eine Decke zum Löschen, doch die braucht er für den Zweierschlafplatz. Es ist dunkel und er ist stoned und so behilft er sich mit Sand. Die hysterische Tussi schreit noch immer wie am Spieß nach Feuer. Dabei ist doch wirklich genug davon da. Mario wirft jedenfalls wie wild mit Sand nach den Flammen. Hinter ihm werfen sie auch, aber mehr nach ihm. Derweil hofft Mario, dass der Tank nicht gleich hochgeht. Sie sollten sich wirklich beeilen. Und schließlich haben sie das Feuer aus. Mario sieht, das die Zündung immer noch an ist. Also drehte er den Schlüssel herum. Dann dreht er sich kommentarlos ab, springt ins Meer, um den Sand zu entsorgen, der ihm die Ohren und Augen verklebt. Endlich liegen dann die beiden jungen Körper in der Waagrechten.
Inzwischen hat sich die halbe Bucht bevölkert und die Sensation wird ausdiskutiert. Am anderen Morgen erfährt Mario, dass der VW-Besitzer mit Trouble gesegnet ist. Ihm waren 400 DM aus dem Handschuhfach geklaut worden. Mario wundert das alles überhaupt nicht. Der Bus steht – die Schiebetür weit offen, mitten in der Pampa und die Klappe vom Handschuhfach fehlt. Der Typ liegt schlafend im Schlafsack in der prallen Sonne. Man könnte dem Hippie das ganze Auto unterm Hintern klauen, vorausgesetzt es würde fahren. Doch da geht die nächste Zeit erst mal gar nichts.
Mario braucht Zucker für den Kaffee.
Er versucht es bei den Gestrandeten. So steht er also am VW-Bus und redet mit den Leutchen. Die bedanken sich bei ihm für seine Hilfe. Da bemerkt er, dass es heftig nach Benzin stinkt. Und der eine Jo schmeißt auch noch seine Zigarettenkippe ins trockene Gras, ohne sie auszutreten.
Und Mario sagt: Hm, hier riecht´s aber ganz schön nach Benzin.“
Meint der Jo: „Ja, da tropft´s ja auch noch raus. Die Dichtungen sind hin.“
Und Mario denkt bei sich: Das kann doch alles gar nicht wahr sein. Lassen die die halbe Nacht das Benzin in die Pampa tropfen. Diese ach so umweltbewussten Freaks. Und so steckte Mario seine Nase noch mal in die Heckklappe und macht sich an den verschmorten Kabeln und Schläuchen die Finger schmutzig. Er reißt den Benzinschlauch vom Vergaser und schneidet das verschmorte löchrige Stück Schlauch mit seinem Taschenmesser ab und verstöpselt ihn mit einem Holzstöckchen. Dann nimmt er den geschnorrten Zucker und geht zurück zum Zelt.
Zum Frühstück sind Jürgen, Mario und die beiden Hamburger Mädels eine gemütliche Runde. Mario hat gestern lecker eingekauft und so lassen sie sich´s in der morgendlichen Bucht gutgehen. Das geht eine Woche so weiter. Chaotische Begegnungen gibt es zum Glück nicht mehr. Mallorca hat schöne Plätze zu bieten und die Vier tun ihr Bestes, die Energie hoch zu halten. Doch wie immer, irgendwann ist auch das vorbei. Mario muss die beiden Freundinnen vom Sprachkurs holen. In Palma gehen sie auf die Fähre. Und so verlassen die Drei Mallorca. In Barcelona steht Marios verstaubter Kombi noch auf dem Hafenparkplatz. Er ist nicht gestohlen worden. Nicht mal ein Fenster war eingeschlagen.
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